Cinema (c) Eric Schwabel

Published on Februar 23rd, 2015 | by Manuel Simbürger

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Oscars 2015: Politik statt Glamauk

Die Oscars 2015 waren geprägt von Politik, Gesellschaftskritik und einem lahmen Neil Patrick Harris.

Du bist während der Oscar-Verleihung eingeschlafen? Oder musstest dich mit gefühlten zehn Häferl Kaffee und zwei Flaschen Cola gewaltsam wach halten?

Ich verstehe dich. Denn die 87. Verleihung der Academy-Awards war nicht gerade von Spaß geprägt – von einigen wenigen Momenten mal abgesehen. Zäh war die Show, Überraschungen gab es so gut wie keine. Selbst Neil Patrick Harris, eigentlich Mastermind in Sachen Moderation von großen Event-Galas, blieb enttäuschend farblos.

Und doch war die Oscar-Verleihung 2015 eine der wichtigsten in der Geschichte der Academy Awards.

Politik statt Spaß

Dass „die Academy“ nicht dafür bekannt ist, die größten Kasperl unter Gottes Sternenhimmel zu sein, ist bekannt. Im Vergleich zu den Golden Globes oder auch den Emmys ist man bei den Oscars immer sehr darauf bedacht, die Tradition, das Klassische, das Alt-Ehrwürdige zu bewahren. Weshalb auch Stars in Interviews immer wieder offen zugeben (zumindest viele Monate VOR bzw. NACH der Verleihung, man will sich ja nicht selbst aus dem Rennen werfen), dass die Oscars natürlich irrsinnig glamourös und irrsinnig prestigeträchtig sind, aber mitunter auch ganz schön lahm sein können. Drei Stunden lang mehr oder weniger still dasitzen und sich gefühlte 100 Dankesreden anhören? Das kann schon zur Geduldsprobe werden, auch wenn man sich gerade im berühmten Dolby Theatre befindet.

Dieses Jahr wurde Spaß, Leichtsinn und Überraschung eher klein geschrieben. Im Gegensatz zum Vorjahr, als Ellen DeGeneres die Verleihung zu einer Pizza- und Selfe-Party verwandelte, standen dieses Jahr eher politische Reden anstatt Glamauk im Vordergrund. In Zeiten der politischen und wirtschaftlichen Unruhe, die auch und vor allem vor Hollywood nicht Halt macht, war der Oscar-Abend einer, an dem sich die Preisträger dem Diktat der Political Correctness und des tapferen Weglächelns mutig widersetzt haben und die Nacht mit ihrem Engagement zum Leuchten brachten. So zum Beispiel forderte Patricia Arquette, die mehr als verdient für ihre Rolle in „Boyhood“ mit dem Award als “Beste Nebendarstellerin” ausgezeichnet wurde, lautstark Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern – ganz allgemein, aber auch in der Filmbranche. Denn über der Verleihung schwebte immer noch der Sony-Hacking-Skandal, der mitunter brutal ans Licht zerrte, wie es mit der finanziellen Gleichberechtigung in Hollywood wirklich aussieht (Frauen erhalten immer noch um weiten weniger Gehalt als ihre männliche Kollegen). Dafür gab’s vom Publikum Standing Ovation, Meryl Streep und Jennifer Lopez machten mit Sieges-Gestiken deutlich, dass für sie Patricia Arquette die neue Heldin der Traumfabrik ist. Und die Heldin des Abends sowieso.

Kritische Award-Gewinner

Standing Ovations gab es an diesem Abend einige Male – kein Wunder, denn es gab kaum eine Dankesrede, die keine politische oder soziale Message beinhaltete. So erinnerten die Sänger Common und John Legend, Preisträger in der Kategorie “Bester Song” für ihr Lied “Glory” aus dem Martin-Luther-King-Biopic „Selma“, daran, dass Afroamerikaner noch immer und vor allem im Lichte aktueller Ereignisse in Ferguson und New York unter Rassismus und Bürgerrechtsverletzungen zu leiden hätten. Dass auch Hollywood vor Rassismus nicht gefeit ist, wurde schon in der allerersten Minute von Harris angesprochen, als er andeutete, dass vor allem weiße Künstler und Künstlerinnen heuer nominiert seien – womit er auf den kurz vor der Verleihung hochbrodelnden Skandal anspielte, dass zwar genügend Schwarze dieses Jahr würdige Preisträger gewesen wären, diese aber weitgehend von der Academy übergangenen wurden. So zum Beispiel wurden Ava DuVernay und David Oyelowo, Regisseurin bzw. Hauptdarsteler von „Selma“, für ihre durchaus tollen Leistungen nicht mal nominiert, was zu einem großen Aufschrei in Hollywood und zu einer folgenden Rassismus-Debatte führte.

Für einen sehr emotionalen Moment sorgte auch der Drehbuchautor Graham Moore, der mit dem Oscar für das beste adaptierte Skript zu “The Imitation Game” geehrt wurde. Sichtlich überwältigt, erzählte er offen von seinem Selbstmordversuch in seinen Jugendjahren, da er sich aufgrund seiner Homosexualität als gesellschaftlicher Außenseiter fühlte. Mit den Tränen kämpfend rief er dem ergriffenen Publikum zu: “Stay weird, stay different!” Auch Regisseurin Laura Poitras, ausgezeichnet über ihre Edward Snowden-Dokumentation „Citizenfour“, klagte mit deutlichen Worten die US-Regierung an und dankte auch Snowden selbst für seinen großen Mut: “Die wichtigsten Entscheidungen, die uns alle betreffen, werden im Geheimen getroffen. Wir verlieren unsere Fähigkeit, die Mächte zu überwachen, die uns kontrollieren.“ Julianne Moore betonte die gesellschaftliche und medizinische Relevanz, sich weiterhin intensiv mit der erschreckenden Krankheit Alzheimer auseinanderzusetzen und die Betroffenen nicht auszugrenzen. Sogar der Gewinner des Abends, der mexikanische Filmemacher Alejandro González Iñárritu, der mit “Birdman” die Oscars für die beste Regie und den besten Film bekam, zeigte sich nicht eingeschüchtert und schnitt, wenn auch nur am Rande, die kritische Lage der Immigranten in den USA an.

„Okey dokey, smokey!“

Auch in den prämierten Filmen spiegelt sich der Fokus auf ernste Themen wider: Alzheimer („Still Alice“ mit einer wie immer fesselnden Julianne Moore), ALS („The Theory of Everything“ mit einem grandiosen Eddie Redmayne), Kriegstraumata und problematischer Patriotismus („American Sniper“), Homosexualität („The Imitation Game“) und eben Rassismus in „Selma“. Selbst der vielfach ausgezeichnete Film „Birdman“ wirft einen überraschend kritischen Blick auf die Hollywood-Farce. Dass dieser im Vergleich zu seinen Konkurrenten eher harmlose Film der große Abräumer des Abends war (die Liste mit allen Gewinnern gibt es am Ende des Artikels), hat wohl vor allem damit zu tun, dass Hollywood sich am liebsten mit sich selbst beschäftigt.

Auch die Gäste an diesem Abend zeigten sich überaus menschlich und locker und wehrten sich so gegen die Über-Stilisierung Hollywoods – hoffentlich ein Trend, der sich in den nächsten Jahren fortsetzen wird. So ließen Chris Pine und David Oyelowo ohne Scham die Tränen laufen, als sie dem bewegenden Song „Glory“ lauschten. Streep sprang bei Arquette begeistert von den Sitzen, Lopez machte auch mit. Michael Keaton schaufelte fortwährend Snacks in sich hinein und Julianne Moore schaute unentwegt verliebt ihren Ehemann an und kämpfte bei ihrer Dankesrede für „Beste Schauspielerin“ mit den Tränen. La Lopez stolperte auf die Bühne, John Travolta betatschte fortwährend Idina Menzel und Cate Blanchett kündigte den „Besten Schauspieler“ überaus sympathisch mit den Worten „Okey dokey, smokey!“ an.  Vor der Veranstaltung ist (in diesem Fall) während der Veranstaltung: Am Red Carpet war Naomi Watts von den Regentropfen sehr verunsichert, Felicity Jones erzählte von ihren schlechten Fahrkünsten und Lady Gaga erklärte, wieso Neo-Verlobter und Hottie Taylor Kinney heute Abend nicht dabei ist: „Er muss morgen wegen der Arbeit früh raus.“ Können wir nachvollziehen. Apropos Gaga: Selbst die schrille Pop-Queen gab sich bei ihrer Performance, ein Tribut an das Kitsch-Musical „The Sound of Musical“, ganz züchtig, unaufgeregt und setzte endlich mal nicht auf schrille Kostüme, sondern auf ihre beeindruckende Gesangsstimme.

Harris: Leider nicht legen…wait for it…dary

Und Moderator Neil Patrick Harris? Der hatte aufgrund des  gesellschaftskritischen roten Faden des Abends einen schweren Stand. In einer Tour de Force durch die Filmgeschichte besang der Broadway-Star zu Beginn des Abends gemeinsam mit Anna Kendrick (als „Into the Woods“-Cinderella) und Jack Black (leider) die großen Hollywood-Klassiker. Das war schon ganz ordentlich, wenn auch nicht spektakulär. Was aber dann folgte, war mehr als durchwachsen: Flache Gags, die überraschend oft auch ziemlich unangebracht waren. Edward Snowden, so Harris, könne deswegen an der Show nicht teilnehmen, weil er „for some treason“ (auf Deutsch: Hochverrat) verhindert sei. Der Saal reagierte verhalten. Auch, dass er sich über das Kleid von Kurzfilm-Regisseurin Dana Perry, die Sekunden zuvor noch in ihrer Dankesrede über den Selbstmord ihres Sohnes sprach, rief höchstens Kopfschütteln hervor und zog einen Twitter-Shitstorm auf Harris nach sich.

Natürlich, es gab auch ein paar Lichte Momente: Zum Beispiel, als Harris nur mit Unterhose, als Tribut auf „Birdman“, auf der Bühne erschien (ich musste hier unwillkürlich an den legendären Nacktauftritt von Andi Knoll bei den Amadeus Awards denken!) und dabei sehr süß zerknirscht aus der Wäsche (hehe) schaute. Und der Gag über die Bromance von Matt Damon und Ben Affleck war auch nett. Der billige Witz über Reese Witherspoon („She’s so sweet you could eat her with-a-spoon!“) dagegen weniger.

Schade, weiß man doch, was Harris eigentlich auf den Kasten hat und einer der größten Entertainer ist, die die Traumfabrik derzeit zu bieten hat. Fast schien es so, als sei die Rolle des Moderators dieses Jahr etwas eingeschränkt worden – und dieser enge Rahmen Harris Fesseln auferlegte, die er nicht sprengen wollte und konnte. Auch schien es fast so, als ob die Academy mittels Harris‘ betont oberflächlicher Performance erneut betonen wollte, dass man bei den Oscars eigentlich sehr unpolitisch sei. Trotz aller kritischen Dankesreden, auf die man am Ende ja doch keinen Einfluss hat. Also war Harris es, der die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und oberflächlichem Entertainment halten musste. Hat nur leider nicht wirklich geklappt. Bleibt nur zu hoffen, dass die Oscar-Verleihung nicht einen Karriereknick für Harris bedeutet. Vielleicht sollte er sich mal bei James Franco oder Anne Hathaway melden – die können schließlich ein Lied davon singen.

Die vollständige Liste mit allen Gewinnern gibt es hier.

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Credit Vorschaubild: Eric Schwabel

 

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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