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Published on Januar 20th, 2016 | by Manuel Simbürger

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Austrias Next Topmodel: Medialer Selbstmord

Österreich ist angepisst.

Oder zumindest jene paar Tausend, die beim „Austrias Next Topmodel“-Abenteuer (und das war es wirklich!) dabei waren. Das waren, ehrlich gesagt, nicht sehr viel. Aber ausreichend immerhin, um einen gehörigen Shitstorm im Netz auszulösen: Denn Puls 4, jener Sender, der gerne die Innovations- und Modernitätsfahne aus dem Fenster hängt, hat beim gestrigen Modelfinale voll und ganz versagt. Statt Live-Show ein lauwarmer Abschied in Monte Carlo – aufgezeichnet, versteht sich. Einen „Live-Einstieg“ gab’s in den letzten 15 (!) Minuten, wo emotions- und vor allem einfallslos Bildungs-Feind Fabian zum Sieger gekürt wurde. Der hatte darauf nicht viel zu sagen, natürlich. War aber auch schon egal: Gefühlt die Hälfte der Zuschauer hatte zu diesem Zeitpunkt bereits den Sender gewechselt. Oder verärgert, unter Tränen und fertig mit der Welt das Fernsehkastl abgeschaltet. Oder sich ihren Ärger auf Facebook Luft gemacht.

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Zum Einen: Wieso, bitte, hat man sich nicht für eine Live-Show entschieden? Weil die im vorherigen Jahr so schlecht war? Okay, das war sie tatsächlich. Und doch ein wahres Meisterwerk im Vergleich, wie die ohnehin bereits problematische aktuelle Staffel (die Quotenhascherei war nur allzu offensichtlich) abgeschlossen wurde. Emotionslos wurden Gloria und vor allem Mia rausgekickt – und ab da war’s im Land sowieso oha: Mia, die Favoritin, Everybody’s Darling, die Königin der Herzen – nur auf Platz Drei?! Und vor allem: Wieso haben auch die beiden bereits vor der „Live-Entscheidung“ ausgeschiedenen Kandidatinnen die vergangenen sieben Tage zum Voting aufgerufen?! Wenn’s ja eh schon feststand, seit langem gar?! „Österreich entscheidet?“, hieß es. Spektakulär wird’s, hieß es. Na wohl eher nicht, würd ich (und alle anderen) mal sagen. Der Grund, zumindest fürs Voting-Desaster, ist klar: Die KandidatInnen wurden vom Sender angehalten, die Fans zum Voting zu motivieren, um die Spannung aufrecht zu erhalten. Um die Quoten in die Höhe zu treiben. Hätte man gewusst, dass Mia, unser aller Schatzi, nur auf Platz 3 landet – wer hätte da noch eingeschaltet? Wohl eher wenig, wenn man sich die verärgerten Kommentare auf der ANTM-Facebook-Seite durchliest.

Dass die Zuseher verärgert sind, ist verständlich: Denn was Puls 4 hier geliefert hat, war nichts anderes als ein Fake-Voting – denn alle Votes für Gloria und Mia zählten am ENde natürlich nicht, waren sie doch in Wirklichkeit schon längst aus dem Rennen. Puls 4 verarscht seine eigenen Zuseher, und das nicht mal zwischen den Zeilen, sondern ziemlich offensichtlich – dass muss man sich mal trauen, muss man auch mal sagen. Das erste Mal verstehen wir, wieso Gloria die ganze Zeit so angepisst ausgesehen hat und Melisa sich gerne mal aufgeregt hat. Die Kandidatinnen wurden dazu gedrängt, ihre Fans zu verarschen. Was Puls 4 den KandidatInnen und jetzt auch uns Zusehern die letzten Monate zugemutet hat, das grenzt schon beinahe an Satire. Wenn es nicht bitterer, absolut von Selbstreflexion befreiter Ernst wäre.

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Die Fans haben für Mia und Gloria umsonst gebotet – in Wirklichkeit waren sie schon längst ausgeschieden.

Interessant auch, dass alle Likes und Kommentare, die Mia bis zum Finale gesammelt hatte (und das waren ganz schön viel, nämlich mehr als die anderen drei FinalistInnen zusammen!), noch schnell vor der Live-Entscheidung (zwischen Fabian und Angelina) komplett zurückgesetzt wurde. Das fiel zum Beispiel Kandidat Lukas auf, der geistesgegenwärtig einen Screenshot machte und ins Netz stellte. Peinlich! Und dann erst die letzten 15 Minuten – da lief so viel falsch, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. An die stets überfordert wirkende Moderatorin Bianca Schwarzjirg ist man ja schon gewohnt, irgendwie. Was aber der Mini-Auftritt aller ausgeschiedenen KandidatInnen sollte, die sich kurioserweise auch noch für „Team Angelina“ oder „Team Fabian“ entscheiden musste, obwohl dies so gar keinen Einfluss auf die Entscheidung hatte, bleibt durchaus ein Rätsel. Auch das wirre Einblenden der Voting-Zwischenergebnisse trug nur bedingt zur Spannung bei. Als dann plötzlich Fabian als Sieger feststand, war’s auch schon wieder Schluss. Schwupps. Vorbei wars. Kein Glamour. Keine Emotionen. Und vor allem: keine Jury. Die glänzte nämlich durch Abwesenheit. Was den Eindruck weiter verstärkt, dass die Jury (abgesehen von Papis Loveday) mit den KandidatInnen dieser Staffel nie wirklich warm wurde.

Zugegeben, wir schreiben erst den Januar, aber: Sollte es am Ende des Jahres einen Rückblick auf die dunkelsten Stunden des TV-Jahres geben – Austrias Next Topmodel würde die Challenge haushoch gewinnen. Nach einem kreativen Hoch während der Hong Kong-Wochen hatte man als positiv eingestellter Zuseher kurz Hoffnung, das sinkende Show-Schiff würde wieder Fahrt aufnehmen. Leider ist es stattdessen sang- und klanglos untergegangen, beinahe schon im Titanic-Ausmaß. Wer von den Zusehern nächste Staffel nach diesem Finale-Fiasko noch dabei sein wird, wird man sehen. Oder eben auch nicht. Wobei es interessant wäre, wie es Puls 4 anstellen möchte, um das Vertrauen der Fans wieder zurückzugewinnen. Zurzeit scheint das ein Ding der Unmöglichkeit zu werden – und das zurecht.

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Ich an meiner Stelle bin immer noch sprachlos. Kann nicht fassen, was ich da gesehen habe. Das war kein Abfeiern der vergangenen Monate, das war medialer Selbstmord. Dass der Sender sein Publikum offensichtlich nicht ernst nimmt und für blöd verkauft, das bewies die Sendungsredaktion mit schlafwandlerischer Sicherheit auch im Umgang mit den Facebook-Usern: Mit halbherzigen, unlogischen, gar lächerlichen Kommentaren wurde die Kritik der Fans abgetan. Die Kommentare der Redaktion waren so vollkommen sinnbefreit, dass man dieses Tun nur noch als weitere Form des Wahnsinns erklären kann. Intern weiß man: Diverse Medien weigern sichgar, über die Show zu berichten (sieht man von den obligatorischen Kurzmeldungen ab): Zu „grottenschlecht“ sei die Sendung heißt es. Damit will man sich nicht das eigene Medium beschmutzen.

Sorry, Puls 4, das war wohl nix. Aber, ehrlich: Mich würde wirklich interessieren, was ihr euch dabei gedacht habt. Beim Finale. Und manchmal auch schon die Monate davor. Denn so selbstsicher ein No-Go nach dem anderen zu begehen, dass muss man wirklich mal schaffen.

Fotos: Puls 4 / Gerry Frank, Robert Grischek 

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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