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Published on Juni 8th, 2016 | by Manuel Simbürger

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Feminismus in Orange, oder: Der Tag, an dem ich die OITNB-Ladys traf

Anlässlich des weltweiten Starts der heiß erwarteten vierten Staffel der Netflix-Hitserie „Orange is the new black“ am 17. Juni machten Crazy Eyes, Lorna, Daya, Gloria und Big Boo mal kurz einen Abstecher nach Berlin, um über Feminismus, Sexszenen und mein T-Shirt zu quatschen. Was uns geboten wurde sind fünf grundverschiedene Frauentypen – und jede von ihnen hätte das Potenzial, die Welt zu erobern. Vielleicht haben sie das ja auch schon.

Mitten am geschichtsträchtigen Potsdamer Platz in Berlin prangt ein überdimensionales Plakat mit Gefängnis-Insassinnen, die uns zugleich Angst als auch Vertrauen einflößen: „Für alle, die während der EM orange sehen wollen“ ist da zu lesen, ganz catchy. Piper, Red, Crazy Eyes und Co. blicken überlegen auf einen herab, genau dort, wo noch Reste der geschichtsträchtigen Berliner Mauer stehen – immerhin wohl DAS geschichtsträchtige Symbol für Trennung, Hass, Vorurteile und gesellschaftliche Scheren, die sich immer wieder und gerne und immer weiter auftun. Plötzlich verstehe ich irgendwie, wieso sich die Stars aus der Netflix-Hitserie für Berlin entschieden haben, um die kommende vierte Staffel, die weltweit am 17. Juni online gehen wird, zu bewerben. Wobei, diesen Zusammenhang dürfte wohl sonst keinem auffallen.

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Wie auch immer: Das riesengroße Plakat macht klar: The hype is real. Die ganze Welt ist plötzlich orange und das Gefängnisleben hat das letzte Mal auf uns eine derart große Faszination ausgeübt , als Michael Scofield sich selbst inhaftierte, um seinen sexy Bruder aus dem Knast zu befreien.

A wild bunch für Europas Presse

Dass es diesmal aber um Frauen- statt um Brüderpower geht, wird mir spätestens dann klar, als ich mit einer Gruppe Journalisten zusammengesteckt werde, die nur aus weiblichen Vertretern der Zunft besteht. Überall her ist sie gekommen, die Presse, aus ganz Europa, um die lässigsten Häfn-Schwestern der TV-Geschichte über die anstehende  Staffel auszuquetschen. Angekündigt haben sich Lea Delaria, Uzo Aduba, Dascha Polanco, Yael Stone und Selenis Leyva - eine ganz bunte Mischung, a wild bunch eben, ganz so, wie wir es ja auch von der Serie gewöhnt sind. Eigentlich hätten auch Taylor Schilling, Taryn Manning und Kate Mulgrew auftauchen sollen, aber das wurde dann doch nichts. Erste beiden haben für ihr Fernbleiben keine Begründung abgegeben, letztere hatte angeblich Probleme mit ihrem Flug. Bisschen enttäuscht sind wir deswegen schon, schließlich gehören die drei zu den biggest names der Serie. Aber gut, man kann halt auch nicht einfach so aus einem Gefängnis rein und raus, wie man das selbst gern möchte (außer, man heißt Scofield).

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Lea, der Kumpel

Die Enttäuschung ist aber spätestens dann verschwunden, als der erste Star den Interviewraum betritt: “I was in the wrong room, am I too late, guys?!” Lea Delaria ist laut, authentisch und eigentlich ganz genau so, wie man sich die „Butch Lesbe“, wie sie sich selbst voller Stolz bezeichnet, vorstellt. Nur ist sie um einiges schmäler und kleiner, als man glauben mag – Big Boo heißt ja nicht umsonst so. Lea lacht viel und laut und nimmt von der ersten Sekunde den Raum ein. Berührungsängste hat sie keine, sofort ist man mit ihr auf einer Wellenlänge und man hat das Gefühl, als würde man mit der langjährigen „kantigen lesbischen Freundin“ gerade auf ein Bier in der nächsten Kneippe sitzen und über Gott und die Welt quatschen – und nicht im nobel-noblen Ritz Carlton-Hotel, wo man außer Prunk nur noch Glamour sieht. In diese feine Umgebung passt Lea nicht ganz so rein mit ihrer auffälligen Sonnenbrille und ihrem schicken, fliederfarbenen Hosenanzug. „I love your shirt, man!“, lacht sie laut auf, als sie mich sieht und macht auch gleich mal ein Foto von mir: „I have to send it to people. THAT’S. BEYOND.BELIEVE.“. Ich gebe zu, ich habe mir durchaus Gedanken gemacht, mit welchem Outfit ich die Ladys begrüße – und habe mich für mein „Ryan Gosling is the New Black“-T-Shirt entschieden, weil … c’mon, hättet ihr das nicht auch gemacht?!

Lea jedenfalls ist begeistert, lacht noch mehr und das Eis ist sofort gebrochen. Sie erzählt uns – natürlich – unter schallendem Gelächer vom drinking game, das der Cast erfunden hat, das aber, zugegeben, wohl nur die Beteiligten selbst wirklich lustig finden. Weiter geht’s, indem sie uns amüsiert erzählt, wie sie Natasha Lyonne (die „Nicky“ aus der Serie) das Geheimnis des Fistens beibrachte und dass es generell immer sie ist, zu dem die Kolleginnen kommen, wenn es um „schwule und lesbische Dinge“ geht. Dass die Gute aber mehr kann als bloß einen Kalauer nach dem anderen rauszuhauen, wird auch sehr schnell deutlich: Enthusiastisch, aber mit allem nötigen Ernst stellt sie klar, wie wichtig es ist, dass die Serie verschiedene Frauentypen zeigt, dass sie sich voller Überzeugung als Feministin sieht und auch vor keiner politischen oder gesellschaftskritischen Debatte zurückschreckt (was man ihr sofort abnimmt). Lea nimmt sich kein Blatt vor den Mund, wenn sie die politische Über-Korrektheit der queeren Community kritisiert („I never say ‚LGBTQ‘, that’s Alphabet-Soup-Nonsens! We are all individuals!“) und auch durchaus anprangert, dass die Community selbst einiges dazu beiträgt, sich aus der Gesellschaft auszugrenzen anstatt zu inokulieren. Sie hat gesundes Selbstbewusstsein („Everybody knows I’m a great on Broadway!“) und freut sich, dass wir über ihre Musik etwas wissen wollen (“My latest CD is the greatest thing I’ve ever done!”). Dass der Humor, den sie vor sich her trägt, auch eine tiefere Bedeutung hat, imponiert mir am meisten: denn ihre Gabe, andere zum Lachen zu bringen und die Welt mit einem humorvollen Auge zu betrachten, hat sie die schwere Zeit in einer streng-katholischen Schule überstehen lassen – eine Zeit, als das Schlagen mit dem Lineal von den Nonnen-Lehrerinnen noch an der Tagesordnung war. Und als sie dann auch noch erzählt, dass sie verhaftet wurde, weil sie (am Seeufer! In der Nacht!) eine Frau küsste, ahnen wir, dass diese Lady vor uns schon einiges gesehen und erlebt hat.

20 Minuten dürfen wir mit Lea frei von der Leber weg reden, es fühlt sich aber an wie 10 Minuten. Die Stand-Up-Comedienne ist (Gott sei Dank, sonst hätte sie wohl ihren Beruf weit verfehlt) jemand, den man stundenlang zuhören kann, ohne, dass Langeweile aufkommt. Ohne, dass man das Gefühl bekommt, es ginge hier nur um Selbstprofilierung und Selbstdarstellung. Lea ist jemand, der vollkommen mit sich im Reinen ist und der durchaus genießt, endlich den Erfolg zu haben, auf den sie wohl schon so lange hingearbeitet hat. Fotos dürfen wir mit ihr keines machen, wie die Presseleute der Serie, die mit Adleraugen über die Interviews wachen, klarstellen. Wir sind enttäuscht (wieder mal), was Lea aber mehr unangenehm ist als uns: „Grab me outside afterwards!“, flüstert sie uns noch schnell zu, als sie auch schon von der Assistentin aus der Tür bugsiert wird. Was wir auch glatt gemacht haben,  weil da scheißen wir uns schließlich nix. Das haben wir von Lea gelernt.

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Eleganz und Selbstkritik: Dascha und Yael

Wir Journalisten sind gespannt, wie es weitergeht, schließlich war das ja schon mal ein mehr als gelungener Einstand. Nach kurzer Zeit geht’s auch schon weiter: Sascha Polanco (Daya Diaz) und Yael Stone (Lorna Morello) stehen plötzlich vor uns. Auch sie nehmen den Raum sofort für sich ein, haben eine starke Ausstrahlung, sind dabei aber vielleicht nicht zurückhaltender, aber doch vornehmer als Kollegin Lea. Was auffällt: Weder Dascha noch Yael sehen „im echten Leben“ (was immer das auch heißt) so aus, wie wir sie aus Litchfield kennen. Interesssant dabei der direkte Vergleich der beiden: Während Lorna eine der wenigen Figuren der Serie ist, die Make-up tragen dürfen, verzichtet Yael privat komplett auf Schminke. Genaues Gegenteil bei Dascha: Die ist, wenn schon nicht in der Serie, von Kopf bis Fuß perfekt gestylt, da sitzt jedes Detail. Stil haben beide: Während Yael mit pinker Bluse, lässiger schwarzer Hose, Killer-Stiefeln und einem Cowboy-Magier-Hut überzeugt, sieht Dascha in einem zartrosa Traum von Kleid (sorry, ich merk grad, ich sollte nie über Fashion schreiben …) aus wie eine Prinzessin. Eine Prinzessin, die weit weg ist von Hollywood-Size Zero und gerade deshalb Sinnlichkeit und Selbstvertrauen en masse ausstrahlt.

Wobei: Dieses Selbstbewusstsein, dieses Eins-Sein mit dem eigenen Körper musste Dascha erst lernen, erzählt sie uns. Auch im Interview mit ihr und Yael geht es sehr persönlich zu, beide schrecken nicht davor zurück, auch sich selbst kritisch zu betrachten,  die gute Laune überwiegt natürlich trotzdem. Auch bei den beiden hat man das Gefühl, die Serie habe immens auf sie als Person und auf deren Sichtweise auf die Welt abgefärbt: Auch Dascha und Yael bezeichnen sich als Feminstinnen, auch die beiden betonen, wie wichtig es ist, dass Frauen zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen. Das klingt teilweise zwar etwas wie typische Interviewfloskeln, aber irgendwas ist da, dass man den Damen es wirklich abnimmt, dass sie meinen, was sie sagen. Interessant auch zu beobachten, wie sich die beiden ergänzen: Obwohl Yael mit einem durchaus lauten Stimmorgan ausgestattet ist und, hat sie mal angefangen, wie ein Wasserfall redet, ist es doch Dascha, die im Gespräch dominiert. Im Gegensatz zu Lea oder auch Yael wirkt Dascha sehr ruhig, nicht aufgekratzt, alle ihre Worte sind wohl überlegt. Ihre Stimme ist sinnlich und zieht einen sofort in den Bann. Sie wirkt verletzlich und stark zugleich, ist Mama und Tochter, Beschützerin und Zu-Beschützende gleichzeitig. Sie gibt zu, mit sich und ihren Rundungen lange Zeit Probleme gehabt zu haben und dass sie es, nicht zuletzt dank der Serie, endlich geschafft hat, sich nicht nur auf die negativen Dinge zu konzentrieren. Und zu wissen, was sie wirklich will: „At the age of 30 I’ve learnt to love myself.“ Und: „I was always in a dark place, not showing anybody that I’m weak.“ Ich kämpfe ein bisschen – okay, ziemlich viel – mit den Tränen. Und würde sie in diesem Moment einfach gerne umarmen.

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Zu Yael habe ich sofort eine besondere Verbindung. Auch sie ist – wie Dascha – von meinem Shirt begeistert und lacht deswegen mal laut drauf los. Yael lacht viel, lacht laut; dass sie ohne Make-up zu einem Pressetermin kommt, macht sie sympathisch und ungekünstelt. Sie mag es, als ich Ryan Gosling ins Spiel bringe (“Ryan Gosling said …” – “Oh, I CANNOT wait how this sentence ends!”) und nimmt dankbar meine Frage auf, wieso sie Sexszenen vor der Kamera als Privileg empfindet, wie sie irgendwann mal in einem Interview fallen ließ. Ihr Akzent ist deutlich australisch gefärbt, aber so ganz anders als jener vorn Lorna, den sie sich selbst mühsam erarbeitete. Lorna übrigens empfinde ich als eine der faszinierendsten Figuren der Serie, wie ich ihr auch gleich, ganz auf bissi schleimend, sage. „Then you hate me, I am completely different than her!“, lacht sie, woraufhin ich ein gespieltes „Oh, I haaaateeee you!“ von mir gebe, was sie noch mehr zum Lachen bringt. Sie macht deutlich, dass sie in Sachen Liebe und Ehe nach so gar nicht traditionellen Vorstellungen lebt und dass sie das Buch von Germaine Greer, „The Female Eunuch“, ärgerlich und faszinierend zugleich findet. Auf die Frage, wie die beiden Girlpower definieren (schnarch!), antwortet sie keck: “I don’t know, I’m a woman!” Nice shade, wie auch Dascha unter Gelächter anmerkt. Obwohl Yaels Worte so schnell herausschießen wie aus einem Maschinengewehr, schafft sie es, am Ende die Dinge so pointiert zusammenzufassen wie keiner ihrer Kolleginnen: “We shouldn’t talk about womanhood. It’s about person-hood.” Ja, ich glaube, in einem anderen Leben wären Yael und ich sehr gute Freunde gewesen.

Schön und berührend zu beobachten ist, wie sich Yael und Dascha während des gesamten Gesprächs ergänzen. Aufrichtig interessiert hören sie einander zu, zollen sich gegenseitig Respekt und greifen die Gedanken des anderen auf, ohne dabei ihre eigene Selbstständigkeit und ihren Individualismus zu verlieren. Besonders, wenn es um Frauenrechte und, ach, die Liebe geht, scheinen sich die beiden echt gut zu verstehen. Wird Zeit, dass wir auch in der Serie mehr (oder eher: überhaupt mal) gemeinsame Szenen mit Daya und Lorna zu sehen bekommen.

Wir können die Netflix-Pressedame am Ende überreden, wenigstens ein Gruppenfoto mit den Ladys zu machen. Schnell, schnell. Wie zu erwarten haben Dascha und Yael nichts dagegen, freuen sich über das ehrliche Interesse an ihnen (oder sind einfach nur sehr professionell – schließlich sind wir es, die Promotion für ihre Show machen!). Dascha besteht darauf, dass ich in der Mitte des Fotos bin, ich bin ja der mit dem coolen Shirt. Ich wachse um einige Zentimeter und bin traurig, als die beiden von dannen ziehen. Ein Abend mit denen wäre echt verdammt lustig, denke ich mir.

Yael OITNB (c) privat

Autorität und Wärme: Selenis und Uzo 

Zum Abschluss gibt’s noch ein Gespräch mit Selenis und Uzo. Uzo ist dank ihrer bereits zwei Emmys, die sie für ihre Darstellung der Suzanne alias „Crazy Eyes“ schon gewonnen hat, der heimliche Star der Serie, die Spannung ist also besonders groß. Und tatsächlich: Als sie gemeinsam mit Selenis den Raum betritt, geht es im Vergleich zu Lea, Dascha und Yael etwas förmlicher zu, nun sollen wir Journalisten uns erst mal vorstellen, bevor wir mit der Fragerei beginnen (was eigentlich ist, streng genommen, nur höflich ist). Beide strahlen sowohl Wärme als auch eine Art von Autorität aus, die einem Respekt abgewinnt. Sie sind starke Ladys, mit denen man sich nicht anlegen sollte, daran besteht kein Zweifel. Dass sich beide kurz darauf als Shonda Rhimes-Fans outen, überrascht da nicht wirklich.

Im Interview übernimmt vor allem Uzo das Ruder: Sie redet viel, aber sehr langsam, lässt ihre Worte nicht einfach unüberlegt raussprudeln. Ähnlich wie Lea hat sie die Gabe, dass man von der ersten Sekunde an an ihren Lippen hängt. Sie ist so ganz anders als Crazy Eyes (duh!), ist besonnener; nur so zwischendurch, besonders wenn sie lustige Anekdoten erzählt, blitzt dieser ganz spezielle Crazy Eyes-Charme auf. Besonders optisch lässt Uzo keinen Zweifel daran, dass zwischen ihr und ihrer Figur Welten liegen: In einem knallengen roten Kleid, das ihre weiblichen Vorteile mehr als gut zur Geltung bringt, und keckem, aber doch sehr weiblichen Kurzhaarschnitt (ob es sich um eine Perücke handelte, konnte ich bis zuletzt nicht herausfinden) ist sie die Femme-Fatale in Person. Sie erklärt, was Feminismus für sie bedeutet – und nennt sich und ihre Kolleginnen, das muss man auch mal schaffen, ohne mit der Wimper zu zucken in einem Atemzug mit Gloria Steinem, Madeleine Albright und Co., ohne dabei aber anmaßend zu wirken. Sie gibt zu, genervt davon zu sein, dass alle Scott Haans, Dustin Hoffmanns oder Gene Hackmans der Welt vollkommen abgefuckt (my words, not hers!) vor die Kamera treten können und keiner sich etwas dabei denkt, bei Frauen das aber ein riesen Thema sei, wenn sie ohne Make-up vor die Kamera treten. „It’s about the story!“ Und: „Litchfield is not a Hollywood prison!“ (Ein bisschen schäme ich mich, ihre diese Frage überhaupt gestellt zu haben). Sie erzählt auch eine berührende Geschichte über einen psychisch-kranken Fan, der sich für ihre Darstellung der Suzanne bedankte. Witze gibt’s natürlich auch viele. Ähnlich wie Dascha beruhigt einem Uzos sinnliche, rauchige Stimme und gibt einem ein besonderes Gefühl der inneren Wärme und Ruhe. Im Kopf von Uzo scheint einiges vorzugehen –  das erahnt man, wenn sie sich tiefgehende Gedanken über ein Thema macht und ihre Gesprächspartner daran teilhaben lässt. Und auch da erkennen wir wieder Crazy Eyes in ihr.

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Und Selenis? Die strahlt Eleganz und Überlegenheit pur aus und ist somit jene, die wohl ihrer Serienfigur am nächsten kommt. Selenis ist sowas wie die Mama der Gruppe, das stellt man sich zumindest so vor, die mit Rat und Tat zur Seite steht, aber auch gern mal selbst die Sau raus lässt. Sie drängt sich nicht in den Vordergrund, ihre Stimme ist sehr sanft – was sie aber sagt, ist messerscharf und pointiert. Die Gesellschaft will einen Wettkampf unter Frauen?! Da spielt sie nicht mit – aber mit den Kolleginnen aus der Serie hat sie dieses Gefühl sowieso nicht, die lieben und unterstützen sich alle gegenseitig: „What you see is very real here.“ (Und ja, man glaubt das den Damen tatsächlich). Und dann der wohl coolste Satz des gesamten Tages: „Even when characters are in conflict with each other: the fact that we love an respect each other so much, we can go ugly. Because we know we are taking care of each other at the end of the day.“ Thanks, momma. Und amen, sister Uzo: „Women are not the enemy.“

Auf meine Frage, ob das Vor-Die-Kamera-Treten ohne Make-up einschüchternd (nein) oder befreiend ist (ja), regt sich Selenis darüber auf, dass Hollywood immer noch in Schubladen denkt; dass OITNB endlich mal zeigen würde, dass eine Serie über „women in all shapes and sizes and ages“ nicht nur funktioniert, sondern auch höchst erfolgreich ist und dass hier Frauen endlich mal die Möglichkeit bekommen, WIRKLICH zu schauspielern, ohne Style und Chichi und Gschisti-Gschasti. Recht hat sie. Wenn sie meint, am Orange-Set gibt’s keine Streitereien darüber, wer den schöneren oder engeren Rock hat und dass es hier wirklich um das Talent geht, höre ich einen kleinen Seitenhieb an Zicken-Serien wie „Desperate Housewifes“ oder „Sex and the City“ heraus. 
Selenis ist eine Latina, deren Temperament unter der Oberfläche brodelt, ähnlich einem Vulkan. Und, das darf ich sagen, hoffentlich: Sie ist bildschön. Eine MILF, wie sie im Buche steht (und das war jetzt wohl der anti-feministischste Satz des gesamten Artikels). Kurz: Das Feminismus-Thema, das sich wie ein roter Faden durch den Pressetag zieht, dominiert auch das Gespräch mit diesen zwei Ladys. Dass auch sie sich als Feministinnen bezeichnen, das hätte man eigentlich gar nicht fragen müssen.

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Uzo und Selenis sind dann die einzigen, die einen (winzigen) Ausblick auf die kommende Staffel geben: „It’s gonna be the most darkest season yet! It’s really intense!“ Mehr verraten sie aber auch nicht, die Netflix-Dame schaut schon streng. Fotos gibt’s mit den beiden auch nicht. Man hat aber auch ein bisschen das Gefühl, als wären sie froh darüber. Am Ende stolpert Uzo noch über die Tasche der französischen Journalistin. Ganz kurz erscheint Crazy Eyes-Gesichtsausdruck, der zusammen mit dem sexy Kleid ein irrtierendes Gesamtbild ergibt.

Verschiedene, echte Frauentypen

Am Ende, als unsere Welt nicht mehr ganz so stark in Orange getaucht ist und wieder seine normalen (ernüchternden) Farbtöne annimmt, sind wir immer noch geplättet: So viel starke Frauen auf einmal, das kann einem schon durchaus die Sprache verschlagen. Was uns in der kommenden viertel Staffel der Frauengefängnis-Dramedy erwartet, darüber haben wir zwar nicht sehr viel erfahren, aber eigentlich ging’s auch gar nicht darum. Sondern viel mehr um die Macht von Frauen. Innerhalb von rund 60 Minuten haben sich uns derart verschiedene Frauentypen präsentiert, die Feminismus tatsächlich auf ein neues Level heben: Wir haben gelacht und diskutiert mit der butchen Lesbe, über Sex gequatscht mit der stylishen Make-up-Verweigerin, eine Reise in unser Inneres unternommen mit dem sensiblen Latina-Vollblutweib, über das Frau-Sein philosophiert mit der zweifachen dunkelhäutigen Emmy-Gewinnerin und über die Hollywood-Regeln geschimpft mit der brodelnden Latina-Vulkan-Mama. All diese Ladys sind Individuen und doch eine Einheit – und genau das macht wohl wahre Frauenpower aus. Besser könnte man eine Serie wie Orange is the New Black nicht promoten.

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(Wer Zweifel an dem Band zwischen den Damen hat, der schaue mal schnell auf den Instagram-Account von Lea Delaria. Die Girls wissen, wie man sich eine gute Zeit macht!)
In Kürze folgen die Interviews mit den Orange is the New Black-Heldinnen. Bleibt dran!

 

Fotos: privat, Instagram @realleadelaria

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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