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Published on November 30th, 2016 | by Manuel Simbürger

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GEM: Pop-Feminismus, der keinem weh tut

Es ist das Comeback des Jahres, das eigentlich gar keines ist, auch keiner so richtig mitkriegt, aber die Hardcore-Fans sowie Insider vollkommen auszucken lässt vor Freude, Melancholie und Neugierde: Auf YouTube wurde nämlich nicht nur der neue, sondern allererste Song von GEM ge-leaked und der ist, wenn auch nicht erderschütternd, dann doch ein Liedchen, das Pop-Herzen höherschlagen und den Fuß rhythmisch mitwippen lässt.

GEM. Endlich.

Aber Moment.

Ähm, sorry.

WTF ist GEM?!

GEM, das Spice-Spin Off

GEM, das sind Geri Horner (alias Halliwell), Emma Bunton und Melanie Brown. Wenn’s jetzt immer noch nicht klingelt: Die drei Ladys sind auch als Ginger Spice, Baby Spice und Scary Spice bekannt. Sie sind Dreifünftel der Spice Girls, jene erfolgreichste Girlband ever, die die 1990er genauso geprägt haben wie bauchfreie Tank Tops, die Love Parade oder blond gefärbte Stirnfransen bei pubertierenden Jungs (guilty).

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Nach der skandalträchtigen Trennung Anfang der Nullerjahre sowie der Comeback-Welttournee 2007, die mehr schlecht als recht funktionierte, sind sie nun also wieder da, um die Welt einmal mehr pop- und rotzfrech zu erobern und Beyonce, Rihanna, Miley und Hilary Clinton zu zeigen, wer Girl Power eigentlich wirklich erfunden hat. Zwar waren Victoria „Posh Spice“ Beckham (wenig überraschend) und Melanie „Sporty Spice“ Chisolm (irgendwie schon überraschend, aber dann eigentlich doch nicht) eher an ihren Solokarrieren als an einer Wiedervereinigung der Gewürzmädels interessiert, aber die verbliebenen Girls – geschäftstüchtig wie eh und je – ließen sich davon nicht beirren und gründeten kurzerhand (und gleichzeitig sicherlich von langer Hand geplant) die Spice Girls-Schwesterngroup GEM, deren Name sich ganz kreativ aus den Initialen von Geri, Emma und Mel B zusammensetzt. Und auch wenn bei den Spice Girls Logik nie wirklich großgeschrieben wurde, ist die Gründung von GEM nicht mal aus der Luft gegriffen: Schließlich feierte 2016 ihre Hitsingle „Wannabe“ 20-jähriges Jubiläum, immerhin der damalige Startschuss für den weltweiten Spice-Wahnsinn.

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Und mit GEM, betonen Geri, Emma und Mel B, wollen sie mit ihren Fans dieses Jubiläum feiern, ihre Dankbarkeit für die jahrzehntelange Loyalität zeigen, ihnen ein bisschen Liebe zurückgeben. Dass die drei Ladys jene der Band sind, deren (Musik-)Karrieren seit vielen Jahren stagniert und ein Wiederbeleben der Spice-Karosserie wohl auch ihren Geldböserln Dankbarkeit, Liebe und Loyalität schenkt, darüber wird sowohl seitens der Band als auch der Fans gekonnt der breite Teppich des Schweigens ausgebreitet.

Der Anfang vom Anfang

Noch ist das GEM-Projekt nicht richtig in die Gänge gekommen, das rechtzeitige Comeback zum Jubiläum ist aufgrund des Sich-Verweigerns von Sporty und Posh geplatzt. Mehr als eine offizielle Youtube-Message sowie zahlreiche Instagram- und Paparazzi-Fotos und einige gemeinsame öffentliche Auftritte, die belegen, das zumindest zwischen diesen Dreien Freundschaft tatsächlich nie endet, gibt’s derzeit noch nicht. Zumindest bis jetzt. Denn vor wenigen Tagen wurde der Song „Song for her“ ge-leaked, auf YouTube online gestellt und kurz danach von aufmerksamen Fans begeistert und außer sich vor Überraschung und Freude in diversen Social Media-Foren verbreitet. Es dauerte nicht lange, bis Emma dann auch tatsächlich bestätigte, dass es sich bei „Song for her“ um einen waschechten GEM-Song handle, der jedoch mehr aus „Spaß und Herum-Tollerei im Studio“ entstanden und keinesfalls als erste Single geplant sei. Zudem zeigte sich Baby etwas verärgert darüber, dass der Song bereits jetzt das Licht der Welt erblickte, aber so ist das wohl nun mal, wenn man ein Spice Girl im Jahr 2016 ist.

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Pop-Feminismus vom Feinsten

Dass „Song for her“ nicht das Debut von GEM werden wird, hört man. Alles in allem klingt das Lied noch zu sehr nach Demo, es plätschert dahin und kann nach dem ersten Mal Anhören nicht überzeugen. Zu wenig Ecken und Kanten gibt’s hier, zu wenig Wiedererkennungswert – was überrascht, schließlich waren Geri und Mel B die polarisierendsten, frechsten und schillerndsten der (ohnehin nicht schüchternen) Mädchen.

Gibt man dem Song jedoch eine zweite, vielleicht auch dritte und vierte Chance, wird schnell klar, dass man hier einen Rohdiamanten vor sich hat, der nicht nur radiotauglich ist, sondern auch ins Ohr geht. Dabei gelingt GEM das Kunststück, immer noch wie die Spice Girls zu klingen, ohne aber ihren alten Sound zu kopieren oder krampfhaft jugendlich rüberkommen zu wollen: Vielmehr klingt „Song for her“ wie ein Song, den die gereiften Spice Girls heutzutage veröffentlichen würden, wären sie vor vielen Jahren nicht getrennte Wege gegangen. „Song for her“ paart erneut Feminismus-Floskeln (“Never forget the girl is the woman you are”) mit aalglattem astreinem Pop-Sound, der sich – und das ist GEM hoch anzurechnen – nicht am derzeitigen Techno-Trend orientiert, sondern auf Natürlichkeit und organischen Sound setzt, der noch dazu überraschend zeitlos daherkommt. „Song for her“ tut keinem weh, klingt ein bisschen wie ein Geburtstagsständchen, das sich lieb-säuselnd und unbemerkt ins Ohr schleicht und sich dort einnistet, ohne zu wissen, wie er eigentlich dorthin kommen konnte. Wo der Song aber sicherlich hinkommen könnte, wäre der Eurovision Song Contest 2017. Denn “Song for her” klingt stark nach Europop, der sich mit seiner Women-Empowering-Message noch dazu nahtlos in all die ESC-Dance-Wir-haben-uns-alle-lieb-Nummern einreihen würde.  Da weiß wohl jemand, wer seine Fans sind.

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Aber wie ist das denn nun, wenn Sporty und Posh nicht mehr mit von der Partie sind? Freilich: Die Spice Girls sind eine Band aus fünf, nicht drei Sängerinnen. Das wird auch immer so bleiben. Weshalb man GEM auch nicht als Spice Girls, sondern vielmehr als eine Art Ableger (oder Spin-Off, wenn man so will) betrachten sollte. Während Poshs Stimme nicht wirklich schmerzlich vermisst wird (immerhin wurde das Mikrofon der Guten ja angeblich stets abgeschaltet, wie Victoria vor einiger Zeit zugab), fällt das Ausbleiben von Sportys markanter Stimme durchaus auf. Schließlich war es Mel C, welche die Band zumindest stimmlich von Erfolg zu Erfolg führte und als beste, ja gar einzige „wirkliche“ Sängerin der Gruppe galt. Nun, so arg ist’s dann doch nicht: Emmas glockenhelle Stimme ist nach wie vor wie für Pop gemacht, man hat bei „Song for her“ immer noch das Gefühl, bei ihren Soloparts gehe die Sonne auf. Nicht überraschend also, dass Baby den Song stimmlich dominiert. Mel B, als Sängerin schmerzlich verkannt, hält sich im Song überraschend zurück, gibt sich samtig statt stark und Scary-rotzfrech. Das ist etwas schade, da ihre Stimme dem Song ein stärkeres R’n’B-Feeling und ihm somit einen Hauch Street-Credibility verpasst hätte. Und Geri? Die hat sich, sagen wir mal, gesanglich durchaus weiterentwickelt, gliedert sich stimmlich irgendwo zwischen Emma und Mel B ein, hat aber gleichzeitig ihr charakteristisches rauchige Timbre nicht verloren. Kurz: Waren die Spice Girls mit Sporty eine Sturmböe, die einen umfasst und der einem den Boden unter den Füßen wegfegt, ist GEM’s „Song for her“ eine warme, angenehme Sommerbrise, die die nackten Füße zärtlich umstreicht und spielerisch durchs Haar fegt. Während man darauf wartet, wann der nächste Sturm kommt.

Fazit

Wenn das gesamte GEM-Album, das wohl nächstes Jahr erscheinen wird, einen ähnlichen Weg gehen wird wie „Song for her“ und noch einige catchy Up-Tempo-Nummern mit Ecken und Kanten und vor allem Mut und Wiedererkennungswert raushaut, könnte den drei Mädels Ladys tatsächlich ein Comeback gelingen, von dem dann wirklich jeder sprechen wird.

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Fotos: (c) Twitter Emma Bunton, Instagram, Screenshot YouTube

 

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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