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Published on Dezember 12th, 2016 | by Manuel Simbürger

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Gilmore Girls: Heimkommen mit Hindernissen

Ein Zusammentreffen mit den berüchtigten Gilmore Girls ist immer so etwas wie ein Nachhause-Kommen, das Zurückkehren in das wohlige Nest, das einem die heile Welt suggeriert (und oftmals auch bietet), das man aber trotzdem vor Jahren verlassen hat, um die dunkle Seite „da draußen“ kennenzulernen (womit ich nicht „Star Wars“ meine, wobei die Idee von Lorelai im unendlichen Weltall schon etwas Witziges hat): Im kleinen Städtchen „Stars Hollow“ verändert sich nie etwas, keine Straßenecke, kein Straßen-Minnensänger und schon gar nicht die Straßenbewohner. Man hat selbst die schrulligsten Charaktere über die Jahre liebgewonnen und die, die man nicht mag, mag man irgendwie doch. Und natürlich gibt es da die Lieblings-Verwandten bzw. Heile-Welt-Vertreter, die einen zwar das Ohr abkauen können und deren Neurosen manchmal schwer nachzuvollziehen sind, die aber genau deshalb das eigene Leben so sehr bereichern, wie es nur wenige andere können. Und sei es nur aus dem Grund, dass sie für jede Lebenslage die passende Popkultur-Referenz parat haben.

Ja, es tut gut, heimzukommen. Eine Welt zu besuchen, die zwar einer emotionalen Achterbahn gleicht, aber trotzdem heil und gut und positiv und umarmend und Lebensfreude-erweckend und kuschelig und warm ist. Weshalb die offizielle Fortsetzung der Hitserie „Gilmore Girls“, die Netflix seit 25.11. anbietet, schon a priori etwas ist, worauf man sich freuen darf. Ein vor-weihnachtliches Geschenk sozusagen. Und wie sagt man so schön: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.

Na gut, vielleicht doch.

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Das Nest passt nicht mehr

Freilich: „Gilmore Girls: A Year in Life“ setzt vor allem auf Melancholie und die Freude, alte Bekannte wiederzusehen. Dabei achtet Serien-Mama Amy Sherman-Palladino, die mit ihrem Ehemann David für die vier 90-Minüter erneut verantwortlich zeichnet (nachdem sie der Serie in der finalen Staffel den Rücken kehrte) beinahe schon penibel genau darauf, all die kleinen Erfolgsrezepte in die Episoden – ja, gar in jede einzelne Szene – einzubauen, die damals die Geschichten rund um Lorelai und Rory so liebenswert machten: Schon in den ersten zehn Minuten gibt es mehr Popkultur-Verweise und mehr dichten, schnell-gesprochenen Dialog als in jeder anderen Serie, die die TV-Landschaft derzeit zu bieten hat. Man fühlt sich von der ersten Sekunde an daran erinnert, wieso man vor Jahren keine Episode verpassen wollte, warum uns das „Gilmore-Feeling“ süchtig machte.

Und trotzdem: Bald wird klar – auch das kennen wir, wenn wir zu unserem Nest zurückkehren, dem wir einst entflogen und entwachsen sind -, das irgendwas anders ist. Auf den ersten Blick hat sich nichts geändert: Die Straßen sehen immer noch gleich aus, der literweise getrunkene Kaffee schmeckt immer noch vorzüglich und die seit Jahrzehnten gepflegten Rituale haben sich natürlich bis heute nicht geändert, sondern werden gar noch mehr denn je gehegt und gepflegt. Aber irgendwann kommt man drauf, dass das Bett, in dem man so viele gemütliche (und humorvolle und abenteuerliche und dramatische) Nächte verbracht hat, ist nun zu klein, zu eng und zu hart. Die familiären Running Gags ringen einem nur noch ein müdes Lächeln ab oder gehen einem recht schnell schlicht und einfach auf die Nerven. Ja, das Gefühl ist irgendwie dasselbe, und doch ganz anders.

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Richard Gilmore ist tot, Paris Gellar vermittelt Leihmütter

So geht es uns auch während der 12 Monate, die wir – theoretisch – mit Lorelai, Rory und ihren Freunden verbringen. Da wäre zum einen Lorelais Stirn, die selbst beim größten Emotionsausbruch und irrsinnigstem Redeschwall verdächtig glatt bleibt. Die Dialoge, die wie Pistolenschüsse zwischen den DarstellerInnen abgefeuert werden, sind nach wie vor erfrischend, driften aber immer wieder ins Belanglose ab. Running Gags wie das Musical (obwohl grundsätzlich eine gute Idee und witzig!) werden unnötig in die Länge gezogen und verlieren sich im Leeren, dafür andere Storylines abrupt und ohne zufriedenstellende Erklärungen fallengelassen.

Und irgendwie klappt es auch mit der Fokussierung, der Ausrichtung des Drehbuchs nicht so richtig: Zwar nehmen die gemeinsamen Szenen von Lorelai, Rory und Emily einen beachtlichen Teil der vier 90-Minüter ein und gehören auch eindeutig zu den Highlights des Revivals, trotzdem hat man das Gefühl, da wäre noch mehr gegangen. Kelly Bishop hat von ihrer Bildschirmpräsenz auch 10 Jahre nach dem Serienfinale nämlich nichts verloren, im Gegenteil: Emily Gilmore entwickelt sich mehr und mehr zur Lucille Bluth in der „Gilmore“-Welt, die man liebt zu hassen, der man jede noch so unverschämte politische Unkorrektheit verzeiht, die aber gleichzeitig auch auf subtile Art und Weise die Sympathien auf ihrer Seite hat. Letzteres fällt, zugegeben, in den neuen Episoden nicht sonderlich schwer, hat Emily nach 50 Lebensjahren doch ihren geliebten Ehemann Richard verloren (Darsteller Edward Herrmann verstarb 2014 an den Folgen eines Hirntumors). Man kennt es von „Glee“: Wenn nicht nur die beliebte Serienfigur stirbt, sondern auch der Darsteller im „realen Leben“ das Zeitliche segnet, sind die Emotionen natürlich groß, nicht nur in der TV-Welt, sondern auch bei uns Zusehern. So tragisch, so ironisch, und gleichzeitig so berüchtigt und hinlänglich bekannt ist es, dass Richards/Herrmanns Tod wohl die stärkste Story im „Gilmore“-Revival darstellt: Sie gibt allen dreien Gimore-Girls die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, den gefürchteten nächsten Schritt zu tun und zu erkennen, dass auch in Stars Hollow nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Die Trauer, die wir am Bildschirm sehen, ist echt. Und auch wir empfinden den schmerzlichen Verlust, auch wenn wir Herrmann gar nicht persönlich kannten.

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Statt sich aber noch mehr und vollends auf diesen Aspekt im Drehbuch zu konzentrieren, wollen die Palladinos, will das Revival einfach zu viel – und kommt auf weiten Strecken zu erzwungen daher: Das Auftauchen jedes Nachbarn, jedes (Ex-)Freundes, jedes (Ex-)Kollegen und sonst einem Gesicht, das früher in der Serie mal zu sehen war, sowie – im Gegensatz – das bemühte Erklären, wieso Sookie alias Nun-Megastar Melissa McCarthy in den allermeisten Szenen durch Abwesenheit glänzt, wirkt des Öfteren ein bisserl arg konstruiert. Lorelai und Luke erwägen die Möglichkeit einer Leihmutterschaft (zumindest für gefühlte fünf Sekunden lang)? BUMM – Rorys BFF Paris Gellar ist plötzlich und ganz zufällig Leiterin einer Leihmutter-Agentur und eilt zur Hilfe. Auch wenn es Liza Weil überraschend problemlos schafft, das Image der vom Schicksal durchgeschüttelten Anwältin Bonnie Winterbottom aus „How to get away with murder“ abzuschütteln und das Love-Hate-Feeling von Paris wieder aufleben zu lassen, so ist deren Berufswahl doch vollkommen out-of-character. Was Lane betifft, sind wir eigentlich genauso schlau wie vor dem Revival, und auch das Auftauchen von Rorys großen Lieben Dean und Jess sind nicht nur viel zu kurz geraten, sondern tragen nichts zur Story selbst bei. Einige unserer Fragen werden beantwortet (wir wissen nun, dass Dean ein absolut langweiliges Leben führt – aber ganz ehrlich: really surprised, anyone?!), closure gibt’s für Rory aber nicht. Aber das ist ja sowieso ein ganz eigener Punkt in diesem „Gilmore“-Wiedersehens-Wahnsinn.

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Gilmore Girls als Anti-Helden

Apropos out-of-character: Die Palladinos scheinen sich einen diebischen Spaß gemacht zu haben, allen voran die beiden Hauptfiguren komplett wider ihrer Natur handeln zu lassen. Oder, eher: Der Trend der Anti-Heroes (a la Walter White, Nurse Jackie, Meredith Grey) scheint nun auch in Stars Hollow Einzug gehalten zu haben. Normalerweise sage ich an dieser Stelle: Juhu, yay! Gut so! Denn nichts ist langweiliger als goody-good-Serienfiguren, die das Gute um des Willens des Gutes-Tun tun und so nicht nur jegliche Ecken und Kanten, sondern weiter auch jede Möglichkeit der Identifizierung vermissen lassen.

Aber bei „Gilmore Girls“ … nein, da scheint etwas falsch zu sein. Nein, weder Lorelai noch die Mustertochter Rory waren jeweils perfekt. Streng genommen zeigten beide Frauen von jeher einen Drang zum Narzissmus, Egoismus und zur Überheblichkeit. Dabei waren sie aber so dermaßen sympathisch und liebenswürdig, auch selbstreflektierend (okay, Rory vielleicht nicht ganz so….), dass man sie sofort ins Herz schloss. Nun aber werden die dunklen Seiten der beiden Gilmore Girls auf die Spitze getrieben: Wenn Lorelai und Rory im Hochsommer am öffentlichen Pool sitzen, vergnügt Bodyshaming betreiben, Rory immer wieder bissig betont, sie sei ja gar nicht wieder zurück (sorry, honey: You were back from the beginning!) und sich sowohl Mutter als auch Tochter wie selbstverständlich von zwei zehnjährigen, sich nahe einem Hitzeschlag befindeten Jungs bedienen lassen, dann ist das nicht mehr Humor, dann ist das nicht mehr liebenswürdig. Dann ist das nur noch gehässig, überheblich und durch und durch unsympathisch. Das wäre vielleicht noch okay – wie oft haben wir bei Meredith Grey so gefühlt -, nur das wirkliche Verbrechen dabei ist, dass sich die Palladinos nicht eine Minute im Klaren zu sein scheinen, dass weder Lorelai noch Rory die liebenswürdig-verdrehten-neurotischen Damen sind, für die die Palladinos sie halten. Die wir gerne als Freundinnen hätten. Vielleicht waren sie das mal. Nun möchte man sie immer öfter lieber meiden, als sie zum gemeinsamen Kaffeeklatsch einzuladen.

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Lorelai: Ohne Rücksicht auf Verluste

Lorelai schneidet in „Gilmore Girls: A year in the life“ im Sympathie-Ranking wenigstens besser ab als ihr Töchterchen. Trotzdem stellt man sich unbewusst auf Emilys Seite, wenn Lorelai absolut nichts Positives einfallen will, was sie am Begräbnis ihres Vaters über eben diesen sagen kann. Sie zeigt bei Streitereien mit ihrer Mutter keine Spur von Selbstreflektion – und dass es genauso sie ist, die eine Gesprächstherapie in Anspruch nehmen sollte, scheint ihr zumindest anfangs nicht mal annähernd einzuleuchten. Wieso sie erst nach all den Jahren auf die Idee kommt, die familiären Probleme mithilfe einer Therapeutin zu lösen (übrigens: worst therapist ever!!!), ist wohl eher auf ein schlechtes Drehbuch als auf Lorelais Charakter zurückzuführen. Dass sie es ist, die in der Beziehung mit Luke den Ton angibt und sich der mürrische Cafebesitzer den berüchtigten Gilmore-Launen unterwerfen muss, ist wohl bekannt und macht auch den Charme von Lorelai (und Rory) aus. Die beiden sind Frauen, die sich nichts sagen lassen, die ihren Weg gehen – und das ist gut so! Problematisch wird es, wenn man dabei die Gefühle der Mitmenschen verletzt, das nicht mal bemerkt und ohne Rücksicht auf Verluste sein Ziel erreichen will. Lorelai scheint es nicht zu kümmern, dass Luke dem Konzept der Leihmutterschaft von Beginn an nichts abgewinnen kann (was vielleicht auch daran liegt, dass er einfach nicht kapiert, wie das Konzept funktioniert …). Wenn sie in „Autumn“ eine Art Jakobsweg beschreiten will, ist das zwar okay, trotzdem stellt sie Luke damit vor vollendeten Tatsachen, vom Beantworten seiner zahlreichen unbeantworteten Anrufe ist nicht mal die Rede. Und am Ende dann ganz plötzlich eine Heirat – obwohl sich dadurch ja offensichtlich nichts ändert und Lorelai nach dem Christopher-Debakel wohl der Idee einer Ehe nicht sonderlich positiv eingestellt sein sollte?! Das liegt wahrscheinlich auch eher an einigen fixen Ideen der Palladinos, die unbedingt ins Revival gepackt werden sollten. Ohne Rücksicht auf Verluste. Aber das kennen wir ja bereits.

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Rory: Das Monster, das niemand erkennt 

Lorelai mutet aber beinahe wie Mutter Theresa an, vergleicht man sie mit Rory, der kleinen Gilmore. Was wir von Rory in „A year in the life“ zu sehen bekommen, veranlasste die renommierte Huffington Post sogar einen Artikel mit dem Titel „Rory Gilmore is a monster“ zu verfassen. Und auch wenn ich dann doch nicht so weit gehen würde, wollte ich Rory von Frühling bis Winter (get it?!) einfach nur schütteln, schütteln und noch mehr schütteln und sie manchmal dabei auch anbrüllen: WTF, Rory?! DON’T YOU GET IT?!

Dass Rory als Jugendliche und junge Erwachsene nur scheinbar perfekt war, machte ihren Charme aus. Sie war eine kleine Revolution – das schüchterne, kluge Mädchen, das trotzdem all die heißen Jungs bekam. Selten sah man sie ohne ein Buch in der Hand, für eine gute Ausbildung ließ sie auch die große Liebe im Regen stehen. Sie hat zwar damals schon mit Dean geschlafen, obwohl der in einer Beziehung steckte, hat auch damals schon aus unerklärlichen Gründen die geliebte Uni geschmissen oder eine Yacht gestohlen – aber es schien ihr immer leid getan, schien ihre Entscheidung bereut zu haben und im stillen Einverständnis mit ihrer Mutter sehr darauf bedacht gewesen zu sein, deren Fehler nicht zu wiederholen.

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Ja, auch damals zeigte Rory schon die Tendenz, beim Auftauchen von Problemen das Handtuch zu werfen oder sich zu beklagen, ohne dabei zu sehen, dass ihr eigentlich alle Türen offen stehen. Als 23-Jährige verzeiht man ihr das, von ihrem 16-jährigen Ich erwartet man es sogar – nun aber, mit 31 bzw. 32, scheint Rory allen voran eine junge Frau zu sein, die von ihren früheren Fehlern nichts gelernt hat. Moral, Anstand und das Gefühl für Richtig und Falsch scheinen ihr irgendwo in den vergangenen Jahren abhanden gekommen zu sein. Sie hat eine Affäre mit dem verlobten Logan, für den sie keine großen Gefühle zu hegen, den sie vor allem als Sex- und (und das ist eigentlich das Schlimmste) Money-Spielzeug anzusehen scheint – und trotzdem reagiert sie eifersüchtig, als seine Verlobte auftaucht; erwartet, wenn auch unbewusst, dass er sie, Rory, stets an erste Stelle stellt. Natürlich, auch Logan betrügt seine Verlobte nach Strich und Faden und das ist vielleicht sogar noch verwerflicher, aber (und das ist ein großes „aber“): Genau solch ein Handeln würden wir von Logan auch erwarten. Es entspricht seinem unmoralischen Charakter. Rory?! Not so much. Schlimmer macht das alles noch der Running Gag über Rorys Boyfriend Paul, der anscheinend so farblos und uninteressant ist, dass sich keiner an ihn erinnert – nicht mal Rory, die sich sogar eine Notiz schreiben muss, damit sie nicht vergisst, mit ihm Schluss zu machen. Die Rory, die wir kennen, ja nicht mal die ambivalente Rory aus Staffel Sechs und Sieben, wäre mit jemandem eine Beziehung eingegangen, für den sie nichts empfindet. Oder hätte eine Beziehung nicht am Leben erhalten, nur um auf etwaige Vorurteile zurückgreifen zu können. So, wie sie Paul behandelt, egal wie fad das Bürschchen ist, das hat sich keiner verdient. Und ist der Figur Rory absolut unwürdig.

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Dass Rory in den vergangenen Jahren ein übersteigertes Selbstbewusstsein entwickelte, ist auch in ihrem beruflichen Leben zu erkennen: Obwohl ihre Karriere als Journalistin nicht wirklich in die Gänge kommt und eher dahin plätschert als fließt, scheint sie der Meinung zu sein, für den Journalismus das zu sein, was Anna Vintour für die Modewelt ist. Sie mag zwar einen erfolgreichen Artikel im New Yorker veröffentlicht haben, das bedeutet aber nicht, dass die gesamte Welt nur auf Rory Gilmore gewartet hat – auch, wenn uns das in der Serie so vermittelt wird: Aus unerfindlichen Gründen kann sie sich (zumindest anfangs) vor Jobangeboten kaum rennen, aber sie scheint sich zu talentiert, zu intellektuell für all das niedrige Geschreibsel zu halten – ob es sich nun um eine Biographie eines (zugegeben sehr exzentrischen) B-Promis oder um eine Website handelt. Zuhause in Stars Hollow wird sie more than ever als Reinkarnation von Mutter Theresa und Arianna Huffington gefeiert; auch in Harvard referiert sie, gerade die strauchelnde Rory, über Erfolg im Beruf, wird vom Rektor der Hof gemacht – verständlich, dass das einem zu Kopf steigen kann. Trotzdem entspricht es nicht Rorys Charakter, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen und vollkommen planlos durch die Welt zu reisen. Noch weniger entspricht es ihrem Charakter, andere dabei auszunutzen – denn die Gute scheint es für vollkommen verständlich zu halten, dass sie bei Logan, Paris und ihrer Großmutter jederzeit übernachten und wohnen kann, wann immer sie es will. Dass sie sich ständig beschwert, vollkommen pleite zu sein, sich gleichzeitig aber sündhaft teure Flüge nach Europa leisten kann und stets aussieht, als wäre sie selbst einer Vogue-Ausgabe entsprungen, bringt ihr auch nicht wirklich Sympathiewerte ein. Und falls sie tatsächlich so „broke“ ist, wie sie sagt, dann liegt sie wirklich ALLEN Mitmenschen um sie herum ganz schön auf der Tasche. Ach, Rory.

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Nicht nur, dass wir Rory kein einziges Mal mit einem Buch in der Hand sehen ist (stattdessen hat sie sich nun dem Stepptanz verschrieben, was irgendwie süß ist, aber bei weitem nicht denselben Nerd-Charakter besitzt, sondern eher oberflächlich-tussihaft anmutet), sie scheint sich auch keine Mühe mehr zu geben. Dass Rory, so übermüdet sie auch sein mag, wähernd eines Interviews einschläft (und das alle für okay halten!), ist absolut unverzeihlich und noch dazu respektlos. Dass sie mit einem Informanten schläft: Okay, spricht nicht unbedingt für ihre Professionalität, aber kann vorkommen. Dann aber schießt Rory den Vogel ab: Sie kreuzt bei einem Jobinterview (für besagte Website) vollkommen unvorbereitet auf, erwartet sich ihr zu Ehren einen roten Teppich – und fällt aus allen Wolken und reagiert trotzig, als sie realisiert, dass dies eben nicht so ist. Das wirklich Nervige daran ist aber, dass uns die Palladinos zu jeder Sekunde weiß machen wollen: Das alles ist doch nicht Rorys Schuld! Die Welt ist so gemein, aber Rory, die ist und bleibt unschuldig. Sorry, aber: Nein.

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Die Idee, dass sie ein Buch über ihr Verhältnis zu ihrer Mutter schreiben möchte, ist eine nette, wenn auch etwas übertriebene (Meta-)Idee, und auch, dass sie sich der Stars Hollow-Zeitung annimmt und alles tut, um dieser wieder auf die Füße zu helfen, tröstet etwas (aber nur ein klein wenig, denn: absolut vergeudetes Talent!) darüber hinweg, dass Rory im Grunde eine verzogene junge Frau geworden ist, die sich eher wie eine Mittzwanzigern als eine Anfang-Dreißigjährige benimmt. Kein Wunder, dass auch Lane so gut wie kein Interesse zeigt, mehr über Rorys Leben zu erfahren. Diese Veränderung zum Schurken macht ja schon fast jener von Walter White Konkurrenz.

Und das Ende, das im Internet für so viel Aufregung und Skandal sorgte? No judgement here. Im Gegenteil: Full circle.

Vielleicht liegt’s auch an uns

Vielleicht sind wir aber auch einfach nur dem Gewohnten entwachsen, sind kritischer geworden. Vielleicht sind wir es, die sich verändert haben, nicht jene, die wir nach so langer Zeit wieder gesehen haben. Die Umstände sind nicht mehr dieselben, die Kultur ist eine andere. Wir sind erwachsen geworden. Wir haben uns in verschiedene Richtungen entwickelt, wir und jene vom alten Zuhause. Und welche Richtung davon die falsche bzw. die richtige ist, das lässt sich vielleicht gar nicht so genau sagen. Rory wäre mit uns wahrscheinlich ebenso wenig zufrieden. Lieb hat man sich aber trotzdem, irgendwie, und sei es nur, weil einem eine gemeinsame Vergangenheit verbindet, die man nicht loslassen möchte. Deshalb: “A year in the life” am besten Häppchen-weise genießen – so schmeckt nämlich auch die exquisitste Mahlzeit am besten und verursacht keine Magenschmerzen. Auch das haben wir zuhause gelernt.

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Bilder: (c) Netflix 

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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