Cinema Enemy-5

Published on Dezember 16th, 2014 | by Manuel Simbürger

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Gyllenhaal meets Kafka meets Derrida

Der beste Film des Jahres hat nichts mit Hungerspielen zu tun, nichts mit Außerirdischen, nichts mit Legosteinen und schon gar nicht mit Superhelden. Der beste Film des Jahres ist auch gleichzeitig der am meist ignorierteste Film der vergangenen Monate: In „Enemy“ trifft Superstar Jake Gyllenhaal auf sich selbst, irrt in einer kafkaesken Welt umher und liefert die beste schauspielerische Leistung seit langem. Gleichzeitig präsentiert uns der kanadische Regisseur Denis Villeneuve („Prisoners“) die beste Charakterstudie seit „Fight Club“. Und ein Filmende, über das man sich auch Tage danach noch den Kopf zerbricht.

Es macht keinen Sinn

In „Enemy“ macht alles soviel Sinn, wie es nicht Sinn macht. Geschichtslehrer Adam Bell führt ein eher tristes Leben, hat routinierten Sex mit seiner Geliebten, hält Tag für Tag dieselben College-Kurse und ausgehen tut er eigentlich auch nie. Da stößt er, eigentlich zufällig, in einem Film auf einen Mann, der ihm bis ins letzte Detail gleicht. Adam macht sich auf die Suche nach seinem Doppelgänger – und wird bald besessen von ihm. Mehr und mehr wird die Annäherung an den Fremden eine Suche nach sich selbst – und das ist erst der Beginn des Wahnsinns, der nun seinen Lauf nimmt …

Von Beginn an sorgt Villeneuve für gezielte Verwirrung beim Publikum. Sehen wir wirklich das, was wir zu sehen glauben? Wie stehen Adam und Anthony (der Doppelgänger) wirklich zueinander? Sind sie Brüder? Ist Anthony eine Halluzination? Oder handelt es sich gar um ein und dieselbe Person? Antworten gibt – soviel sei verraten – der Regisseur bis zum Ende nicht, ganz im Gegenteil: Glaubt der Zuschauer, der Lösung einen Schritt näher zu sein, wirft Villeneuve alles Gesehene über den Haufen und präsentiert uns neue Teile des Puzzles, die plötzlich nicht mehr zusammenpassen mögen – oder ein gänzliches neues Bild ergeben. Symbole reihen sich an Symbole, versteckte Hinweise gibt es hier und da, und doch scheint hier nichts logisch erklärbar zu sein.  Es ist klar, was Villeneuve beim Publikum erzeugen möchte: nämlich das Gefühl des Verloren-Seins, genau jenes Gefühl, das auch Adam durchmacht und aus dessen Sog er sich nicht mehr befreien kann.

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Von Derrida über Kafka

„Enemy“ ist auf viele Arten lesbar, bietet verschiedene Lösungsansätze und versucht gar nicht erst, DIE Wahrheit zu finden. „Enemy“ soll keinen – zumindest herkömmlich gesehen – Sinn machen. Diese assoziative und traumartig verrätselte Erzählweise erinnert an einige Filme von David Lynch wie „Lost Highway“ oder „Mullholland Drive“, auch der mystisch-verrückte Geist von David Lynch ist spürbar. Eigentlich gehen die Vorbilder dieses Films aber viel, viel weiter zurück – und führen gar in die literarische und philosophische Welt. So macht „Enemy“ in der allerbesten Derrida’schen Natur ziemlich deutlich klar (soweit man das in diesen Zusammenhang so nennen will), dass es nicht nur eine Wahrheit gibt, sondern mehrere Wahrheiten, dass jedem Text, jedem Wort, jedem Bild immer und a priori verschiedene Lesearten, sprich: verschiedene Wahrheiten, zugrunde liegen. Diese „doppelte Wahrheit“ wird sehr gut mittels des Doppelgänger-Motivs im Film symbolisiert: Nichts ist einzigartig, alles duplizierbar, jede Medaille hat zwei Seiten. Und keine ist wahr-haftiger als die andere.

Auch Franz Kafka („Der Prozess“, „Das Schloss“) scheint Villeneuve bei „Enemy“ als Vorbild gedient zu haben: Adam irrt durch eine triste, farblose Welt, die Hochhäuser scheinen ihn zu verschlingen, die Gegenwart ist zeitlos (in welchem Jahr der Film spielt, wird verschwiegen). Auch der Handlungsort wird nur vage umrissen und ist nichts weiter als eine in Grau gehaltene, düstere Vorstadthölle – oder, in diesem Kontext vielleicht passender: Ein Spinnennetz, das einen unwiderruflich gefangen nimmt. Die Filmmusik wummert dazu bedrohlich-eintönig. Die Kanten von Adams (und Anthonys) Umwelt sind scharf, wirken bedrohlich, die Gebäude übermenschlich. Die Straßen sind gefährlich, der Alltag nichts mehr als die Flucht bzw. die Suche nach sich selbst.

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Sinnkrise

Auch das ist das Faszinierende an „Enemy“: Gehört es in „How I met your mother“ noch zu den komödiantischen Highlights, auf seinen Doppelgänger zu treffen, stürzt dies Adam in eine tiefe Sinnkrise: Wer ist er? Was macht ihn aus, was bleibt von ihm übrig nach der Erkenntnis, dass er nicht einzigartig ist? Wie steht er zu den Frauen in seinem Leben? Was braucht es, um die schützenden Mauern des Alltags einstürzen zu lassen? Und vor allem: Wer ist eigentlich der Eindringling – Doppelgänger Anthony oder doch Adam selbst?

Und was zum Teufel hat es mit dieser Spinne auf sich?!

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Fazit

Wie kaum ein anderer Film verbindet „Enemy“ eine tiefgreifende Charakterstudie mit spannender Thriller-Unterhaltung und interessanten philosophischen Fragen nach dem Mensch-Sein und der Bedeutung der Wahrheit. Das ist wirklich einzigartig.

Oder….?

(Wem das philosophische Geschwafel zu nervig ist: Gyllenhaal gibt’s ein paarmal im Film oben ohne zu sehen. Schon alleine sollte man sich nicht entgehen lassen).

Ein toller Versuch der Filmanalyse findest Du hier.

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Copyright aller Bilder: A24 Films, E1 Films 

 

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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