Ein Plädoyer für .... Screenshot (246)

Published on September 23rd, 2014 | by Manuel Simbürger

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Hermine Granger kämpft für Gleichberechtigung

Da wächst eine ganz Große heran.

Emma Watson, die ehemalige Hermoine Granger aus „Harry Potter“, ist seit sechs Monaten U.N.-Sonderbotschafterin und setzt sich für Frauen- und Mädchenrechte ein. Nun hat sie vor höchster Gesellschaft eine emotionale Rede gehalten und die Kampagne „HeforShe“ vorgestellt, deren Schirmherrin Watson ist. Die Kampagne setzt sich für – na no na – Gleichberechtigung der Geschlechter ein, sattelt aber, im Vergleich zu vielen anderen feministischen Strategien, das Pferd von hinten auf und zieht Männer aller Altersstufen mit ein. Der Kampf der Geschlechter soll endlich vorbei sein, fordert Watson in ihrer knapp 12-minütigen Rede, denn werden Frauen mehr Rechte zugedacht („A human right!“), dann haben auch die Männer was davon, ist die Schauspielerin überzeugt. Logisch, eigentlich: Sind beide Geschlechter gleichgestellt, fällt auch der Druck der Männer ab, dem gesellschaftlichen Bild eines Mannes mit aller Kraft entsprechen zu müssen. Männer müssen nicht mehr die dominierende Rolle übernehmen, weshalb auch Frauen so nicht mehr in die passive Rolle gedrängt werden.

“Men, I would like to take this opportunity to extend your formal invitation. … Gender equality is your issue, too. … I’ve seen young men suffering from mental illness, unable to ask for help, for fear it would make them less of a men—or less of a man. I’ve seen men made fragile and insecure by a distorted sense of what constitutes male success. Men don’t have the benefits of equality, either.

We don’t want to talk about men being imprisoned by gender stereotypes, but I can see that they are. When they are free, things will change for women as a natural consequence. If men don’t have to be aggressive, women won’t be compelled to be submissive. If men don’t need to control, women won’t have to be controlled.”

„I decided I was a feminist“

Aber Emma Watson hat in ihrer Rede, während der sie sichtlich mit ihrer Nervosität kämpft (was sie aber noch sympathischer macht), noch so viel mehr gesagt. Zum Beispiel, dass Feminismus kein negativer Begriff ist, obwohl er heutzutage als ein solcher angesehen wird.

„I decided I was a feminist and this seemed uncomplicated to me. But my recent research has shown me that feminism has become an unpopular word. Apparently I am among the ranks of women whose expressions are seen as too strong, too aggressive, isolating, anti-men and, unattractive.

Why is the word such an uncomfortable one? I am from Britain and think it is right that as a woman I am paid the same as my male counterparts. I think it is right that I should be able to make decisions about my own body. I think it is right that women be involved on my behalf in the policies and decision-making of my country. I think it is right that socially I am afforded the same respect as men. But sadly I can say that there is no one country in the world where all women can expect to receive these rights.“

Paarmal wird Watson von begeistertem Applaus des Publikums unterbrochen, was wohl sie selbst am meisten überraschte. Dass sie, die 24-jährige Schauspielerin, die zwar erst vor nicht allzu langer Zeit ihren Abschluss auf der Brown University mit Bravour meisterte, trotzdem aber vor allem als Nerd Hermoine Granger aus dem „Harry Potter“-Universum bekannt ist, nun hier steht und eine hochpolitische Rede hält, das kann sie selbst gar nicht so recht glauben. Und spricht dies auch offen – und sehr mutig – an:

„You might be thinking who is this Harry Potter girl? And what is she doing up on stage at the UN. It’s a good question and trust me I have been asking myself the same thing. I don’t know if I am qualified to be here. All I know is that I care about this problem. And I want to make it better.

And having seen what I’ve seen—and given the chance—I feel it is my duty to say something. English statesman Edmund Burke said: “All that is needed for the forces of evil to triumph is for enough good men and women to do nothing.”

Wenn das Gute bestraft wird

Weise Worte, die Watson da von sich gibt. Worte, die ihr von den anderen U.N.-Botschaftern zwar eine Standing Ovation einbrachten, im Netz aber, nicht ganz überraschend, den Ärger vieler User hervorrief. Unglaubwürdig sei sie, wird Watson da vorgeworfen, die Rede habe sie doch gar nicht selbst geschrieben. Vor allem aber wird Watsons privilegierte gesellschaftliche Stellung als weiße Millionärin an den Pranger gestellt: sie, das Mädel aus Hollywood, das schon im Teenialter Millionen verdiente, könne leicht reden, wie das so sei mit Gleichberechtigung und Feminismus und Pflichten und Rechten und so weiter. Das sei dann doch etwas weltfremd, so die einhellige Meinung vieler, vieler Internet-User. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass sich da ein kleiner Shitstorm über die eigentlich allseits beliebte und respektierte Schauspielerin abzeichnet.

Ich finde das schade. Natürlich, zugegeben, auch mir ging einige Male während ihrer Rede die Frage durch den Kopf, wieviel dieser zweifelsohne perfekt vorgetragenen Worte von Watson selbst stammen (wenn sie von Hillary Clintons Rede aus dem Jahr 1997 spricht, als Watson gerade mal sieben Jahre alt war, da mutet das zugegebenermaßen tatsächlich etwas befremdlich an). Das darf man sich aber auch bei vielen Politikern fragen, und es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass US-Präsident Barack Obama seine berühmt-berüchtigten Reden ans Volk, die ihm schon zweimal zum Wahlsieg verhalfen, nicht selbst verfasst. Und wenn das der Präsident darf, wieso dann nicht auch Emma Watson? Bei mir nämlich haben es beide geschafft, mir Tränen in die Augen zu treiben.

Zudem ist es doch zweitrangig, ob Watson die Rede nun vorgesetzt bekommen hat oder selbst nächtelang nach den richtigen Worten suchte (die Wahrheit liegt wohl, wie so oft, irgendwo dazwischen). Viel wichtiger ist, und daran zweifelt man bei ihrem Vortrag keine Sekunde lang, dass Watson zu 100 Prozent hinter der Sache steht, dass sie daran glaubt und bereit ist, sich für gesellschaftliche Veränderungen stark zu machen. Und bereit ist, die Konsequenzen zu tragen, denn man darf gespannt sein, in wieweit ihr Job als U.N.-Botschafterin ihrem Image und somit ihrer Karriere schadet. Dass dieser Satz an Absurdität nicht zu übertreffen ist, dürfte wohl jedem bewusst sein.

„If not me – who?“

Watson gilt seit Jahren als einer der klügsten Köpfe Hollywoods und als Anti-These zu all den Paris Hiltons und Lindsay Lohans da draußen: Anstatt Partys zu feiern war Bücher-Pauken angesagt, anstatt Filme am laufenden Band zu drehen zog sie lieber ihre Universitäts-Ausbildung vor. Ihr wird ein IQ von 138 nachgesagt sowie eine eiserne Disziplin, ohne dabei ihren Mitmenschen auf die Zehen zu steigen (sie ist schließlich immer noch Britin!). Das alles macht Watson zu einer der größten Nachwuchs-Hoffnungen der Gegenwart – nicht nur in Hollywood, sondern auch in der Politik. In der Gesellschaft.

Es ist ein Klischee, das zu sagen, aber es stimmt: Emma Watson ist vor unseren Augen erwachsen geworden. Die junge Frau, die hier im höchsten politischen Umfeld eine feurige Rede über Gleichberechtigung der Geschlechter hält, ist nicht mehr die kleine Hermoine Granger mit den abstrusen Locken und dem grimmigen und entschlossenen Gesichtsausdruck. Wobei: Letzterer ist ihr geblieben und kommt immer dann zum Vorschein, wenn Watson klar stellt, dass sie hier keine Witze reißt. Dass die Lage ernst ist und sie verdammt noch mal alles dafür tut, um die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen.

Es steht ganz im Zeichen des Internets, der Sozialen Medien und unserer Wohlstands-Gesellschaft, solche Personen klein machen zu wollen. Uns über diese Personen zu stellen. Ja, Watson ist privilegiert und gibt das auch offen zu. Ja, sie ist noch jung, bringt aber genau diese Sichtweise der kommenden Generation in die ewige Debatte der Gleichberechtigung mit ein. Und nein, sie wird nicht die Welt auf den Kopf stellen. Aber sie ist zumindest einer der ganz, ganz wenigen Menschen, die den Anfang macht, in die richtige Richtung geht und sich dafür einsetzt, dass andere es ihr gleich tun. Andere zu inspirieren, über scheinbar festgelegte gesellschaftliche Strukturen nachzudenken und diese zum Einsturz zu bringen. Sie will der Masse ins Gewissen reden. Da ist es nicht das Schlechteste, die kleine süße Hermoine aus den „Harry Potter“-Filmen zu sein.

„If not me – who?
If not now – when?“

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Eine gute und übersichtliche Zusammenfassung von Emma Watsons Rede gibt’s hier.

 

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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