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Published on Dezember 20th, 2015 | by Manuel Simbürger

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“Ich hoffe, Sie hatten ein bisschen Spaß!”

Man weiß halt immer erst, was man hat, wenn es verloren ist. Das ging mir die ganzen sechs Stunden (!) durch den Kopf, als ich gestern Abend zum letzten Mal bei der Überdrüber-Prime-Time-Show „Schlag den Raab“ dabei war, dem „Wetten, dass…?“ der VIVA-Generation. Hätte ich doch bloß öfter reingeschaut. Bei „Schlag den Raab“. Bei „TV Total“. Beim Turmspringen. Genauso, wie man wohl öfter einen guten Freund anrufen sollte. Oder die Oma im Altenheim öfter besuchen sollte. Man nimmt es sich immer vor, und am Ende hat man’s doch nicht getan. Gott sei Dank, die Oma ist noch da, der gute Freund auch. Stefan Raab nicht mehr. Ab heute ist er weg. Das Fernsehen ist Raab-los.Heißt auch: Innovativ-los. Spaß-los. Mut-los.

Na gut, so schlimm ist das alles dann doch nicht. Weil bei der Oma ist’s oft langweilig und der Freund kann ganz schön nerven.

Eine Ära ist auf aber auf jeden Fall zu Ende gegangen.

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Ein Großer hat den TV-Zirkus verlassen. Einen Zirkus, dessen furchtloser Direktor er jahrelang gewesen ist. Dessen Clown, Dompteur, Löwenbändiger und Trapezkünstler er zugleich war. Der das Publikum im Griff, aber auch verloren hatte. Der immer ohne Sicherheitsnetz spielte, taktierte und meistens auch sicher am Boden ankam.

Auch in seinen letzten Tagen zeigte Raab, dass er Großes, aber auch Unterirdisches zugleich leisten kann. Denn die letzte Ausgabe von „TV Total“ und „Schlag den Raab“ (SdR) konnten sich nicht stärker voneinander unterscheiden.

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TV Total

Am Mittwochabend ging’s eigentlich vielversprechend los: Wir durften endlich das Gesicht der markanten Sendungs-Stimme sehen (hätten wir besser nicht, so im Nachhinein), das Publikum war gut drauf, Raab machte sich in seinen Stand-Up-Gags, die auch dieses Mal nicht fehlen durften, über sich selbst und seinen Haussender lustig. An seinen Gästen hätte er nie sonderlich Interesse gehabt, grinst er so diabolisch, wie er nur kann, und an einer Modernisierung des Studios hätte er sowieso nie Interesse gehabt. ProSieben kann sich nach seinem Abgang immerhin noch mit „The Big Bang Theory“ trösten und rühmen – das war’s dann aber auch. Er war frech, so wie man ihn kennt, und im Studio, aber vor allem auch daheim vor dem Fernsehbildschirm wurde endlich mal wieder gelacht – zögerlich manchmal, okay, aber immerhin. Da kamen plötzlich Erinnerungen auf, an die frühen Jahren, an die gute alte Zeit (hier stimmt’s tatsächlich!) und wieviele Abende uns Raab mit seinem Anarcho-Humor, aber auch mit seinem grenzenlosen Mut zur Grenzenlosigkeit und seiner anscheinend nie wollenden Kreativität (okay, haben wir damals noch geglaubt). Wir erinnern uns an Maxi Beaver, an Maaaschendraaaahdzaun, an die Ö-La-Palöma-Boys. An „Raab in Gefahr“. An „Wadde hadde du de da“. An eine Zeit, als TV Total Gesprächsthema auf den Schulhöfen, im Büro und in den Uni-Hörsälen war. Als man wusste: Man ist hier Zeitzeuge von etwas ganz Besonderem im deutschen TV, was es bis dato in dieser Form noch nicht gegeben hatte. Harald Schmidt war nicht länger von Nöten, denn nun hatten wir Stefan Raab.

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Doch nach den den ersten unterhaltsamen Minuten versank die letzte Ausgabe in der ihr (und uns) so bekannten Mittelmäßigkeit. Gleichgültigkeit. Im Mittelpunkt stand nicht mehr Raab, sondern der ewige Showpraktikant Elton. Mit unglücklich ausgewählten Best Of-Szenen wurde er gewürdigt, die gesamte Sendung lang, zwischendurch haben die beiden (offensichtlichen) Freunde auch miteinander ein Liedchen geträllert. Das mag eine nette Geste von Raab gegenüber seinem langjährigen Wegbegleiter sein, für uns Zuseher war es eher ärgerlich: Elton war von Beginn an maßlos überbewertet und nie wirklich lustig. Gerne hätten wir wirkliche Highlights der vergangenen unglaublichen 16 Jahre gesehen. TV Total ist schließlich die am längsten überlebende Late Night-Show im deutschsprachigen Raum – und DAS serviert man uns in der letzten Ausgabe?! Da wäre so viel mehr gegangen. Wie halt in den letzten Jahren auch.

Denn nun erinnern wir uns plötzlich wieder an Anderes: Nämlich an die Zeit, als keiner mehr von TV Total sprach. Als die Show plötzlich viermal in der Woche lief und die Highlights mehr und mehr ausblieben. Raab wurde routinierter und dadurch gelangweilter und vor allem berechenbarer – für jemanden wie Raab der Todesstoß. Er spulte Sendung für Sendung runter, die Lust war ihm merklich abhanden gekommen, sogar das Studiopublikum konnte sich oftmals nur mehr zu einem müden Lächeln durchringen. Die wirklich großen Stars als Gäste blieben immer mehr aus, und irgendwann war TV Total, eigentlich Raabs Zugpferd, nur noch eine Werbesendung für die zahlreichen Spin-Offs der Show wie das Turmspringen, das Wokrennen, der Bundesvision Song Contest oder natürlich SdR. Diese anfangs als „Specials“ titulierten Prime-Time-Shows regierten nunmehr das Raabversum, beinahe alle mit übermäßig großem Erfolg. TV Total hinkte da nur noch nebenher mit.

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Für einen besonderen Moment sorgte Raab aber in den allerletzten Minuten der Sendung. Der Entertainer, eigentlich nicht dafür bekannt, Gefühle zu zeigen (sieht man mal von übermäßigem Ehrgeiz und Verbissenheit ab), bekam dann doch feuchte Augen, als er sich verabschiedete. Von Elton, dem Publikum, der Crew, der Hausband Heavy Tones (die nun hoffentlich nicht auf Zeltfesten enden wird!). Es war der persönlichste Moment seit Jahren. „Danke fürs Zuschauen“, winkte er in die Kamera. Und auch Elton tat sich schwer, seine Tränen zurückzuhalten.

Und plötzlich haben wir uns doch wieder gefragt: Wieso haben wir in den letzten Jahren nicht öfter eingeschaltet?

Schlag den Raab

Dieses Gefühl blieb am Samstagabend, der allerletzten Ausgabe von Schlag den Raab. Wie auch mehrfach betont wurde, besonders von Moderator Steven Gätjen. Manchmal hatte man das Gefühl, er sein ein bisschen sauer auf Raab, dass dieser das Handtuch wirft. Der ließ sich aber nicht beirren und betonte gleich zu Beginn, dass er auch heute, das letzte Mal, verbissen kämpfen werde, wie eh und je. Tosender Applaus. Klar, das ist das Konzept der Show, und Raab hat sich nie davor gescheut, die Rolle des Unsympathen einzunehmen. Was beweist: Raab, der tut alles für gute TV-Unterhaltung (zumindest, wenn er Lust drauf hat). Das zeigten übrigens auch die Highlights-Einspieler der 55 (!) SdR-Ausgaben: Raab hat geblutet, geflucht, sich eine Gehirnerschütterung zugezogen und den Kandidaten kein Quentchen geschenkt. Alles nur Unterhaltung? Nein. Es ist kein Geheimnis, das sich Raab mit Niederlagen schwer tut. Wenn er in SdR bis an die Belastungsgrenze geht, dann tut er das nicht nur, damit wir vorm Fernsehen bis weit nach Mitternacht gut unterhalten werden, sondern auch (und vor allem?) fürs eigene Ego. Und genau das machte die Show bis zum Schluss aus: Man liebte es genauso, Raab verlieren zu sehen, wie man es liebte, ihm Bewunderung entgegenzubringen.

Dass gerade in der letzten Ausgabe die Spielregeln geändert wurden, sorgte in den Social Media-Foren für Furore. Wenn schon das allerletzte Mal, dann will man es auch haben wie immer (handelt es sich nicht gerade um TV Total). Und tatsächlich war die Änderung des Konzepts nur bedingt ein Glücksgriff: Das willkürliche Auswählen von Kandidaten im Saalpublikum führte dazu, dass Raab zuweilen leichtes Spiel hatte. Der Ehrgeiz seiner Gegner fehlte zum Teil, die letzte Kandidatin schummelte sich gar durch passives Verhalten zu 100.000 Euro. Allerdings würdigte man so nochmals der Vielfalt der Kandidaten, die genauso wie Raabs Ehrgeiz all die Jahre zum Erfolg der Show beitrugen. So wurden uns auch an diesem Abend Verrückte, Schüchterne, Verbissene, Freche und Sympathische präsentiert – und Unsympathler, die für den Unterhaltungswert der Sendung aber genauso wichtig sind: Denn „Dosenschießen“-Kandidat Jörn, der sich an der Optik der Dosen störte und diese dann genervt wegkickte, war für kurze Zeit die am meistgehasste Person auf Twitter und Facebook (aber, hey, Leute: Richtig fesch war er dafür, der Junge!). Oder, um es mit den Worten von Kommentar Buschi zu sagen: “Ein Sympathieträger vor dem Herren.”

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Apropos Dosenschießen: Auch gestern Abend bewies Raab einmal mehr, dass er aus im Grunde genommen simplen Ideen (die zum Teil einem Kindergeburtstag entstammen könnten) große TV-Unterhaltung zaubern kann. So konnte es nicht zuletzt jener Kandidat, der am Ende als Millionär aus der Sendung hinausging, selbst nicht glauben, dass er „mit Klackern“ gerade 900.000 Euro (und insgesamt eine Million) gewonnen hatte. Genau das machte all die Jahre den Charme von Raab aus, war es beim Wok-Rennen, bei TV Total oder eben bei Schlag den Raab: Wir alle hatten das Gefühl, das können wir auch. Und ärgerten uns, wenn sich „die im Fernseher“ so blöd anstellten. Dass dem nicht so ist, bewies an diesem Abend Kommentator Buschi (war ich der einzige, der ständig „Uschi“ verstand?!), der zum ersten Mal in der SdR-Geschichte seine Kabine verließ und selbst zum Spieler wurde – und dabei kläglich versagte.

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Überhaupt legte Raab an diesem Abend erneut jene große Entertainer-Laune an den Tag, die man wenige Tage zuvor beim TV Total-Finale so schmerzlich vermisste. Auch Spiele, die sich in die Länge zogen, wurden nicht langweilig – was vielleicht aber nicht nur an Raab, sondern schlicht an der Melancholie und dem Wissen, hier das letzte Mal dabei sein zu dürfen, lag. Bis knapp 2 Uhr früh wurde gespielt, sich gecatcht und Späße getrieben, zum Teil war es, als wollten die Verantwortlichen das Unausweichliche hinauszögern – außer Raab selbst, der zweimal bat, die Spiele abzubrechen, jedoch auf taube Ohren stieß. Auch deshalb machte SdR stets so viel Spaß: Weil auch dem Star selbst nichts geschenkt wurde.

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Mit „Ich hoffe, Sie hatten ein bisschen Spaß!“ verabschiedete sich Stefan Raab (ungewöhnlich bescheiden) um kurz nach 2 Uhr am 20.12. 2015 endgültig vom Bildschirm. Unser Jugendheld. Der größte Entertainer Deutschlands. Sind am Mittwochabend noch (mehr oder weniger) die Tränen geflossen, wurde in den letzten Minuten von SdR die Bühne gerockt: Nachdem Raab in herrlich schiefen Tönen die Goodbye-Hymne „One Moment in Time“ anstimmte, gab er, gemeinsam mit den Heavy Tones, als wildgewordenes Rentier einen Rock-Christmas-Song zum Besten – und das nach einer sechsstündigen Live-Sendung voller Action und Spannung! Hut ab. Wie zu seinen Hochzeiten. Genauso der Gag vor seiner Performance, übrigens, mit dem er alle TV-Regeln noch ein letztes Mal außer Kraft setzte: Ein Fake-Sendeausfall bzw. Testbild versprach, dass Raab bald wieder für uns da sein wird. Wir sollen uns noch gedulden. Ein bisschen. Er sei doch gleich wieder für uns da. Gleich.

Und nun war es an uns, ein Tränchen zu verdrücken.

Ach, hätten wir doch …

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Fotos: ProSieben/Willi Weber, Facebook, Screenshots ProSieben

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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