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Published on Januar 19th, 2016 | by Manuel Simbürger

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Jessica Jones: Dreckiger Feminismus

Netflix hat eine zweite Staffel der Anti-Superhelden-Serie “Jessica Jones” bestätigt. Zurecht – denn das Format hebt das Superhelden-Genre auf ein noch nie da gewesenes Level.

Normalerweise retten Superhelden die Welt. Oder zumindest ihre Heimatstadt. Manchmal retten sie aber auch nur sich selbst.

In „Marvel’s Jessica Jones“, dem neuesten Kapitel aus dem Marvel-Franchise und die erfolgreichste Neftlix-Serie der letzten Monate, geht’s nicht darum, Aliens daran zu hindern, die Weltherrschaft zu übernehmen. Es geht nicht darum, aus brennenden Häusern zu springen, mit einem schreienden Baby im Arm, und dabei auch noch supergut auszusehen und super-unverwundbar zu sein. Und es geht auch nicht darum, die neusten Technik-Gadgets zu erfinden, mit denen man die Unterwelt in Angst und Schrecken versetzt.

„Jessica Jones“ unternimmt mit uns vielmehr eine verstörende Reise in die zerstörte Psyche einer Frau, emotional geschändet und auf der Suche nach Selbstfrieden. Ja, auch Jessica Jones hängt in dunklen Gassen rum – selten aber, um böse Buben zu verprügeln, sondern böse Ehemänner beim Fremdgehen zu überführen. Statt ein cooles Kostüm trägt sie Lederjacke und zerrissene Jeans, mehr kann sie sich nicht leisten, denn Jessica ist dauer-pleite. Denn Jessica Jones (auf den Leib geschneidert: Krysten Ritter) ist Privatdetektivin in New York – eine Stadt, genauso dreckig, genauso umtriebig, genauso unberechenbar wie sie selbst.

Dreckiger Realismus

Anders als die meisten „Marvel“-Serien und -Filme, ja gar mehr noch als Netflix-Bruder „Daredevil“, kommt „Jessica Jones“ rauer, ungekünstelter, realer daher. Im Grunde ist Jones eine Anti-Heldin, die vor Jahren gar ihr Superheldenkostüm in Violett – ja, auch sie hatte eins! – an den Nagel gehängt hat, nachdem sie bei den Avengers (!) gefeuert wurde – und auch draufkam, das ist nix für sie, die Rolle des weltweiten Vorbildes, in dem man Träume und Hoffnungen assoziieren kann. Es ist nett, Jones im selben Universum zu wissen,gleichzeitig aber doch so eine ganz andere Superhelden-Geschichte präsentiert zu bekommen, als wir es bis dato kannten.

„Nicht jeder, der Superkräfte hat, kann die Welt retten“, heißt es in einer Folge einmal. Das ist ein interessanter Aspekt: Wieso müssen übernatürlich veranlagte Personen automatisch auch das Herz am richtigen Fleck haben?! Oder genau das Gegenteil – zum Überdrüber-Bösewicht werden, der nichts geringeres als die Herrschaft bzw. Zerstörung (je nach Tageslaune) der Welt anstrebt?! Was ist mit dem netten, aber unscheinbaren Jungen oder Mädel von nebenan, der Durchschnittstyp oder einfach die Person Marke „Fuck you all?“, die plötzlich zu übermenschlichen Fähigkeiten gelangt?! Wie geht man damit um?

Klar, auch Jessica ist im Grunde eine Heldin. Eine gute Person. Das Herz ist auch bei ihr, wo es hingehört. Und doch ist sie keine Person, die einem sofort sympathisch ist. Sie flucht, trinkt, hat wilden Sex, nimmt sich das, was sie will. Sie stößt Leute von sich weg, um die anderen, aber vor allem um sich selbst zu schützen. Sie hasst ihren Job, weil sie damit Träume zerstört, macht ihn aber trotzdem, Geld ist schließlich Geld. Dazu ihr Äußeres: Hart, dreckig, androgyn. Keine Kampfamazonen-Sexbombe wie Black Widow , die reihenweise den Männern den Kopf verdreht. Keine verführerischen Bewegungen wie eine Catwoman oder kein Lolita-Charme wie ein Batgirl. Keine MILF-Aura wie eine Wonder Woman. Jessica Jones ist eine Mischung zwischen Kumpel, Bikerbraut und Street-Girl, das über Sex redet wie der LKW-Fahrer am Kneipentisch und nie um einen flotten Sprüchen verlegen ist (okay, hier unterscheidet sie sich von ihren KollegInnen nicht allzu stark); eines kommt ihr aber niemals über die Lippen: „Ich liebe dich.“

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Wenn Gedanken zum Zwang werden

Natürlich, hinter der rauen Schale steckt immer irgendein Drama. Das ist bei „Jessica Jones“ nicht anders. Das könnte leicht ins Abgedroschene abdriften, in die „Been there, done that“-Schubale gesteckt werden. Aber auch hier schlägt die Serie einen sehr mutigen, sehr tabulosen, sehr realen Weg ein: Jessica Jones, die Heldin, muss mit den (psychischen) Folgen einer Vergewaltigung klarkommen, PTSD ist ihr ständiger Begleiter. Weil es sich hier aber immer noch um eine Superhelden-Serie handelt, war’s keine herkömmliche Vergewaltigung, sondern eine mittels Gedankenkontrolle durch Kilgrave, Jessicas Nemesis und der bis dato faszinierendste „Marvel“-Bösewicht (hervorragend gespielt von „Broadchurch“-Star David Tennant). Was jetzt vielleicht bisserl abgehoben oder vielleicht gar billig klingt, wirft aber interessante Fragen auf, die auch in unserer Gesellschaft (leider) immer noch von großer Relevanz sind: Ab wann spricht man denn von einer Vergewaltigung? Ist es immer klar, ob es einvernehmlich geschah oder nicht? Und dann natürlich das ewige Schuldgefühl des Opfers: Wollte ich es vielleicht nicht doch? Habe ich klar gesagt, wo die Grenze ist?

Kilgrave, der die Gedanken seiner Mitmenschen kontrollieren kann und somit zum personifizierten Zwangsgedanken wird, nimmt der Menschheit nicht weniger als ihr wichtigstes Gut: nämlich den freien Willen. Womit „Jessica Jones“ gar philosophische Themen anschlägt – und mitunter, trotz aller Grausligkeiten, gar Mitgefühl für den Bigbad aufkommen lassen lässt: Nie, meint er einmal zu Jessica verzweifelt, könne er sicher sein, dass es sein Gegenüber aus freien Willen tut. Mit ihm Zeit verbringen, zum Beispiel. Oder ihn zu lieben. Wobei: Das Mitgefühl ist recht schnell wieder vorbei, wenn er einen Mann dazu bringt, die eigene Hand in den Müllschlucker zu stecken oder ein Mädel, ihre Eltern zu töten (und – da ist es wieder -, mit ihm zu schlafen). Oder: eine Frau, auf ihre lesbische Liebhaberin einzustechen.

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Sex wie im echten Leben

Denn auch hier betritt „Jessica Jones“ neue Wege – und beweist Mut für Neues: Als erste „Marvel“-Serie zeigt „Jones“ ein homosexuelles Pärchen – nämlich in der Form von Jeryn Hogarth und Wendy. Oder, vielleicht besser: von Jeryn und Pam, denn die ist Jeryns – bald nicht mehr so – heimliche Liebhaberin. Und das tolle: kein lautes Getöse, keine Extrabehandlung, keine Klischees. Jeryn und ihre Frauen werden mit derselben Ernsthaftigkeit und mit denselben Respekt wie alle anderen Figuren gezeichnet. Nämlich: Vielschichtig, düster, zerbrechlich und stark zugleich. Und vor allem: als unabhängige Frauen, die keinen Mann brauchen, um ihrer Frau zu stehen. Im Universum von „Jessica Jones“ sind Männer nur verzichtbare Sidekicks – oder eben perverse Psychopathen. “Jessica Jones” zeigt ein modernes, vielschichtiges Frauenbild, das interessanterweise nicht vor allem in der Titelfigur, sondern in Trish, Jessicas bester Freundin, zu tragen kommt: Die nämlich war ein Kinderstar, ihr Leben war in Form von Comics und einer TV-Show der ganzen Welt bekannt. Heute ist sie eine erfolgreiche Radiomoderatorin – und muss sich trotzdem ständig fragen: Wer bin ich wirklich? Wie groß ist die Diskrepanz zwischen dem Bild, das die Gesellschaft von mir hat, und dem eigenen? Darf ich mich zur Wehr setzen oder gelte ich dann sofort als Zicke? Moderner Feminismus.

Wenn wir grad schon dabei sind (bei den unabhängigen Frauen, mein ich, nicht bei den perversen Psychopathen): Der Hang zum (düsteren) Realismus macht in der Serie nicht nur bei den Kampfszenen (selten sahen Nahfights in Superheldenserien realistischer aus), sondern auch bei der Darstellung von Sex nicht Halt: Gleich in der Pilotfolge hat Jessica wilden – einvernehmlichen! – Sex mit dem Helden-in-spe Luke Cage. Nicht pseudo-braven-sauberen Sex, wie es bei Helden so oft der Fall ist, sondern messy, unnachgiebig, leidenschaftlich. Hart. Sex, wie ihn junge Erwachsene halt haben. Luke, der muskulöse Hüne, nimmt Jessica Doggy-Style, so lang, so hart, bis das Bett zu zerbrechen droht. Dann wirft er sie auf den Rücken, die Kamera unnachgiebig auf Jessicas Gesicht draufhaltend. Ob sie das eh vertrage, will Luke wissen, dessen bestes Stück wohl auch übermenschliche Stärke besitzt. Und ob sie es vertrage, meint Jessica mit fester Stimme. Sie nimmt sich, was sie möchte. Nachdem in gewisser Art und Weise dasselbe auch mit ihr geschehen ist. Sex im TV ist immer dann am besten, wenn er einen doppelten Boden besitzt. Und metaphorisch verstanden werden kann.

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Sorry, Batman!

Im Grunde ist „Jessica Jones“ also mehr ein Noir-Psychodrama als eine fetzige Superheldenserie. Spektakulär ist sie trotzdem, nicht nur in der Darstellung von Weiblichkeit und Sex (und weiblicher Sexualität), sondern auch im Storytelling, in den Dialogen, in der Kameraführung: Bei „Jones“ stimmt alles. Der Bingewatch-Faktor ist enorm, man fühlt sich bald auch beinahe gedankenkontrolliert: Denn von „Jessica Jones“ kann man sich spätestens ab der zweiten Folge nicht mehr losreißen. Noch nie waren Superhelden so interessant, so zerrissen, so düster, so mutig, so grenzüberschreitend. Sorry, Batman. Um eine Kreatur der Nacht zu sein, muss man nicht zwingend im Fledermauskostüm durch die Nacht streifen. Manchmal reicht auch eine Flache Whiskey und die dreckigen Straßen New Yorks.

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Fotos: Netflix

 

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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