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Published on November 7th, 2013 | by Manuel Simbürger

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Lady Gaga: ArtFLOP anstatt ArtPOP

Andy Warhol machte aus Müll Kunst. Lady Gaga geht den anderen Weg.

Okay, zugegeben, die Headline ist bisserl ein billiges Wordspiel, wurde in den letzten Monaten schon etwas überstrapaziert und ist schlicht und einfach schon abgegriffen. Nichts Neues.

Und genau deshalb eignet sie sich so gut für eine Rezension des brandneuen Lady Gaga Albums.

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Same Old, Same Old

Eigentlich ist es ja so: Hat man eine Rezension einer Gaga-Scheibe verfasst, hat man alle verfasst. Denn auch mit ihrem neuen Album „Artpop“ geht Lady Gaga, die angebliche Retterin des Pops, unbeirrt ihren Weg weiter, schaut nicht nach links, nicht nach rechts, sondern stur geradeaus und liefert somit das ab, was sie schon seit Beginn ihrer Karriere abliefert: Mainstream-Pop ohne viel Ecken und Kanten, manchmal schon erschreckend radiotauglich, und immer wieder – und das ist noch erschreckender – in eine seelenlose Hülle verpackt. Gaga selbst präsentiert sich immer wieder gern als Enfant Terrible des Pops, als Nachfolgerin Madonnas, als symbolische Fackelträgerin von David Bowie. Ohne Zweifel ist Gaga kreativ, ohne Zweifel steckt in ihr großes Talent, ohne Zweifel kann die Gute singen. Und doch ist der Großteil ihrer Songs ohne diesen besonderen Biss, den man sich von einer so einnehmenden Persönlichkeit wie Gaga erwartet. Nicht einmal der auf den ersten Blick provokativ anmutende Song “Sexxx Dreams”, in der Gaga so lasziv von Sexfantasien und Masturbation singt, erinnert mehr an eine Nacht mit Kuscheldecke als an eine Nacht voller Leidenschaft. Und dass die an sich sehr schwache erste Single-Auskopplung „Applause“ zu den besseren Songs des Albums gehört, sagt schon einiges aus. Aber leider nichts Gutes.

Ein paar Gustostückerl

Nein, „Artpop“ liefert nicht ausschließlich überstrapazierte und zu Tode produzierte Popsongs aus der Konserve, die seltsam als musikalische Rummelplatz-Untermalung anmuten. Manchmal, so zwischendurch, blitzt Gagas Mut zur Innovation doch auf. Oder zumindest den Mut, Gefühle in ihre Songs zu packen, die man eben eigenartigerweise bei der sonst so offenherzigen Sängerin immer wieder vermisst. Da gibt es den Song „Dope“, eine reduzierte Piano-Ballade, die nichts anderes als Gagas Stimme in den Mittelpunkt stellt. Dass sie hier beinahe bis zur (Selbst?)-Parodie Konkurrentin Christina Aguilera im Gesang imitiert, mag Einbildung oder tatsächliche Wahrheit sein, aber wenigstens präsentiert sich Gaga hier auch musikalisch, wie sie es so gern auch auf der Bühne und auf Magazincover tut: Nackt. Ungeschliffen.

Das ist sie zwar im Song „Spine“ nicht, und im Grunde genommen kann man die Lyrics hier auch getrost vergessen, aber der Song überzeugt mit einem anregenden Groove und einer an die Eighties erinnernden Hookline. Vom Opener „Aura“ kann man zwar halten, was man will, er ist aber wenigstens außergewöhnlich und bleibt mit seinen psychedelischen Orientalismen in Erinnerung (was man leider vom Großteil des Albums nicht behaupten kann). Und ja, „Applause“ geht wenigstens ins Ohr. Wenigstens.

Zu hohe Erwartungen geschürt

Geht man mit Gaga manchmal strenger ins Gericht als mit anderen Pop-Gespielinnen? Vielleicht. Unfair? Nur bedingt. Diese sehr uninspiriert wirkende Holzhammer-Dance-Pop-Scheibe verärgert auch deshalb, da Gaga – Bescheidenheit war bekanntlich noch nie ihre Stärke – bereits vor einem Jahr ankündigte, das Album „Artpop“ würde die Musikbranche verändern. Man neigt nun dazu zu hoffen, sie habe das Statement auf die Multimedialität des Albums bezogen (zu „Artpop“ wird es eine App geben), denn meist völlig hysterisch interpretierte Dance-Liedchen werden wohl nicht so schnell Steine ins Rollen bringen. Dass Gaga am 11.11. anlässlich ihres neuen Albums einen „Artrave“ in NYC veranstaltet, im Rahmen dessen eine von Jeff Koons gefertigte Gaga-Skultpur enthüllt wird (narcissistic much?!) erscheint bei diesem nicht mehr als durchschnittlichem Album beinahe schon lächerlich. Wenigstens ein bisschen. Den Fans wird es egal sein.

Von Müll und Kunst

Zumindest die Rechnung, dass Gaga mit ihrem Albumtitel (und zum Teil auch mit dem Cover) eine Verbindung zu Trash-King Andy Warhol ziehen möchte, geht auf: auch dieser hat bekanntlich aus Müll Kunst gemacht. Gaga macht’s halt andersrum, sie verwandelt Kunst in Müll.

Erfolgreich waren/sind sie damit beide. „Artpop“ schoss noch vor Veröffentlichung alleine durch die Vorbestellungen auf Platz 1 der iTunes-Charts. In 55 Ländern.

„An artist is somebody who produces things that people don’t need to have.“ Sagte schon Warhol. Wie wohl hätte sich Gaga nicht in dessen Factory gefühlt.

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



One Response to Lady Gaga: ArtFLOP anstatt ArtPOP

  1. Robert says:

    Das Album ist großartig! Man muss es sich im Dunkeln mit guten Kopfhörern anhören, dann ist es wirklich genial!!!

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