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Published on Mai 18th, 2016 | by Manuel Simbürger

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„Lemonade“: Konzeptalbum auf höchster Stufe

Dass Frau Knowles für ungewöhnliche Album-Veröffentlichungen zu haben ist, davon konnte man sich bereits einen Eindruck beim Vorgänger „Beyonce“ machen. Das durchaus außergewöhnliche R’n’B-Album, veröffentlicht ohne jegliche Vorankündigung oder Promotion, führte das weiter, was der Wiederum-Vorgänger „4“ bereits versucht, aber noch nicht so ganz hinbekommen hat: Die Sängerin, die als einflussreicher als Barack Obama gilt, gab sich um vieles kantiger als bisher, die Songs waren weit weg vom Mainstream angesiedelt und kamen zuweilen durchaus experimentell daher. Kritiker waren begeistert, die Fans ließ sie großteils mit verwirrtem Kopfschütteln zurück. Die großen Radiohits fehlten, dafür gab es einzelne Musikvideos en masse und irgendwie fühlte man sich einfach überfordert von diesem Puzzle, von dem Queen Bey erwartete, dass ihre Gefolgschaft es schon irgendwie zusammensetzen würde.

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2 Jahre und 4 Monate später geht es nun in Runde sechs. „Lemonade“ ist erneut ein Puzzle, aber diesmal eines mit Eckstücken, mit denen man sich langsam und konzentriert von außen nach innen arbeiten kann. Es ist ein sehr detailliertes und vielschichtiges Konzeptalbum, das aber gleichzeitig rund und wie ein großes Ganzes wirkt. Während die fünf Vorgänger – inklusive „Beyonce“! – allesamt einfach zu perfekt daherkamen, ein bisschen zu rund und zu glatt und Bey sich nie so ganz entscheiden konnte, ob sie nun das All-American-Girl oder die Ghetto-Power-Bitch sein sollte, macht „Lemonade“ das erste Mal wirklich alles richtig – und ist trotzdem (oder gerade deshalb) weit weg von Perfektion. Multitalent Beyonce bringt auf ihrem neuen Album genau das auf den Punkt, was auf den vorigen Alben immer nur streckenweise funktioniert hat: „Lemonade“ besitzt Hits, die ins Ohr gehen. „Lemonade“ besitzt hervorragende und interessante Gastkünstler, die sich ins Gesamtbild einfügen, statt zu stören. „Lemonade“ besitzt Beats, die jede Disko zum Beben bringen. „Lemonade“ besitzt ruhige Balladen, die ans Herz gehen. „Lemonade“ besitzt Soundexperimente.

„Lemonade“ besitzt ein Konzept.

„Lemonade“ ist im Grunde also die Quintessenz aller bisherigen Beyonce-Alben.

Eine Quintessenz, die auf mehreren, ineinander verschlungenen Ebenen funktioniert. Diese runter zu brechen ist nicht ganz so einfach. Versuchen wir es trotzdem. Was tut man nicht alles für die Königin.

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Die Meta-Ebene

Wirkte Beyonces Leben (und ihr Schaffen) in den letzten Jahren so derart perfekt, dass anstelle der Anzahl der Anhänger die Anzahl der Neider immer größer wurde und der Sängerin die Gefahr drohte, den Anschluss an ihre Fans zu verlieren, wurde es an der Zeit, an diesem scheinbar unzerstörbaren Image zu kratzen. Und wenn es etwas gibt, das Beyonce besser kann als singen und performen, dann ist es, die Marketingmaschinerie am Leben zu erhalten – nämlich so, dass es keiner mitbekommt. Plötzlich wurden Gerüchte laut, Ehemann Jay-Z hätte Traumfrau Beyonce betrogen, hintergegangen, gedemüdigt. Das idyllische Familienleben der Knowles-Carters? Mehr Schein als Sein – anscheinend. Beyonce litt, und das schon lange, war in diversen Klatschblättern zu lesen. Und plötzlich war uns Beyonce wieder näher, war ein Mensch wie Du und Ich. Und auch ganz plötzlich erschien, wieder ganz überraschend, ein neues Album samt dazugehörigem Film, der auch gleich mal nicht bloß auf YouTube (wie Old School!), sondern auf HBO veröffentlicht wurde, immerhin der größte Pay TV-Sender der USA. Zur Vorbereitung gab’s jedoch im Vorfeld bereits die Skandal-Nummer „Formation“, in der sich Beyonce politisch und aggressiv wie nie zeigte und öffentlich den immer noch vorherrschenden Rassismus der USA anprangerte – und somit gleich mal eine öffentliche Debatte loslöste. Die betrogene Ehefrau also, die um ihre Liebe, ihr Leben und ihre gesellschaftlichen Rechte kämpft (sowie gleich um jene der gesamten schwarzafrikanischen Bevölkerung) — man könnte sich ein schlechteres Image wünschen.

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Dass Beyonce auf „Lemonade“ mit scheinbar schonungslos-autobiografischen Texten aufhorchen lässt und somit gar eine Mobbing-Kampagne gegen eine gewisse „Becky with the good hair“ lostrat, passt da natürlich ins Bild. Der größte lebende Superstar breitet seine Seele vor einem Millionenpublikum aus und setzt ihren endlosen Schmerz in endlose Kreativitiät um. Fakt ist jedoch: Im Grunde deutet weder im Film noch auf den Song selbst etwas – mit Sicherheit – darauf hin, dass Beyonce hier tatsächlich ihre eigene (Leidens-)Geschichte erzählt (Jay-Z hat zwar im Film Gastauftritte, aber betont als verständnis- und liebevoller Ehemann). Genauso gut möglich – und sogar wahrscheinlicher – ist es, dass sie, einem Drehbuch ähnlich, eine universelle Geschichte des Vertrauensbruches, des Trümmerhaufens Lebens und der großen zweiseitigen Medaille namens Liebe erzählt. Mehr noch: Besonders im dazugehörigen Film stellt sich die Frage, ob die Geschichte, die das Album erzählt, gar nicht über das Zerbrechen (und das Wieder-Zueinanderfinden) einer Liebesbeziehung handelt, sondern über die Stellung der schwarzen Frau in der Gesellschaft und wie sehr sie von zahlreichen Männern in ihrem Leben definiert und dominiert wird. Jedenfalls: Von Kitsch und Klischees ist „Lemonade“ dabei aber meilenweit entfernt.

Die Idee, eine übergreifende Geschichte auf einem gesamten Album zu verarbeiten, ist für Beyonce zudem nicht neu – und verstärkt den Verdacht, dass es sich bei „Lemonade“ um eine reine perfekt geölte Marketingmaschine handelt: Schon das finale Destiny’s Child-Album „Destiny Fulfilled“ erzählt anhand von 12 Tracks die Chronologie einer Liebesbeziehung – allerdings noch sehr im braven, herkömmlichen Rahmen und alles andere als Kitsch-befreit.

Die musikalische Ebene

Auch wenn sich „Lemonade“ als Gesamt-Kunstkonzept präsentiert, so stehen natürlich die Songs im Vordergrund – denn am Ende des Tages handelt es sich hier immer noch um das neueste Album einer Sängerin, das mithilfe der Songs berühren und ins Ohr gehen (und der Künstlerin Anerkennung bringen) möchte. Wobei, ganz so stimmt es nicht: Die Bedeutung der Songs wird tatsächlich erst im Zusammenhang mit dem Booklet und dem dazugehörigen Film deutlich. Zudem sollte man die 12 Tracks des Albums als Gesamtkontrukt betrachten, denn erst dann entfalten sie ihre ganze Wirkung und wirken intensiver, gar epochaler, als wenn man sich einzelne Songs herauspickt. Dass Beyonce auch dieses Mal nicht auf den Mainstream setzt, zeigt sich weniger an den Songs selbst, sondern daran, dass „Lemonade“ kein Album ist, dass man sich zwischendurch und nebenbei anhört, als Hintergrundbemalung nämlich oder gar, um sich gut zu fühlen. Denn, nein: ein Feel-Good-Album ist „Lemonade“ keinesfalls. Das Album erfordert Konzentration und die volle Bereitschaft, sich darauf einzulassen, es vielleicht mehrmals anzuhören, um die seelische Wirkung auf sich erfassen und die verschiedensten Ebenen erkennen zu können. Somit kann „Lemonade“ neben dem musikalischen Genuss auch zu einer emotionalen Herausforderung für den Zuhörer werden.

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Denn jeder Song ist einem bestimmten Gefühl, einer Phase zugeordnet (Intuition, Denial, Anger, Apathy, Emptiness, Accountability, Reformation, Forgiveness, Resurrection, Hope, Redemption, Formation), die man durchlebt, wenn der wichtigste Mensch in seinem Leben plötzlich nicht mehr an seiner Seite ist, wenn das Leben ein Scherbenmeer ist, über das man auch noch barfuß laufen muss. Dabei tappt Beyonce niemals in die Klischeefalle: Da wird ein Song über emotionale Leere oder neu erwachte Hoffnung nicht zur schnulzigen Ballade (die auf „Lemonade“ sowieso so gut wie nicht zu finden sind), sondern weicht einem rockigen, teils wütenden, pumpenden Beat. Beyonce ist kein Opfer, das stellt sie von der ersten Sekunde an klar, zeigt sich aber trotzdem verwundbar. Zugleich symbolisiert das scheinbar Gegensätzliche von Lyrics und Musikstil auch das große innere Chaos, das in einem herrscht, wenn die große Liebe plötzlich zum Fremden wird. Überraschend, wie nathlos die Songs übereinander greifen, obwohl sie derart unterschiedlich klingen. Überraschend auch, dass es trotz dem durchgängigen härteren Sound des Albums am Ende doch ein Happy End gibt – wenn auch nicht eines, wie es im Märchenbuch zu finden ist.

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„Pray you catch me“: Die schwarze Frau, gedemütigt vom Mann, den sie über alles liebt. Leise und mit leichter Stimme nähert sich Beyonce an die Zuhörer. Dazu gibt es Soundwaben, die durch den Raum schleifen und eine angenehm kühle Atmosphäre schaffen. Eine Kälte, die sich langsam aber sicher auch im Inneren der Protagonistin breitmacht. Wir sind bereits mittendrin in der Welt des Misstrauens, des Schmerzes und der emotionalen Intimität, die Beyonce uns auf “Lemonade” präsentiert. Sofort ist klar: Es geht hier um das kompromisslose Erforschen, Erkunden der schwarzen, düsteren Seele einer Ehe.

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„Hold Up“: Sie ist eifersüchtig, der Zerstörungslust verfallen. Die (falsche) Hoffnung, dass vielleicht ja doch alles nicht so schlimm ist wie befürchtet, ist aber immer noch da, ein bisschen., weshalb das Ganze auch noch ein bisserl etwas Spielerisch-Verzweifeltes hat. Die Protagonistin zweifelt an ihrer Wahrnehmung – und die Wahrnehmung auf sie von außen: „There’s something that I’m missing, maybe my head for one. What’s worse, lookin’ jealous or crazy? I’d rather be crazy.“ Eine Mittempo-Reggeanummer (!) mit Potenzial, der „etwas andere“ Sommerhit 2016 zu werden.

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„Don’t hurt yourself“: Nun nimmt die grenzenlose Wut überhand. Sie schreit. Sie flucht. Wenn du mir weh tust, tust du dir nur selbst weh. Sie fordert Respekt ein. Gemeinsam mit Jack White gibt es hier E-Gitarren und Drums auf die Ohren, währenddessen in den Strophen alles wieder zurückgeschraubt wird. Zum Ende entlädt sich das Ding völlig. Eine absolut kongeniale Synthese von R’n’B und Rock.

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„Sorry“: Sie nimmt keine Entschuldigungen mehr an. Geh doch zu deiner (weißen?) Frau mit den schönen, wahrscheinlich glatten Haaren! Die gute Becky. Die emotionale Abnabelung beginnt – genauso wie die zunehmend stärker werdende emotionale Leere. Schwer zugänglicher Song, der erst nach und nach zu gefallen weiß. Rotzige R’n’-Nummer, aber ganz im Beyonce-Stil.

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„6 Inch“: Um sich nicht vollkommen zu verlieren, stürzt sich die Protagonistin in die Arbeit. Harte Arbeit, jeden Tag, auf 6-Inch-High Heels. Der Vertrauensbruch sickert, aber es tut zu weh, um darüber nachzudenken. Ablenkung, wo es nur geht! Die Abende werden in Clubs verbracht, um sich Bestätigung zu holen – und auch langsam wieder zu sich selbst zu finden. Sie erinnert sich wieder, wie stark und erfolgreich sie eigentlich ist. Und trotzdem, am Ende das verzweifelt, immer wieder wiederholt-keuchende “Come back!” Schleppende, düstere beatlastige black music mit The Weeknd, die die innere Leere viel besser vermittelt als jede Ballade. Großes Ohren-Kino.

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„Daddy Lessons“: Sie sucht nach emotionalen Halt, erinnert sich, was und wer sie geprägt hat, früher, wer dafür verantwortlich ist, dass sie zu einer starken Frau geworden ist, die bisher alle Prüfungen schaffte, die das Leben ihr auferlegt hat – und die Zitronen zu Saft gemacht hat. Die Protagonistin denkt an ihren Vater, was er ihr damals mit auf dem Weg gab: Pass auf, Mädchen! Sei stark! Das Gefühl der Ruhe und Sicherheit kehrt zurück – gleichzeitig macht sich aber auch die bedrückende Frage breit, ob der eigene Vater nicht für für das Männerbild der Protagonistin und und deren gescheiterten Beziehungen verantwortlich ist. Ihr Vater hat Fehler gemacht – aber wenn sie ihrem Vater verzeihen kann, wieso dann nicht auch ihrem Ehemann?! Country (schließlich das Musikgenre, das sich auf konservative Ur-Werte fokussiert) mit ur-afrikanischen Einflüssen: Viele Bläser, Clapbeat, toller Gesang. DAS Highlight des Albums.

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„Love drought“: Der Schmerz weicht einer Katharsis. Es findet eine seelische Läuterung statt, ähnlich einer Wiedergeburt. All der Schmerz und die Wut haben sie zu einem neuen, stärkeren Menschen machen lassen. Dadurch wird es ihr möglich, zu vergeben und zu ihrer großen Liebe zurückzufinden. Das funktioniert aber nicht ohne schmerzvolle Aussprache – und dem Auseinandersetzen mit dem Schmerz, dem Geschehenen. Wenn man vergeben will, muss man auch verstehen. Aber das tut weh. Schöne, ruhige Ballade, die durch den synthetischen Sound und die kosmischen Klänge aber auch kantig wirkt.

„Sandcastles“: Sie und er sind wieder vereint – und doch, trotz aller Zuneigung, Liebe und Genugtuung der Konkurrentin gegenüber („Bitch, I sratched out your name and your face!“), muss sie feststellen, dass der Vertrauensbruch seine Spuren hinterlassen hat. Man blickt gemeinsam in eine neue Zukunft, aber nichts ist mehr so, wie es mal war: “Every promise doesn’t work out that way”). Das muss sowohl sie, als auch er verarbeiten. Unter die Haut gehende Ballade – noch dazu die erste in Beyonces gesamter Karriere (!), bei der sie allein von einem Klavier begleitet wird. Eine Kombination, die klassisch und mutig zugleich ist und auf ganzer Linie überzeugt. Rauchig, brüchig, kratzig und verletzlich klingt ihre Stimme, an einer Stelle versagt sie beinahe vor Schmerz: der vielleicht ehrlichste Moment des gesamten Albums. Pure Emotionen, pure Magie.

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„Forward“: Wir müssen in die Zukunft blicken. Es geht vorwärts. Eine andere Wahl gibt es nicht. Von James Blake gesungen, Beyonce setzt nur kurz ein – einem Gastmusiker so sehr in den Vordergrund zu stellen, das können nur die ganz Großen. Andererseits: Mit knapp einer Minute Länge ist der Song nicht mehr als ein – gelungenes – Zwischenspiel. Eine Klanglandschaft mit triefendem Bass, die sich einfräst. Auch hier: gelungener Übergang, da der Track mit einem alleinstehenden Klavierakkord beginnt und genauso zum vorigen Song hätte gehören können.

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„Freedom“: Sie fordert in der neuen Beziehung: Auch sie möchte frei, möchte gleichwertig sein. Sie möchte wahre Freiheit, keine eingeschränkte, kein Gefühl, ersticken zu müssen. Sie ist als Person gewachsen und fordert den Respekt dieses neuen Ichs auch von ihrem Partner ein. Einengende Ketten werden durchbrochen, Gefühle wie Wut, Trauer oder Schuld hinter sich gelassen. Durchs Leben gekämpft wird aber weiter. Eine wütende, drückende Rock-Hymne mit Kendrick Lamar, die das Potenzial zur Heavy Rotation hat.

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„All Night“: Endlich hat sich das Gefühls-Chaos gelegt, sie steht wieder mit beiden Beinen im Leben und kommt innerlich zur Ruhe. Der Partner ist nach wie vor die große Liebe – und wahre Liebe muss sich nicht verstecken. Der Vertrauensbruch ist nicht vergessen, aber vergeben. Weil die Liebe am Ende größer ist als jede Verletzung. Der verträumte Song kommt schleppend und dennoch wohltuend daher. Nach der großen Intensität der vorherigen Songs ist „All Night“ ein leichtes Finale, das vor allem eines vermittelt: einfach ein schönes Gefühl. Auch hier werden prägnante Bläser verwendet, die das Ganze abrunden.

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„Formation“: Ihr Selbstbewusstsein ist endgültig gestärkt, sie weiß nun endgültig (wieder), wer sie ist: eine schwarze Frau, ein Star, der nächste schwarze Bill Gates vielleicht. Und endlich geht der Blick wieder raus in die Welt, nachdem er so lang in das eigene Innere gerichtet war: Gegen den immer noch vorherrschenden Rassismus muss etwas getan werden, denn sie ist nicht mehr bereit, Opfer zu sein. Wir dürfen nicht länger zusehen und das Elend und die Ungerechtigkeit um uns herum erdulden. Das heißt aber auch: Das Leben ist eine ständige Herausforderung, wir müssen kämpfen, immer, um nicht zu verlieren. Ist die eine Schlacht geschlagen, will – und muss – bereits der nächste Sieg errungen werden. HipHop der besten Sorte, der zwar einige Anläufe benötigt, dann aber gewaltig punktet. Herb, derb, laut – und nicht leicht zu verdauen. So roh, dass es manchmal weh tut – und genau deshalb funktioniert.

Die visuelle Ebene

Beyonce forderte bei der Veröffentlichung von „Lemonade“, sich den Film zuerst anzusehen, bevor man sich der Audio-CD widmet. Die Reihenfolge macht ehrlich gesagt keinen Unterschied, tatsächlich aber komplettiert der rund 60 Minuten lange und äußerst facettenreiche Film das Album. Songs wie „All Night“ oder „Sorry“ oder gar das ohnehin überaus starke „Freedom“ gewinnen (noch mehr) an Tiefe und Bedeutung, wenn man sich den Film dazu ansieht – und werden so auch leichter zugänglich. Im Grunde ist der „Lemonade“-Film eine Aneinanderreihung verschiedener Musikvideos, der zwar manchmal ein bisschen zu sehr artsy daherkommt. Trotzdem gelingt es Beyonce, dank der visuellen Ebene noch eine vollkommen andere Interpretationsmöglichkeit einfließen zu lassen: Denn im Film dominiert nicht die Geschichte einer betrogenen Frau, sondern jene einer schwarzen Frau, ihre verschiedenen Facetten, ihre Stellung in der Gesellschaft, der Einfluss ihrer eigenen Kultur und welche (geschichtsträchtigen) Veränderungen „die Afroamerikanerin“ schon hinter sich hat. „Forward“ ist im Film plötzlich eine Hommage an die Opfer und deren Mütter von sinnloser Polizeigewalt gegenüber Schwarzen in den USA: Der Regisseur zeigt die Porträts der Opfer in den Händen der Mütter. „Freedom“ wird zur Hymne für schwarze Frauen, die sich mit Sklavenarbeit und der Black Lives Matter Movement auseinandersetzt. „Formation“, das sogar erst nach dem Abspann läuft, ist überhäuft mit Andeutungen aus der – gegenwärtigen und vergangenen – schwarzen Kultur und fällt mit offenen politischen Statements und Forderungen sowie mit unverhüllter Aggression auf. Sogar das auch ohne Visuals fetzende und starke “Don’t hurt yourself” wird noch intensiver, wenn Beyonce im Video im Video davon spricht, sich einfach die Schädeldecke, die Haut, die Hände der Konkurrentin überzuziehen, um den Partner zu genügen. Der Schmerz, die Verzweiflung ist so groß, dass die Protagonistin droht, verrückt zu werden. Danach fetzt der wütende Song noch mehr, geht noch mehr unter die Haut, als er es ohnehin schon tut.

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Im Netz wird von Experten und Fans heiß darüber diskutiert, dass, ob und warum Lyrics und Video bei „Lemonade“ oft nicht zusammenpassen mögen. Vielleicht ist das ja genau die Absicht: Vielleicht soll auf akustischen Ebene tatsächlich die Chronik einer Beziehung, die kurz vorm Scheitern ist, erzählt werden, während sich die visuelle Ebene mit der Geschichte und Kultur der schwarzen Frau auseinandersetzt. Beyonce als Über-Person vereint am Ende wohl beides. Ein Schelm, der an dieser Stelle denken möge, es ging bei „Lemonade“ von vornherein und immer schon ausschließlich um das Dokumentieren der verschiedenen (kulturellen und historischen) Facetten einer schwarzen Frau – weil sich sowas aber nicht ganz so gut verkauft wie Ehe- und Liebesdramen, wurden noch schnell ein paar private Gerüchte gestreut und somit eine weitere, nur scheinbar dominierende Ebene dem Album hinzugefügt. Über Beyonces Privatleben zu spekulieren ist halt doch unterhaltsamer, als sich zu fragen, welchen Anteil man selbst am gegenwärtigen Rassismus hat.

Wie auch immer: „Lemonade“ beschäftigt einen auf jeden Fall lange, nachdem der Film bzw. das Album zu Ende ist.

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Fazit

„Lemonade“ ist ein Konzeptalbum der höchsten Stufe. Beyonce fordert ihre Fans heraus, erweitert den musikalischen Horizont, erwartet Toleranz und liefert dennoch mehr Gewohntes ab als beim etwas zu waghalsigen Experiment „Beyonce”. Die Sängerin traut sich trotz eingängiger Melodien, über den Tellerrand zu blicken – womit Beyonce etwas geschafft hat, woran die meisten ihrer KollegInnen scheitern: Musikrichtungen zu vermischen, sich dabei gleichzeitig aber nicht zu verlieren und eigenständig zu klingen. Dazu eine sich perfekt ins Gesamtbild eingliedernde visuelle Ebene, die nicht nur Zusatz, sondern gar Basis für die „Lemonade“-Experience ist und gar vollkommen neue Sichtweisen und Interpretationsmöglichkeiten aufzeigt. Wahrscheinlich DAS Musik-Highlight 2016.

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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