Music Sarah-Connor-2015

Published on Juli 1st, 2015 | by Manuel Simbürger

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Sarah Connor, das Tauschkonzert

Eigentlich war Sarah Connor weg vom Fenster. Bis sie ihre Muttersprache entdeckte – und somit das Comeback des Jahres hinlegte. Es ist wieder cool, Sarah cool zu finden.

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Anfang der Nuller-Jahre sang Sarah Connor, immerhin erfolgreichste deutsche Sängerin der letzten Jahrzehnte (nimm das, Nena!) so lustige Sachen wie:

„Bounce baby out the door
I ain’t gonna take this no more
Bounce baby out the door
Get up and move
Don’t make me act a fool
Just bounce“

Aber Sarah war auch verliebt – in den Marc Terenzi, damals Boygroup-Mitglied („Natural“ – remember, ANYONE?!) und ein ganz ein Hübscher. Also schmachtete sie zum Beispiel auch Dinge wie:

„Just one last dance
before we say goodbye
when we sway and turn round and
round and round
it’s like the first time“

Und wenn die Sarah ganz kreativ war, dann sang sie Kindertexte, die eigentlich so gar nicht für Kinder bestimmt sind – das klang dann zum Beispiel so:

„Do it, baby, do it
On the beach
Do it, baby, do it
Down the street
Do it, baby, do it
You and me
We’re gonna do what they call the French kissing

Give it, baby, give it
In the car
Take it, baby, take it
Wherever you are
Give it, baby, give it
Go too far
We’re gonna do what they call the French kissing“

 Weil Sarah damals der deutsche Mix aus Toni Braxton und Britney Spears war, sang sie manchmal auch Motivierendes wie „From Zero to Hero“, Kitschiges wie „Skin on Skin“, Anti-Arbeit-Hymnisches wie „Let’s get back to bed – boy!“ oder Mysteriöses wie „Music is the key.“

Und Sarah Connor war damit erfolgreich. Und wie. Mehrere Nummer 1-Alben, World Music Awards, internationale Charterfolge und ausverkaufte Konzerthallen. Sarah Connor war the shit, damals, so kurz nach den Neunzigern. Damals, als die Popmusik Hochkonjunktur hatte.

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„Krieg deinen Arsch endlich hoch!“

15 Jahre später sieht die Welt anders aus. Deutschland wird von einer Frau regiert, die USA von einem Schwarzen und Schwule dürfen endlich heiraten. Und: Bubblegum-Pop kommt nur noch gut, wenn er von Mädels wie Britney oder Katy geträllert wird. Der abgehobene, glitzernde Popstar, der das Traumleben – das Leben der Träume der Fans – auskostet, sich als göttliches Wesen feiern lässt und die Massen in eine (Entertainment-)Parallelwelt entführt, ist heute, in Zeiten von Facebook und Twitter, in der jeder ein Star sein kann, nicht mehr gefragt. Wenn die Wirtschaft zusammenbricht, rechtspopulistische Politik wieder im Aufschwung ist und der Generation Y täglich vorgebetet wird, dass ihnen alle Türen, alle Möglichkeiten offen stehen, sucht man das Wahre, das Realistische, das Haltbare. Heißt: KünstlerInnen zum Anfassen, zum Identifizieren. Stars, die sagen: „Ich bin so wie du, ich bin einer von euch, ich verstehe eure Welt, weil ich in derselben lebe.“

Und plötzlich singt Sarah Connor, die sich in den vergangenen fünf Jahren „Zeit zum Durchatmen“ nahm, wie sie selbst sagt, weil sie in ihrer „Pop-Bubble“ gefangen war, Dinge wie:

Ich kann nicht mehr atmen
was mach ich noch hier
Will nur noch ertrinken in dem Glas vor mir“

Weil die neue Sarah aber mehr im Kopf hat als Sex, Disco-Gebounce und romantische Strandspaziergänge, gehen ihr nun auch Gedanken durch den Kopf, die sie genauso wenig versteht wie wir alle:

„Wenn Menschen alles verlieren
Und wenn Mütter auf der Flucht das Leben ihrer Kinder riskieren.
Wer ist dieser Gott, von dem sich alle erzählen?
Für den Menschen sterben und andere quälen,
der zulässt dass Frauen hinter Männer gehen.
Warum können wir nach den Bildern schlafen gehen?
Und weiter träumen, als wär nichts geschehen?
Krieg dein Arsch endlich hoch,
Zeit aufzustehen.“

Klar, auch die Liebe beschäftigt Sarah noch. Das klingt neuerdings dann allerdings so:

„So viele Lieder schrieb ich dir
Doch keines klingt so schön wie wir
Manchmal hab ich so ne Angst
das mit uns hier zu verlieren
.“

Und weil Sarah ja eine von uns ist, gibt sie zu, von sich selbst genauso überrascht zu sein wie wir es von ihr sind:

„Hätt nie gedacht, dass es mal sowas gibt
Jetzt sing ich dir ein deutsches Liebeslied“

 Und nach Jahren brutaler Flops ist Sarah Connor wieder ganz oben.

Muttersprache--Netzclip-2

Alkoholsucht mit Kirchenchor

Die Sarah Connor 2015 ist nicht mehr die Sarah Connor von 2002/3/5. Sie hat das Motto der lustigen VOX-Show „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ (quasi eine Art Castingshow nur ohne Casting und Show, dafür mit viel Promis) ernst genommen und ihren eigenen Stil radikal getauscht: Englische Texte sind nicht mehr, dafür gibt’s jetzt Ehrliches, Berührendes, Augenzwinkerndes in der „Muttersprache“. So heißt auch Connors neues Album, mit dem ihr das Comeback des Jahres gelang: Platz 1 in Deutschland und der Schweiz, Platz 3 in Österreich, Kritiker-Hymnen wohin man schaut und liest, Respekt seitens MusikerkollegInnen und zimperlicher Musikliebhaber – und das, obwohl die Hamburgerin eigentlich schon so gut wie weg vom Fenster war. Sarah Connor hat das geschafft, was Jahre zuvor auch schon Britney gelang: Es ist wieder cool, Sarah cool zu finden.

Das war’s aber schon wieder mit den Gemeinsamkeiten der beiden Blondinen: Während Britney nach wie vor gerne über „Pretty Girls“ aus dem All singt und sich Pop-Einheitsbrei-Mastermind Max Martin ins Boot holt, hat sich Sarah mit Peter Plate und Ulf Leo Sommer, den beiden schwulen Männern von Rosenstolz, zusammengetan, und lässt in ihren neuen Songs die hässlichen und schönen Seiten des Leben einfließen: Auf „Muttersprache“ finden sich immer noch Themen wie (klar!) Liebeskummer oder Self-Empowerment, Connor singt aber auch über eine Frau, die wegen der Untreue des Mannes kurz vor der Alkoholsucht steht (was sie mit einem Kirchenchor noch zusätzlich unterstreicht, dabei aber trotzdem unverfroren die Frage stellt: „Fickst du mit ihr so wie wir?!“), über fatale Co-Abhängigkeit, über Selbstaufgabe, über Depressionen, gar über die Vorstellung, wie das eigene Begräbnis auszusehen habe. Sie singt über Krieg genauso wie über Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und der Oberflächlichkeit der Gesellschaft. Und über das tägliche Hin- und Hergerissen-Sein von Müttern zwischen Unlust und Lust, politischen Aktivismus und Häusichkeit, Nonne und Hure. Und plötzlich erscheint der Titel „Muttersprache“ unter einem ganz anderen Licht.

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Mühelos und leicht

Auch das nämlich ist Connor auf ihrem neuen Album gelungen: Die Zweideutigkeit, das Nicht-Festlegen, das Variabel-Bleiben. Sie schwingt mühelos zwischen Soul und Pop, zwischen Guter-Laune-Song und Kirchenchor, zwischen Röhren und Flüstern.  Apropos, das Wort ist eben gefallen: die Mühelosigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch „Muttersprache“. Wirkten die vorherigen Alben der Sängerin noch schmerzhaft verkrampft und verzwickt – es war deutlich, dass Connor nicht wusste, wohin ihr Weg als Musikerin führen sollte -, swingt, jammed und chillt sie sich auf der neuen Scheibe mit einer angenehmen Leichtigkeit, wie man es seit Jahren nicht mehr bei ihr gesehen hat. Und genau diese Leichtigkeit und diese Freude überträgt sich auch auf den Hörer. Und nebenbei klingt ihre Stimme so klar und rein wie schon lange nicht mehr.

Dass Connor sich auf „Muttersprache“ für die deutsche Sprache entschieden hat, war ein kluger Entschluss: Nicht nur, dass deutsche Musiker seit einiger Zeit wieder einen starken Aufwind erfahren (Revolverheld! Gregor Meyle! Andreas Bourani!), schon während „Sing meinen Song“ bekam Connor bei ihrem Meyle-Cover „Keine(r) ist wie du“ mehr als positives Feedback. Zudem, das darf und muss man ganz neutral und nüchtern und bisserl zynisch sagen, ist die deutsche Sprache der richtige Schritt für die Künstler-Fan-Bindung. Denn durch die einfache und eben deutsche Sprache ihrer neuen Songs können ihre langjährigen Fans vielleicht zum ersten Mal verstehen, was ihr Rolemodel da eigentlich sagen und vor allen Dingen singen möchte (der einzige englische Satz des gesamten Albums, “Play me like a spanish guitar”, wirkt wie ein störender Fremdkörper, zugleich aber auch wie eine Hommage an ihre früheren Jahre). Und, das muss man auch ganz ehrlich sagen, diesmal ganz ohne Zynismus: So ehrlich, so real, so „anfassbar“ gab sich die Sängerin noch nie. Man darf an dieser Stelle ruhig behaupten, dass „Muttersprache“ das beste deutsche Album seit Langem ist.

Es scheint tatsächlich so zu sein, als ob Sarah Connor ihre (Mutter-)Sprache gefunden hätte.

 

Fotos: Nina_Kuhn / Universal

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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