Fashion Guido Kretschmer 1

Published on August 4th, 2013 | by Manuel Simbürger

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Shopping Queen: Von Frauen, die auszogen, sich anzuziehen

Das Geheimnis hinter dem VOX-Erfolg „Shopping Queen.“

In den 1990er-Jahren und Anfang der Nullerjahre war der deutsche TV-Sender VOX vor allem für Qualitätsserien wie „Ally McBeal“, „Boston Legal“ oder „Gilmore Girls“ bekannt. Heute gibt’s hier vor allem Scripted-Reality-Shows, in denen es um Gärtnern, Hausbauen, Kochen und Wohnungsmieten geht. Und ums Shoppen. Natürlich. Denn aus dem VOX’schen Einheitsbrei sticht eine Sendung besonders hervor: „Shopping Queen“, immer wochtentags um 15 Uhr und manchmal als Promi-Special auch in der sonntäglichen Prime Time. Und VOX ist wieder voll da, erzielt Traumquoten. Denn „Promi Queen“ mit dem deutschen Stardesigner Guido Maria Kretschmer hat längst Kultstatus erreicht. Sprach man früher in Freundeskreisen, welche herrlichen Menüs in „Das Perfekte Dinner“ gezaubert wurden, ist heute der schlechte Modegeschmack Deutschlands das heißeste Gesprächsthema. Das hat VOX erkannt und schickt in der ersten September-Woche sein Erfolgsformat das erste Mal um wochentags um 19 Uhr (nämlich pikanterweise anstelle von „Das Perfekte Dinner“) ins Quotenrennen.

Was aber macht „Shopping Queen“ so unwiderstehlich? Was ist das Geheimnis hinter dem Erfolg? Hier mal fünf mögliche Gründe. Entsprungen aus dem Gehirn eines Shopaholics.

1. Guido Maria Kretschmer

Ganz klar: Gäb’s Guido Maria Kretschmer, von den deutschen Medien liebevoll „Kretsche“ genannt, nicht, wär auch „Shopping Queen“ nur halb so interessant. Und halb so erfolgreich. Kretsche, der das Treiben „seiner“ Shopping-Kandidaten das erste Mal (!) während der Aufnahmen seiner Kommentare sieht, möchte man am liebsten Kuscheln und Knutschen, ihn gleichzeitig aber auch nicht als Feind haben. Der gebürtige Nordrhein-Westfalener mit dem Hang zum Wörtchen „ne?“ hat das derzeit schärfste und spitzeste Zünglein im deutschen TV. Wenn er das Shopping-Verhalten oder den Modegeschmack einer Kandidatin nicht versteht, teilt er das offen den amüsierten ZuseherInnen mit. Findet er die männliche Shopping-Begleitung sexy (und das tut er so gut wie immer), wird auch das gefühlte alle drei Minuten wiederholt. Kretschmer ist ehrlich, verstellt sich nicht. Er nennt die Dinge beim Namen, ohne jemals unverschämt zu werden oder unter die Gürtellinie zu geraten – und hat so Moderationsrüpel Dieter Bohlen einiges voraus. Dazwischen hat er tatsächlich Experten-Tipps für das richtige Outfit parat, die man auch als Nicht-Fashionista leicht befolgen kann. Kretsche hat sichtlich Spaß an der Sache, man hat das Gefühl, er habe sich einer Mission a la „Ich mache Deutschland stylisher“ voll und ganz verschrieben. Seine Sager sind Kult, seine Vorliebe, den Kandidatinnen (und deren BegleiterInnen) Kosename wie „Minnie Maus“ oder „Mäuschen“ zu nennen, ebenso. Kein Wunder, dass Kretschmer bereits für „Das Supertalent“ (neben Bohlen) verpflichtet wurde.

2. Ich shoppe, also bin ich

Klar, auch mit Hausbauen, Gärtnern und Kochen identifiziert man sich, weil man diese Arbeiten kennt (zumindest vom Hören-Sagen). Aber shoppen, das kann wirklich jeder, auch wenn man’s vielleicht nicht so mag. Der Großteil der Frauen (natürlich die Zielgruppe der Sendung) aber fühlt sich zwischen tausenden Klamotten und abertausenden Schuhen pudelwohl. Mit „Shopping Queen“ bekommen sie nun auch werktags am Nachmittag die Möglichkeit, nach dem steilsten Teil Ausschau zu halten. Man überlegt sich, wie man das Wochenmotto, das die Kandidatinnen meistern müssen (z. B.: „Style Dich für ein romantisches Date mit George Clooney“), selbst umsetzen würde. Und verfällt ins Träumen. Dass man als Kandidatinnen zwar oft schrille Vögelinnen, aber immer Frauen wie Du und Ich auswählt, hebt natürlich den Identifikationsfaktor. Endlich sieht man anstatt stinkreicher Society-Damen, die sich ohne persönlichen Styleberater nicht außer Haus trauen, die Frau von nebenan, die genauso wie man selbst mit Hüftgold und dem Kaschieren eben dieses zu kämpfen hat.

3. Fremdlästern

Aber, natürlich, Identifikation hin oder her. Bei einer Reality-Show, und nichts anderes ist „Shopping Queen“ nun mal, will man vor allem eines: ablästern. Das ist bei „Shopping Queen“ nicht anders. Wie kann die da nur DIESE Bluse zu DIESER Hose kaufen? Hat die einen Spiegel zuhause? Wer bitte ist denn für dieses Make-up verantwortlich? Und wieso, ja wieso, glaubt die Gute, eine sexy Femme Fatale habe auszusehen wie eine holländische Unschuld vom Lande? Ja, lästern ist eben was Schönes. Insbesondere, weil man es selbst ja besser kann. Vor allem daheim von der Couch aus.

4. Die Off-Stimme

Kretschmer ist zwar toll, das Salz in der (ohnehin schon köstlich schmeckenden) Suppe ist aber der Kommentator, der Erzähler, also die Off-Stimme. Diese hat so herrlich ironische Statements parat, dass es fast schon egal ist, ob sich die Kandidatin nun tatsächlich so blöd anstellt, wie wir es gerne glauben mögen. Ironie, Witz, Charme – all das ist der 35-jährige Thorsten Schorn. So heißt nämlich der Kommentator von „Shopping Queen“ (und „Das Perfekte Dinner“). Schorn ist eigentlich Journalist und ist z.B. als Außenreporter bei den Sendungen „Zimmer frei!“ und „Stern TV“ zu sehen. Mit Sabine Heinrich moderiert er beim deutschen Radiosender „1LIVE“ die “Schorn-Show”, wo er Stars wie Katy Perry oder Depeche Mode interviewt. Dieser männlich-lausbub-haften Stimme kann man aber auch nur schwer widerstehen.

5. Kretschmer

Ja, die Kretsche ist cool. Aus. Punkt. Kretsche, wie lieben dich!!

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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