TV truebloodlastsupper

Published on Oktober 2nd, 2014 | by Manuel Simbürger

0

True Blood: Zum Schluss wird alles normal

Nach sieben mehr oder weniger glorreichen Jahren ging das Vampir-Epos “True Blood” Ende August endgütlig zu Ende. Statt Queerness wird zum Abschluss Konservatismus zelebriert.

truebloodlastsupper

Zum Finale wird Thanksgiving mit alten Freunden gefeiert. Fast wie wie in Stars Hollow – nur dass wir uns in Bon Temps befinden. (c) HBO

Wie beendet man eine Serie, die sieben Jahre lang eine der erfolgreichsten TV-Serien auf einem der erfolgreichsten TV-Sender war? Die seit Jahren die Fanbase spaltet wie kaum eine andere Serie? Die in den letzten Jahren so grottenschlechte Drehbücher ablieferte, dass man sich manchmal wunderte, ob es sich hier tatsächlich um ein HBO-Werk handelt? Die aber zugleich gerade aus ihrem Mix aus Over-The-Topness, Crazyness, Sex- und Gewaltorgien zu einem der größten Phänomene der gegenwärtigen Popkultur wurde?

Man lässt die Hauptfigur in einem Schwall aus Blut explodieren. Man ignoriert seine bis dahin so stolz vor sich her getragenen Werte. Man liefert den Fans genau das Gegenteil dessen, was sie sich erwarten.

Nur ist das Gegenteil der Erwartungshaltung nicht immer das Beste.

Ich bin ein Vampir – und das ist gut so!

Das Vampir-Epos „True Blood“ ging Ende August zu Ende. Nach sieben Jahren. Sowohl Fans als auch Kritiker waren sich einig (ja, das gibt’s auch!), dass es an der Zeit war, Lebewohl zu sagen, den „true dreath“ zu sterben, sozusagen. Trotzdem hat man am Ende des Finales das Gefühl, man würde eine Liebesbeziehung beenden. Eine Beziehung, die anfangs so voller Potenzial war, so aufregend, so anders als alles, was man bisher erlebt und gesehen hatte. Eine Beziehung, die hohe Höhen und tiefe Tiefen hatte, in der der Sex aber immer – IMMER – gut war und man genau deshalb dem Ding auch noch ne Chance gab. Immer wieder. Man blickt mit Wehmut zurück an die Anfänge und verspürt doch, trotz all der Probleme in den letzten Jahren, so etwas wie Trauer, dass dieses Kapitel nun für immer geschlossen ist.

2008 startete „True Blood“ als Anti-These zu dem damaligen „Twilight“-Hype. Während in der Kinosaga Vampire bildschön, keusch und demütig waren (und sogar in der Sonne glitzernden!), präsentierte uns die HBO-Serie von Alan Ball („Six feet under“) von der ersten Minute an eine Welt, die so verrückt war, so blutrüstig, so erotisch, so verdorben, so düster, dass man sich genau deshalb ihrer Anziehungskraft nicht entziehen konnte. Im Gegensatz zu „Twilight“ waren die Vampire in „True Blood“ zwar vielleicht nicht immer abgrundtief düstere Figuren der Nacht, aber sie liebten Gewalt und Sex. Viel Gewalt und viel Sex. Irgendwann kamen dann auch noch Feen, Gestaltenwandler, Werwölfe und Hexen dazu und das Südstaaten-Dörfchen Bon Temps konnte sich mit Recht als abgedrehtestes Dörfchen der TV-Geschichte bezeichnen. Je offener die Grenzen zum Übernatürlichen wurden, desto mehr verlor die Serie selbst den Boden unter ihren Füßen und fand – ähnlich wie „The X-Files“ vor historisch-langer Zeit – nicht mehr aus dem Labyrinth heraus, das es sich selbst erbaut hatte. Von Staffel zu Staffel wurden die Kreaturen verrückter, die Plots abgedrehter, die Figuren sich selbst immer fremder. Da tat es manchmal sogar körperlich weh, zuzusehen, wäre da nicht eben dieser gewisser „True Blood“-Reiz, der einem am Ende doch immer dran bleiben ließ: So verrückt wie in Bon Temps ging’s (und geht’s) sonst nirgends in der TV-Landschaft zu, abgesehen von „Twin Peaks“ vielleicht. Der Südstaaten-Flair wurde in der Serie perfekt eingefangen und mit dem Übernatürlichen verwoben, dafür waren die Figuren selbst alles andere als perfekt (dafür sehr sexy) – und vor allem nicht das, was gesellschaftlich als „normal“ angesehen wird.

a_560x375

Sookie besudelt sich mit dem Blut ihres Ex-Lovers. Eine Metapher ihres alten (queeren) Lebens, das sie in einem Grab beerdigt. (c) HBO

Out of the coffin

Und genau das war „True Bloods“ größte Stärke: Das Spiel mit den gesellschaftskritischen Metaphern, das Widersetzen sämtlicher Gesellschaftstrukturen und Normen, das Zelebrieren des Anders-Seins. In „True Blood“ hatten sich die Vampire endlich geoutet, sie waren „out of the coffins“ und schämten sich nicht für ihre Lebensweise, die sich eben nicht unter dem Deckmantel „Verliebt-Verlobt-Verheiratet-Haus-Hund-Baum“ vereinen ließ. Dem Rest der Menschheit gefiel das natürlich nicht immer, reagierten mit Plakaten, auf denen Sprüche wie „God hates Fangs“ zu lesen waren. Die Menschen, in grenzenloser Furcht vor dem Fremden, taten alles dafür, die Vampire nicht die gleichen Rechte zukommen zu lassen, die man selbst genoss. In Verbindung mit der einzigartigen Kombination mit der „realen“ Welt (der Welt des Zusehers also) entwickelte „True Blood“ von der ersten Episode an eine Zugkraft, eine metaphorische und gesellschaftskritische Strahlkraft, die man nur von den allerbesten Serien-Juwelen kennt. Hier wurde das Anders-Sein gefeiert, die Queerness in allzu oft überdeutlichen Bildern der Heteronormativität gegenüber gestellt.

Was nicht bedeutet, dass „True Blood“ in einer schwarz-weiß-Malerei versank: Die Vampire in der Serie sind meist keine allzu lieblichen Zeitgenossen, stellen ihr eigenes Leben über denen der Menschen und haben, sagen wir mal so, eine ganz eigene Sicht auf die Welt. Genau das aber machte „True Blood“ zu einem (orgiastischen) Vergnügen für den Zuseher: Egal ob weiß, schwarz, hetero, schwul, lesbisch, bi, Frau, Mann, Vampir, Mensch oder Werwolf – in Bon Temps hatte jeder einen Dachschaden. Hatte jeder seine dunklen Geheimnisse und oft realitätsfernen Träume. Und jeder erkundete auf seine Weise den Horror der Intimität – und genau darum ging’s in der Serie schließlich auch.

true-blood-series-finale

Auch Jessica muss sich am Ende den heteronormativen Regeln beugen. (c) HBO

Wenn das Andere zum Normalen wird

Schade also, dass im Finale „Thank you“ von all diesen von der Serie stets hochgehaltenen Werten nicht mehr viel übrig blieb. Hero-Villain-Hero-Villain Bill Comden setzt plötzlich in seinen letzten Stunden alles daran, seine Seelenverwandte Sookie zu einem Hausmütterchen zu machen: Er müsse sterben, denn nur so könne sie glücklich heiraten und Kinder bekommen (und wird dafür auch plötzlich als strahlender Held angesehen). Denn nur so findet man wirklich Glück auf Erden. Über alledem verlangte er von ihr auch noch, ihre Feenkräfte aufzugeben, also genau jenen Teil ihrer Persönlichkeit, der sie zu etwas Besonderem macht, zu jemanden außerhalb des heteronormativen Gesellschaftsgitters. Dem widersetzt sich Sookie zwar, Gott sei Dank, endet aber schlussendlich trotzdem mit Mann und Kind und Haus und Garten. Und hadert in einem (wenn zugegebenermaßen auch ergreifendem) Gespräch mit einem Priester auch plötzlich damit, ob Gott einen Fehler gemacht hat, indem er sie und alle anderen, die „anders“ sind, erschaffen hat (die Frage wird vom Priester übrigens verneint – gut so, sonst hätte ich mir selbst schnell mal einen Pflock durchs Herz gerammt).

Wer in „True Blood“ hat also plötzlich entschieden, was „normal“ ist? Und dass das „Normale“ das einzige Ziel sei, das im Leben zu erreichen ist? Sogar Vampirmädel Jessica heiratet in einer Kurzschluss-Reaktion ihre erste, große Liebe Hoyt (der sich zwar an die gemeinsame Vergangenheit nicht erinnern kann, aber was soll’s!). Das mag zwar eine gut gemeinte Referenz an die in vielen Ländern und Staaten noch immer nicht erlaubte Homo-Ehe sein (in der Hochzeits-Szene wird sogar angesprochen, dass die Ehe zwischen Jessica und Hoyt nicht überall in den USA anerkannt wird), wäre da nicht der Auslöser, der zu dieser Hochzeit eigentlich erst geführt hat: Vampir Bill, so etwas wie Jessicas Vater, wünscht sich in seinen letzten Stunden nichts sehnlicher, als seine Vampir-Tochter als Braut vorm Altar zu sehen. Und auch Jessica gesteht plötzlich, immer von einer Traumhochzeit geträumt zu haben. „I am a Vampire, but I am still a girl“, gesteht sie mit geröteten Wangen und Mädel-Kichern. Jessica war stets ein Charakter, der sich gegen ihr altes Leben als katholisches Mädel wehrte, das sich in der heteronormativen Vorstellung der gemeinsamen Zukunft ihres Partners Hoyt gefangen, eingesperrt fühlte – und nun scheint es ihr größter Wunsch zu sein, den so lange abwesenden (und zum Unsympathler mutierten) Hoyt zu ehelichen? Das ist an heteronormativen und konservativem Gedankengut nicht mehr zu überbieten.

Träumt jedes Mädchen etwa davon, irgendwann mal Ehefrau und Mutter zu sein? Anscheinend, am Ende der Folge ist schließlich auch Sookie, eigentlich die große Verfechterin des Anders-Seins, diesem Weg gefolgt. Obwohl, um fair zu bleiben: Auch Sookies Bruder Jason, der Dorf-Playboy, beendet seine Geschichte als glücklicher Ehemann und Vater dreier Kinder. Dass er sein Leben als Single mit regem Sexleben auch in Zukunft genießt, das schien für die Autoren undenkbar zu sein. Und der schwule Lafayette, Favorit unter den „True Blood“-Fans? Der kommt im Finale erst gar nicht vor, sieht man von der Schlussfrequenz ab, in der man ihn mit seiner neuen Liebe (wenigstens darf er glücklich werden!) im Hintergrund sieht. Ganz klein.

3CCiIBerDQGl

Familie Stackhouse lebt in naher Zukunft ganz und gar konservativ. (c) HBO

Rückkehr zum Konservatismus

Also endet „True Blood“ in den letzten Minuten so derart gewöhnlich, so derart konservativ, wie man es sich niemals von dieser Serie erwartet hätte: Freunde kehren ins Dorf zurück, um sich zu einem gemütlichen Gartenparty auf Sookies Anwesen zusammenzufinden. Alle sind in einer monogamen Beziehung, haben Kinder, haben ihr Anders-Sein hinter sich gelassen und haben sich den allseits bekannten heteronormativen Regeln unterworfen. Wer der Vater von Sookies Kind ist, das erfahren wir nicht, nur die (wenn auch sexy) Rückseite des Bill- und Erics-Nachfolger bekommen wir für einen Bruchteil der Sekunde zu sehen. Ist auch schließlich egal, mit wem Sookie am Ende glücklich wird – sie hat Mann, Kind, Haus und Garten (und sicher irgendwo auch einen Hund) gefunden. Und nur darauf kommt’s ja schließlich an. Sogar in „True Blood“, der einstigen so verrückten Party des Anders-Seins.

Vampir Bill, der bis dato Normen-Widerspenstige, würde sich im Grab umdrehen, wäre er nicht in einem Schwall aus Blut explodiert, das in diesem Moment so bedrohlich an der tränenüberströmten Heldin zu kleben scheint (metaphoric much?!). Wenigstens gibt’s da noch die Bonnie & Clyde-Vampire Eric und Pam, auf die man sich auch in Zukunft verlassen kann: Die beiden steigen mit ihrem Produkt „New Blood“ groß in die Wirtschaft ein – und das mit vollem Erfolg. „Tru Blood“ ist also „New Blood“ gewichen. Ich bin mir nicht sicher, ob mir das schmeckt.

maxresdefault

(c) HBO

c52ef1647daf4af7cab88884acd4c886

Vater Bill führt Vampir-Tochter Jessica ganz traditionell zum Altar. “I am a Vampire, but I’m still a girl.” (c) HBO

true-blood-finale-recap

(c) HBO

Tags: , , , , , , , , , ,


About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


5 + = sechs

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Back to Top ↑

Lesen Sie den vorherigen Eintrag:
unnamed
Conchita Wurst im Kino

.... zumindest fast. Heute hat mich folgende Pressemeldung erreicht: Nach ihrem grandiosen Sieg beim Eurovision Song Contest 2014 stellt sich...

Schließen