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Published on September 19th, 2013 | by Manuel Simbürger

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Wahlfahrt 13: Mit Eva und H.C. durch’s Land

Eva Glawischnig putzt gern, H.C. Strache liest aus der Bibel.

eva glawischnig mit hanno settele_(c)_ORF (Roman Zach-Kiesling)

Eine Premiere: Dieser Blogeintrag ist ein politischer. Naja, fast. Nicht, dass ich mich nicht für Politik interessieren würde, im Gegenteil. Aber gerade solch ein Themenfeld sollte man jenen überlassen, die es besser können.

Aber die ORF-Sendung „Wahlfart“, die sich zurecht innovativ nennen darf, ist ja nicht so wirklich eine Polit-Sendung. Da geht es ja mehr darum, die „menschliche Seite“ der Politiker kennenzulernen. Wobei man sich hier unwillkürlich fragt: Welche Seite zeigen Herr und Frau Politiker denn sonst? Ihre Alien-Seite? Ihre Kunstfigur-Seite? Ihre Roboter-Seite?

H.C. bleibt H.C.

Bei FPÖ-Gesicht H.C. Strache scheint das sogar zu stimmen. In der gestern ausgestrahlten zweiten Folge von „Wahlfahrt“, in der ORF-Journalist und coole Sau vom Dienst Hanno Settele die Spitzenkandidaten einen ganzen Tag lang von Termin zu Termin chauffiert, nahm Strache nämlich im stilvollen Mercedes 280, Baujahr 1978, Platz. Und wurde von Settele so richtig in die Mangel genommen, wenn auch auf lockere und coole Art und Weise, wie es eben nur Settele kann. Während einer Sieben-Stunden-Autofahrt müssten Politiker, sofern sie eben wirklich „echte Menschen“ sind, ja irgendwann ihre Maske, ihre Wahlparolen, ihre öffentliche Persona fallen lassen. Sollte man meinen und ist ja auch die Idee hinter der ganzen Sendung. Geht ja fast gar nicht anders.

Geht wohl. Strache schaffte es, bis zuletzt distanziert zu bleiben und sich nicht hinter die blaue Fassade blicken zu lassen. „Sie klingen wie bei Ihren Reden auf den Marktplätzen“, meinte Settele irgendwann mal, hin- und hergerissen zwischen Amüsiertheit und Resignation. Da wurden die Grünen beschimpft, die FPÖ-eigene Bedeutung des Terminus „Nächstenliebe“ herunter gerattet (da half es auch nichts, dass Settele Strache aus der Bibel vorlesen ließ), wurde betont, wie sehr die FPÖ in der österreichischen Politiklandschaft nicht ausgeschlossen wird und dass die Leute im Land schon noch draufkommen, dass seine Partei die einzige sei, der Österreich wirklich, aber wirklich, am Herzen liegt. Been there, done that. Ein paar Seufzer und der eine oder andere genervte Blick in die Kamera seitens Settele spiegelte wohl das wieder, was die meisten Zuseher vorm TV-Bildschirm empfanden.

Aber so ganz ging das „Wahlfahrt“-Konzept auch an Strache nicht vorüber. Zwischendurch gab es dann doch Momente, in denen nicht mal mehr er, der geübte (Hass?-)Redner, wusste, wie er die stundenlangen Autofahrten für seinen Vorteil nutzen sollte. Da kam dann manchmal so (sorry!) Blödsinn heraus, dass die FPÖ in Wirklichkeit die erste Umweltpartei sei und nicht die Grünen. „Glauben Sie selbst, was Sie da sagen?“, fragte Settele. Natürlich tut er das, so Strache. Und man glaubt es ihm sogar.

Plötzlich: doch ein kleiner Lichtblick: Für eine Zehntelsekunde zeigte sich Strache von seiner persönlichen Seite. Als Settele ihn nämlich nach dem künstlerischen Schaffen seines Vaters fragte und nach dessen Bildern, die (nicht) in Straches Wohnung hängen. Da muss Strache für zwei Sekunden erst mal nachdenken, bevor er antwortet – etwas, was er bekanntermaßen sonst nicht tut. Da blickt er raus aus dem Autofenster und sieht in Wirklichkeit wahrscheinlich ganz was anderes. Doch, schwupps, ist dieser Augenblick schon wieder vorbei und Strache wechselt in den FPÖ-Chef-Modus. Schade.

Die „Wahlfahrt“ hat das Problem der FPÖ im diesjährigen Wahlkampf erneut bestätigt: Die Partei kann nicht aus ihrer Haut raus, Strache kann nicht aus seiner Haut raus, bewegt sich nur noch im Verteidiger-Modus. Wirkt gekünstelt und unglaubhaft.

Eva, die putzwütige FPÖler-Tochter

Gleichzeitig (na gut, nicht gleichzeitig, sonst hätte es wohl Tote gegeben!) mit Strache ließ sich Grünen-Chefin Eva Glawischnig von Settele durch ganz Österreich herumfahren. Und ähnlich wie Strache führt Glawischnig ihren Wahlkampf-Modus weiter, wenn auch um einiges erfolgreicher: Persönlich zeigt sie sich, lässt Einblicke in ihre Seele gewähren, zeigt sich mitunter überraschend angriffslustig, gibt auch Fehler zu und spricht immer öfter – endlich! – in authentischem Kärtner-Dialekt. Natürlich, das alles geschieht nicht ohne Kalkül – alles andere zu glauben wäre naiv. Trotzdem: Glawischnig liefert heuer ihren besten Wahlkampf seit langem.

In gewisser Weise geht dieser Wahlkampf auch im Mercedes neben Settele weiter. Natürlich denkt Glawischnig bei manchen Fragen des Journalisten besonders lang nach, bevor sie antwortet (z. B.: „Empfinden auch Sie Nationalstolz?“), vergisst nie die Kameras im Auto um sich herum. Ihre typisches Kopfnicken, ihr etwas verzwickter Gesichtsausdruck und ihr gern wiederholtes „Mhm“ legt sie auch hier nicht ab. Trotzdem wirkt Glawischnig authentisch, scheint den Sinn dieser ORF-Sendung vollständig verstanden zu haben und nutzt diese für ihre Gunsten: So erzählt sie von Ihrem Vater, früher leidenschaftlicher FPÖ-Wähler, mit dem sie viele, viele Debatten über Migranten geführt habe und die sie wohl auch zur Grünen-Politikerin werden ließ. Sie gibt zu, dass sie manchmal verbissen rüberkommen kann, und dass auch sie nach durchgemachten Nächten mit ihren Kindern nicht immer so ganz frisch aussieht. Dass sie manchmal Angst hat, wenn ihr fremde Menschen zu nahe kommen. Dass sie putzen beruhigt und nach der ORF-Konfrontation mit Strache die Böden ihrer Wohnung schrubbte (“Des hob i braucht!”). Da schmunzelt man dann doch.

Ihre Anekdoten sind vielleicht nicht immer ganz so lustig, wie sie selbst glaubt (ihr Mann kritisierte sie zu Beginn ihrer Beziehung wegen ihres langsamen Fahrstils. Haha!), aber wenigstens erzählt sie solche. Als sie erneut in Setteles Kutsche steigt, meint sie sogar, sich gerade geduscht zu haben, weil sie gerade aus dem Stall kommt. Nichts weltbewegendes, aber in kleinen Dosen servierte Persönlichkeitseinblicke ergeben am Ende doch ein rundes positives Ganzes. Und dass Glawischnig wirklich durch und durch grün ist (ob man das gut findet oder nicht, kann und muss jeder für sich selbst entscheiden), merkte man zum einen an ihrer permanenten Nervosität als Beifahrerin. Mit Autos kann die Gute anscheinend wirklich nicht so viel anfangen. Und als Settele keinen Parkplatz findet, meint sie spontan, sie könne das Stückerl ja auch zu Fuß gehen. Grünen-Klischees? Vielleicht. Aber auch Seeleneinblicke in eine Politikerin.

(Und in den Kleiderschrank: Wie oft zieht sich die Gute am Tag denn um?!)

 Settele for President

Der wahre Gewinner der “Wahlfahrt”-Sendungen ist aber Hanno Settele selbst. Der für seinen Humor bekannte Journalist versteht es, aus den altbekannten Politiker-Duellen auszubrechen und sich selbst vor allem als interessierten (und vor allem sarkastischen) Wähler anstatt als Top-Journalist zu inszenieren. Spätestens, wenn man immer wieder seine stylishen Cowboy-Boots an den Pedalen sieht, ist klar, dass Settele einfach nur die coolste Sau des ORF ist. Wenn er fragt, wann Strache eines Morgens aufgewacht ist und festgestellt hat “dass i afoch so bin wie i bin”, muss man lauthals lachen (okay, vielleicht auch nur ich). Der traut sich einiges, der Hanno. Und wirkt trotzdem nicht unverschämt (wenn auch nicht ganz so unparteiisch, wie er eigentlich sein sollte).

Wenn man also nicht weiß, wen man am 29. September wählen soll, wählt man einfach den Settele. So quasi. Weil der hat wirklich was auf dem Kasten. So kommt es zumindest rüber, im Mercedes 280. Und Inszenierung ist hier schließlich das A und O. Auch während stundenlanger Autofahrten.

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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