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Published on Dezember 12th, 2014 | by Manuel Simbürger

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Warum Jennifer Aniston keinen Oscar kriegen sollte (obwohl sie ihn sich verdient hätte)

Für Jennifer Aniston läuft es grad echt gut. Nominierungen für zahlreiche renommierte Auszeichnungen flattern ins Haus, u.a. für die Golden Globes und die (noch renommierteren, aber unbekannteren) SAG-Awards. Waren es zuvor noch Spatzen, schreien es nun die Geier (oder so) von Hollywoods Dächern: Jennifer Aniston, die ehemalige Rachel aus „Friends“ und die ewige RomCom-Queen, wird auf der Liste der Nominierten für die kommenden Oscars stehen. Als beste Schauspielerin.

„Ich freue mich, endlich eine andere Seite von mir zeigen zu können“, grinst und lacht und flötet Aniston gerade in Interviews. „Toll, dass mich die Leute endlich auch als ernstzunehmende Schauspielerin wahrnehmen“, zeigt sie sich voller Selbstreflexion und setzt auch gleich – noch selbstreflektiver – nach: „Auch wenn ich verstehen kann, dass es einigen schwerfällt.“ Der Grund, wieso Aniston plötzlich in einem Atemzug mit Schauspielerinnen-Kapazunder wie Julianne Moore, Amy Adams oder auch Reese Witherspoon (die, streng genommen, von der Aniston gar nicht so weit entfernt ist, außer, dass sie halt schon einen Oscar zu Hause stehen hat), ist der Indie-Film „Cake“, in dem Aniston eine Frau mit chronischen Schmerzen spielt, die mit dem Geist einer Freundin sprichtund sich in den Mann eben dieser Geist-Frau verliebt (hey, keiner hat gesagt, dass das Drehbuch des Films einen Oscar verdient!). Aniston, ganz im Stil aller SchauspielerInnen, die es nun ganz ernst meinen, stand ohne Make-up vor der Kamera, dafür aber mit aufmalten Narben im Gesicht, ließ sich die Haare schneiden und auch gleich dunkel färben. Körperliche Transformationen mag die Oscar-Gilde bekanntlich, man denke nur an Charlize Theron oder Matthew McConaughey. Dass Aniston mit diesem Film, der nur in ausgewählten Kinos in den USA (und im Rest der Welt) gezeigt wird, von Beginn an Richtung Auszeichnungen schielte, war und ist ziemlich deutlich, kann man ihr aber auch nicht verübeln: Jeder Künstler kommt irgendwann im Laufe seiner bzw. ihrer Karriere an einen Punkt, an dem er zeigen möchte, was in ihm steckt und dieses Können auch bewiesen haben möchte. Auch Charlize Theron hat die Mörderin Aileen Wuornos nicht nur deshalb gespielt, weil’s so lustig war (war’s natürlich nicht).

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Wenn Aniston sich ihre gute Laune behalten möchte, sollte sie sich allerdings zurzeit nicht in Sozialen Netzwerken aufhalten (was eigentlich für alle Leute und immer gilt, wenn man genau drüber nachdenkt). Denn seit bekannt wurde, dass Aniston für einen Oscar im Gespräch ist, schlagen ihr seitens des Publikums – auf den ersten Blick widersprüchlicherweise – viel Häme und Hass entgegen. Der Grund, auf den Punkt gebracht: Anistons filmische Vergangenheit. Nach Jahren als RomCom-Queen und nach einer langen Liste von – mit wenigen Ausnahmen – eher lauwarmen Filmen, in denen sie im Grunde immer dieselbe Rolle spielte, hätte sie, bitteschön, sicher nicht den Oscar verdient, schließlich das Sahnehäubchen der Traumfabrik. Sie sei eine grottenschlechte Schauspielerin, heißt es da in Foren, und „Cake“ würde daran nix ändern. Verzicht auf Make-up und das Abschneiden von Haaren begründet keine filmische Auszeichnung, sagen andere (und die haben prinzipiell nicht Unrecht). Gewinnt Aniston den Oscar, werde man die Academy Awards, alle zukünftigen Aniston-Filme und überhaupt gleich ganz Hollywood boykottieren, geben sich manch andere User sehr motiviert. Und eigentlich sei die Aniston sowieso blöd und immer schon gewesen.

Bei all dieser Debatte vergisst man auf einen wesentlichen Aspekt: Jennifer Aniston wird den Oscar sicherlich nicht gewinnen. Wahrscheinlich auch nicht den Golden Globe und auch sicherlich keinen SAG-Award. Dafür ist „Cake“, wenn auch ein guter Film mit einer wirklich ausgezeichneten schauspielerischen Leistung von Aniston, unterm Strich doch zu wenig mutig genug. Die Konkurrenz (Rosamunde Pike, Reese Witherspoon, Julianne Moore und Felicity Jones) ist dieses Jahr außerdem viel zu stark, allen voran Julianne Moore scheint mit dem Alzheimer-Drama „Still Alice“ all die Preise so gut wie in der Tasche zu haben – alleine schon deshalb, weil die Gute zu den besten SchauspielerInnen der Gegenwart gehört und immer noch nicht die Anerkennung bekommt, die sie eigentlich verdient – inklusive (oder eigentlich exklusive) Oscar, den sie nach zahlreichen Nominierungen immer noch nicht gewonnen hat. Deshalb wird 2015 das Jahr der Julianne Moore werden.

Bei der Debatte werden auch, ganz in der Natur der Sache, einige Fakten übersehen: Aniston galt schon bei „Friends“-Zeiten unter Kollegen (und Fans) als ausgezeichnete Schauspielerin mit dem richtigen Gespür für Timing und der gesunden Mischung aus Gefühl und Comedy. Dass sie auch im Drama-Fach gut unterwegs ist, hat sie bereits zweimal bewiesen, und schon damals war Aniston kurzzeitig für den Oscar im Gespräch, wenn auch klar war, dass dies nur Gerüchte waren: Im Indie-Drama „The Good Girl“ aus dem Jahr 2002 (und an der Seite eines jungen Jake Gyllenhaal) spielte Aniston das erste Mal gegen ihr Good Girl (haha!)-Image an: In der Dramedy stellte sie, mehr als überzeugend, die frustrierte Kassiererin Justine dar, die eigentlich in ihrem Leben so ziemlich alles falsch macht, was man nur falsch machen kann. Einige Jährchen später, nämlich 2006, war sie Teil des Ensemble-Dramas „Friends with money“, in dem Aniston von Kritikern für ihre Leistung hoch gelobt wurde – und sogar Größen wie Frances McDormand oder Joan Cusack an die Wand spielte. Leider, das kann man nicht leugnen, setzte Aniston danach ausschließlich auf die sichere Kommerz-Schiene, die ihrem Können so ganz und gar nicht gerecht wurde, aber wenigstens gutes Geld ins Brieftascherl brachte.

Man würde es Jennifer Aniston also prinzipiell wünschen, wenn sie als strahlende Außenseiterin-Siegerin bei den Golden Globes, bei den SAGs und besonders bei den Oscars (im Februar 2015) hervorgehen würde. Weil sie’s einfach wirklich draufhat als Schauspielerin – sie ist vielleicht nicht die beste, aber eine verdammt gute- Eigentlich aber wär’s besser, es bleibt bei den (auch schon bemerkenswerten!) Nominierungen und man lässt die Sache auf sich beruhen. Denn würde Aniston tatsächlich den Oscar gewinnen, würden die Buh-Rufe noch lauter werden, wäre sie plötzlich das Hassobjekt der Filmliebhaber (und dann, überschwappend, der ganzen Welt), man würde sie in der Luft zerreißen. Mit einem Conchita Wurst-Effekt (verhasster Außenseiter siegt beim großen Wettbewerb und erobert die Herzen im Sturm) ist also nicht zu rechnen, sondern eher mit einem Anne Hathaway-Effekt: Auch die kann (spätestens und zu Unrecht) seit ihrem Oscar-Sieg 2013 keiner leiden. Sie sei eine viel zu schlechte Schauspielerin, hieß und heißt es, man denke nur an all ihre schlechten Filme, und überhaupt sei sie viel zu nett und perfekt und bääähh. Die Arme hat’s seitdem echt nicht leicht – gut, dass es Gwyneth Paltrow gibt, denn nur die wird mehr gehasst.

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Das wünscht man Jennifer Aniston nicht. Das hat sie nicht verdient. Alleine mit den zahlreichen Nominierungen konnte sie zeigen, dass sie das Zeug dafür hat, in der ganz oberen Liga mitzuspielen. Das sollte fürs erste reichen. Wenn sie wirklich klug ist, schiebt sie ein paar Dramen in den nächsten Jahren hinterher (mit bitte besserem Drehbuch als bei „Cake“) und bringt sich irgendwann mal wieder für den Oscar ins Gespräch. Dann haftet der RomCom-Fluch nicht mehr so ganz stark auf ihr und das Publikum ist versöhnlicher gestimmt. Zudem, dass hat die Oscar-Historie bewiesen: Auf lange Sicht erfolgreicher (und beliebter!) sind ohnehin diejenigen, die immer wieder nominiert werden, aber stets leer ausgehen, anstatt die tatsächlichen Oscar-Preisträger, die nicht selten nach ihrer Auszeichnung nicht mehr an den Erfolg anknüpfen können. Denn die Stets-Nominierten-aber-nie-Gewinner haben die Gunst des Publikums auf ihrer Seite. Und am Ende des Tages kommt’s nur darauf an.

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 Alle Golden Globes-Nominierungen auf einen Blick gibt es übrigens hier.

Copyright aller Bilder: After Dark Films /Echo Films / Cinelou Films

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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