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Published on Oktober 5th, 2014 | by Manuel Simbürger

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Wieso Nurse Jackie das beste Medical Drama seit Jahren ist

Ich habe mir gerade die sechste Staffel von „Nurse Jackie“ im Binge-Watching-Marathon (2 Tage, 12 Folgen – okay, das geht besser, zugegeben) gegeben. Obwohl bereits die vorletzte Staffel der gesamten Serie (die siebente und finale Season startet in den USA erst nächstes Jahr), wird die Story hier nochmals auf eine Ebene gehoben, die man auch von dieser Ausnahme-Serie bisher nur in Dosen (get it?) kannte. Dass (ACHTUNG, SPOILER!) Jackie erneut der Drogensucht verfällt, ist natürlich nichts Neues, wird aber von einer vollends neuen und erfrischenden Sichtweise erzählt, sodass die Faszination immer noch die gleiche ist wie in den Anfangsjahren. Folgerichtig endet das sechste Serien-Jahr mit einem Cliffhanger, der „Breaking Bad“ alle Ehre macht. Und das ist gar nicht mal so sehr metaphorisch gemeint, soviel sei verraten.

Kurz: Ich bin gerade sehr Jackie-hooked. Und weil vor kurzem auch die neue Staffel von „Grey’s“ in den USA startete, schließlich das gegenwärtige ultimative Medical Drama, hab ich mir mal so meine Gedanken gemacht, wieso mich „Nurse Jackie“ seit einigen Jahren mehr begeistert als die Dramen im Greys Sloan Memoriam Hospital (oder wie auch immer das Krankenhaus von Meredith und CO. aktuell nun auch heißt). Folgend also 5 Gründe, wieso „Nurse Jackie“ die beste Krankenhausserie seit Jahren ist.

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  1. Realitätsnah, aber nicht langweilig

Stellen wir klar: „Nurse Jackie“ ist immer noch eine TV-Serie. Und in TV-Serien muss ständig was passieren, darf keiner niemals vollkommen mit seinem Leben zufrieden sein, ansonsten wär’s ja fad und keiner würde mehr zusehen. Trotzdem ist „Nurse Jackie“ so nah an der Realität dran, wie es eine Fiction-Serie erlaubt. Man hat nie das Gefühl, trotz überzeichneter Charaktere, dass man diesen Figuren nicht tatsächlich in einem Krankenhaus begegnen würde. Man kann sich zu jeder Zeit vorstellen, dass es da draußen tatsächlich eine Nurse Jackie gibt (auch wenn man hofft, nie mit ihr privat zu tun haben zu müssen). Das 30-Minuten-Format erlaubt es der Serie, sich auch bei den Patienten-Storys auf das Wesentliche zu konzentrieren und nicht mit aller Kraft aus jeder Krankengeschichte das größtmögliche Drama herausholen zu müssen (gell, „Grey’s“?!). Natürlich, Medical Dramas neigen zu Extremen: In „E.R.“ schwebte jede Woche mindestens eine Figur in Lebensgefahr, „Grey’s“ hat sowieso wenig mit einem realen medizinischen Alltag zu tun und „Scrubs“ war soo derart überdreht (was nichts Negatives ist), dass es eigentlich nebensächlich war, ob die Story in einem Krankenhaus, einem Gerichtssaal oder einer Schule spielte. „Nurse Jackie“ bietet eine angenehme Ausgewogenheit: Wie im echten Leben müssen sich die Ärzte und Schwestern mit kleinen und großen (medizinischen) Dramen auseinandersetzen – Dramen, die oftmals halb so schlimm sind, wie sie anfangs zu sein scheinen. Genau das ist vielleicht das Mutigste (und Realistischste) an der gesamten Serie: Nicht immer artet jede Situation in eine Katastrophe aus. Im „All Saints Hospital“ gibt es keine Attentäter, keine hochgehenden Bomben, keine Stromausfälle mit Todesfälle (dafür eine niedliche Kapelle und einem Schlaraffenland-Verkaufsstand). Das macht den Alltag von Jackie & Co aber nicht weniger spannend. Und vor allem: Anders als in „Grey’s“ werden Patienten nicht zu erzwungenen Metaphern für das Privatleben der Ärzte hochstilisiert, sondern sind einfach das, was sie sind: Patienten, deren Wege sich zufällig mit jenen des Krankenhauspersonals kreuzen. Und wenn doch mal eine (metaphorische) Verbindung zu den persönlichen Dramen unserer (Anti-)Helden besteht, werden diese angenehm subtil vermittelt. Manchmal ist weniger tatsächlich mehr – auch in der TV-Landschaft.

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  1. Ausgewogene Balance zwischen Comedy und Drama

Dass die Serie so realitätsnah daherkommt, ist auch der ausgewogenen Balance zwischen Comedy und Drama zu verdanken. „Dramedy“ nennt man das auf Neudeutsch (und ja, ich liiiieeebeee dieses Wort!) und wird in „Nurse Jackie“ per excellance umgesetzt: Schwarzer Humor dominiert beinahe jede Szene, Drama und Comedy wechseln sich unauffällig ab, der Zuseher befindet sich während der knapp dreißig Minuten stets in einem Nimbus aus Lachen und Weinen. Die besten Dramen sind immer auch humorvoll – und die beste Comedy ist immer auch dramatisch. Ganz wie das echte Leben eben. Dass man dies nicht immer in eine Schublade stecken kann, bewiesen zahlreiche Kritiker, die kurz nach der Premiere der Pilotfolge eine eigene „Dramedy“-Kategorie bei den Emmy-Awards forderten, um Serien wie „Nurse Jackie“ gerecht zu werden.

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  1. Einzigartige Charaktere  

Egal ob Coop, Gloria, Thor oder vor allem Zoey: Charaktere wie in „Nurse Jackie“ hat man bis dato noch nie gesehen. Trotz zum Teil an der Satire vorbei schrammenden Überzeichnung wirken die Figuren niemals weltfremd, man baut sofort eine Beziehung zu ihnen auf und weiß manchesmal nicht so ganz, ob man diese Charaktere nun liebeswert oder einfach nur verrückt finden soll – oder beides (was am wahrscheinlichsten ist). Arzt Cooper, der an einem Touret-Syndrom leidet, das ihn an jede weibliche Brust fassen lässt, die gerade in der Nähe ist, oder Schwester Zoey, die ständig zwischen kleinem Mädchen und unabhängiger Frau pendelt, sind Figuren, die überdreht und geerdet gleichermaßen sind. Da verzeiht man auch die eine oder andere Länge in den Storyplots der Serie. Denn diese Figuren (und die Harmonie der DarstellerInnen) machen jede Episode von „Nurse Jackie“ zu einem kurzweiligen Vergnügen.

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  1. Ein Anti-Held als Protagonist

Dass die Nebenfiguren in „Nurse Jackie“ allesamt trotz Macken liebevolle Charaktere sind, überrascht nicht, ist Jackie Peyton, die Protagonistin der Serie, doch der ultimative Anti-Held – womit „Nurse Jackie“ ganz im Trend von Serien wie „Californication“, „Revenge“ oder vor allem „Breaking Bad“ steht. Jackie ist ein Charakter, mit dem man mitfiebert, der man nur das Beste wünscht – obwohl sie seit der ersten Minute der Serie nicht gerade sympathisch rüberkommt. Staffel zu Staffel verschwimmen Jackies Vorstellungen von Moral und Ethik mehr, sie zieht ihre Umwelt immer mehr in den persönlichen Sumpf aus Lügen, Sucht, Verzweiflung und Verleugnung. Während in anderen Serien, wie „Californication“ zum Bespiel, der Anti-Held vor allem deshalb anti ist, um die Storys provokanter und polarisierender werden zu lassen, ist Jackies Verhalten zu jeder Sekunde erklärbar: Es ist das Verhalten einer Süchtigen, die alles tut, um ihre Abhängigkeit zu verbergen und diese gleichzeitig auch am Leben zu erhalten. Jackie ist gleichzeitig aber auch eine hervorragende Krankenschwester und fürsorgliche Mutter – womit der Charakter dreidimensional bleibt und nicht in die Satire hinabrutscht. Vor allem aber der Hintergrund des medizinischen Alltags (samt „Nursing Codes of Ethics“) lässt ein absolut faszinierendes Spannungsfeld entstehen – und beweist einmal mehr, wie außergewöhnliche „Nurse Jackie“ wirklich ist: Den Protagonisten eines Medical Dramas, der täglich Leben rettet, als einen moralisch verwerflichen Charakter zu zeichnen ist eine kluge, mutige und einzigartige Entscheidung, vor der man auch (und vor allem) in Hollywood allzu gerne zurückschreckt. Und, ganz klar: Figuren mit zwiespältigen Moralvorstellungen zuzusehen ist natürlich faszinierender als strahlenden Helden bei ihren Abenteuern zu begleiten – was auch die Autoren wissen, weshalb sie den moralischen Verfall der Jackie Peyton von Staffel zu Staffel glorreicher (und immer faszinierender) zelebrieren. Es ist wie bei einem Autounfall: Man will nicht zusehen, kann aber dann doch nicht anders. Vergleiche zu „Breaking Bad“ drängen sich da natürlich auf, und gerade die Taten von Jackie in Staffel Sechs lassen sie immer mehr in die Nähe von Walter White rücken. Wer glaubt, Meredith Grey sei „dark and twisted“, der sollte sich mal mit Jackie Peyton anfreunden. Oder besser nicht.

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  1. It get’s better – year after year

Zugegeben, „Nurse Jackie“ hat keine zehn Staffeln wie „Grey’s“ oder gar 15 Staffeln wie „E.R.“ hinter sich. Trotzdem: im sechsten Jahr der Serie nochmals derart aufzudrehen und sich so frisch anzufühlen wie im ersten Jahr, ist bei weitem nicht selbstverständlich. Die Serie scheint von Staffel zu Staffel nichts an Energie und Ideenreichtum einzubüßen – im Gegenteil: Je länger die Serie andauert, desto mutiger, desto außergewöhnlicher wird sie. Die besten und erfolgreichsten Serien halten sich auch nach Jahren immer noch an ihren Ausgangspunkt, an die Idee, mit der alles angefangen hat – und erzählen nichts anderes als die Konsequenzen dieser Ursprungsidee. Jede einzelne Entscheidung von Walter White beispielsweise geht bis zuletzt auf seine ursprüngliche Krebsdiagnose zurück. Ähnliches gilt für Jackie Peyton: Jackie ist eine Drogensüchtige – und ihr Tun, ob nun positiv oder negativ, ist zumindest bis zum Finale der sechsten Staffel stets auf genau diese Sucht zurückzuführen. Kurz: Die Serie bleibt ihrem Ursprung treu und verwurstelt sich nicht in aberwitzige Ideen und sogenannten „kreativen Story-Entwicklungen“. Und genau das ist es, was aus einer guten Serie eine ausgezeichnete Serie macht.

Und ich geh mich jetzt mal vom Finale der sechsten Staffel erholen …

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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