Ein Plädoyer für .... (c) ABC

Published on Juli 7th, 2014 | by Manuel Simbürger

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Ein Plädoyer für … “Pan Am”

Ich habe es hier schon mal geschrieben: Die Sendepolitik in den USA mag man nicht immer ganz verstehen (und die in Österreich auch nicht… und in Deutschland … und ….). Da werden serielle Perlen in der Versenkung vergraben, während qualitativ nicht ganz so hochwertiges Material munter in der achten oder neunten oder hundertsten Season läuft. Oder, um es mit den Worten einer Freundin auszudrücken: „Jeder Schas wird verlängert, aber die richtig guten Sachen werden abgesetzt.“ Und da kann ich ihr, der guten Freundin, nur zustimmen.

Die Sixties – again

In meinem persönlichen Serien-Kosmos bin ich vorige Woche endlich bei „Pan Am“ angekommen, der Sixties-Stewardessen-Serie, die von 2011 bis 2012 auf ABC lief. Eine Staffel lang. Dann waren nämlich die Quoten so schlecht, dass man zu keinen Hochflügen im zweiten Jahr mehr ansetzte. Ich erkenne Parallelen zu „The Crazy Ones“, jener Sitcom, die auch nach nur einem Jahr wieder vom Bildschirm verschwand und dessen aufkeimendes Potenzial man im Keim erstickte.

„Pan Am“ ist aber keine Sitcom, sondern eine Drama-Serie. Drama in den Sixties, mit schönen Menschen, atemberaubenden Kostümen und ganz schön viel historischen Bezügen in den Storys. Jetzt denkt man natürlich gleich mal an „Mad Men“, und ja, man kann’s nicht leugnen: „Pan Am“ hat sich von der Kultserie, die einen wahren Run auf den Sixties-Style hervorrief, eindeutig inspirieren lassen. Die Frage nach der eigenen Identität, die Rolle der modernen Frau in den Sechziger-Jahren, der politische Umsturz, das untrügliche Gespür für Mode und Stil – all das hat sich die Serie rund um Christina Ricci ganz klar von der Serie rund um John Hamm abgeschaut. Und das macht nichts, es ist schließlich genug Platz für zwei Sixties-Serien da draußen. Mag man zumindest meinen.

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Die kleine Schwester von „Mad Men“

Denn der Platzhirsch „Mad Men“ erlaubt keine anderen Konkurrenten, die im direkten Fahrwasser schwimmen. Die moderne Popkultur derart beeinflussend, werden bei allen Serien, die im ähnlichen Kosmos spielen wie „Mad Men“, Vergleiche mit der Übermutter angestellt. Und ja, hier zieht „Pan Am“ den Kürzeren: Die Frechheit, die stacheligen Pointen, die „Mad Men“ zu solch einem Vergnügen machen, fehlen hier beinahe zur Gänze. „Pan Am“ zeigt die Sixties sozusagen im Schon-Waschgang, manchmal auch durchaus romantiziert und die Glaubwürdigkeit den Soap-Elementen geopfert. Während in „Mad Men“ in beinahe jeder Szene hemmungslos geraucht wird – charakteristisch für dieses Jahrzehnt – sieht man in „Pan Am“ nur Nebencharaktere (die dann meist noch böse und unsympathisch sind) oder Statisten im Hintergrund einen Glimmstängel in der Hand halten. Die Rolle der Frau, die aufkeimende Emanzipation, spielt in „Pan Am“ – schließlich eine Serie mit beinahe ausschließlich weiblichem Cast – eine gewichtige Rolle, bis auf wenigen Ausnahmen fehlt aber die Sozialkritik und der nötige Funken Ernst. Manche Kritiker werfen der Serie gar Sexismus vor, was ich jedoch nicht nachvollziehen kann: Ja, die Stewardessen werden zum Teil respektlos behandelt, ja, es fällt einmal sogar der klar abzulehnende Terminus „Frauenrasse“. Und doch fügt sich das alles perfekt in das Bild der damaligen Zeit – zudem sich Maggie und Co. durchaus zu wehren wissen, dabei aber an die damaligen gesellschaftlichen Grenzen stoßen.
Hinter diesen Kritiken versteckt sich der eigentliche Sexismus: Während zwar „Mad Men“ von Beginn an auch mit diesen Vorwürfen zu kämpfen hatte, war man letztendlich vom „Männer als richtige Männer“-Getue hellauf begeistert. In einer Serie mit weiblichem Hauptcast jedoch reagiert man da schon weitaus sensibler, wendet andere Bewertungskritierien an wie beim „harten großen Bruder“ „Mad Men“. Bei „Pan Am“ reagieren manche Kritiker mit genau jenem Romantizismus, die sie der Serie vorwerfen.

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Ausgezeichneter Cast

Was macht „Pan Am“ dann trotzdem zu etwas Besonderem, zu einer Perle im Serien-Universum? Da wäre zum einen der Cast, aus dem allen voran Christina „Königin der Dunkelheit“ Ricci heraussticht. Ricci spielt die Rolle der aufmüpfigen Maggie mit viel Esprit, Hingabe und dem richtigen Gefühl für Timing und kleinen Nuancen. Wenn Ricci einem mit ihren großen Kulleraugen aussieht, kann sie das Gegenüber mit ihren Blicken genauso töten als auch ihr gefügig machen. Aber auch die Rollen von Laura, Collette und Kate sind treffend besetzt worden und sind in ihrem Verhalten (und ich meine hier nicht die Plots!) niemals unglaubwürdig. Besonders muss hier Karine Vanasse hervorgehoben werden, die den Schmerz ihrer Figur Collette (ihre jüdischen Eltern wurden im WK II hingerichtet) den Zuschauer in jeder Minute spürbar macht. Einzig der plötzlich überall auftauchende Mike Vogel ist auch hier genauso blass wie in allen anderen Serien, die er unsicher macht (u.a. auch „Bates Motel“ und „Under the Dome“). Schade ist, dass gegen Ende der Staffel die männlichen Figuren mehr Gewicht bekommen und somit die starken Frauencharaktere etwas in den Hintergrund treten – schließlich genau jener Aspekt, der „Pan Am“ zu einem faszinierenden 40-minütigen Vergnügen macht.

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SATC meets J.A.G. meets Love Boat

Apropos Vergnügen: Es macht Spaß, den Stewardessen bei ihren Abenteuern zwischen Liebeskummer und Spionage-Dramatik zuzuschauen. Die Figuren wachsen einem schnell ans Herz und es tut auch mal ganz gut, auf die Sixties nicht mit einem zynischen, sondern einen verträumten Blick zu schauen. Da ist der Kalte Krieg vor allem ein Abenteuer, der zwar Liebesbeziehungen, aber nicht wirklich das eigene Leben bedroht. Eine andere Stewardess läuft bei ihrer eigenen Hochzeit davon, um die Welt kennenzulernen. Und die andere hat sich ihren begehrten Job mit Tricksereien geangelt. Das mag alles nicht neu sein, macht aber trotzdem Spaß. Vor allem dann, wenn die Mädels in bester „Sex and the City“-Manier in den absolut stylishsten Klamotten herumstöckeln, die man seit langem im Fernsehen gesehen hat. Überhaupt gemahnte „Pan Am“ in seinen besten Momenten als ein ganz besonderer Hybrid aus „SATC“, „J.A.G.“ und „Love Boat“.

Welch großes Potenzial aber wirklich in „Pan Am“ steckt, sieht man an jenen Folgen, die den Background der damaligen Zeit aufnehmen und dann doch mal eine dunklere Seite der Sechziger präsentieren: Wenn die Crew nach Berlin fliegt, muss sich vor allem die französische Colette ihrer Vergangenheit stellen und wird somit zum besten Beweis, dass die Nachwirkungen des WK II auch zwanzig Jahre danach noch deutlich zu spüren waren. Oder wenn die Crew in Caracas notlanden muss und die Auswirkungen der dortigen Rebellion am eigenen Leibe zu spüren bekommt. In solchen Situationen wachsen die Figuren aus sich heraus und man ahnt, welche Möglichkeiten in einer Serie rund eine Flugzeug-Crew möglich gewesen wären.

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Wohin geht die Reise?

Diese Möglichkeiten schien die Serie selbst oftmals am wenigsten zu erkennen. Immer wieder schien es, als ob die Autoren nicht so recht wussten, wohin die Reise gehen sollte. Anfangs noch stark auf das Flashback-Moment aufbauend, hat man dies gottseidank nach einigen Folgen wieder aufgegeben – zu konfus wurde dadurch der Erzählstrang. Auch die Idee, dass die Handlung zu großen Teilen der Episode im Flugzeug selbst spielen sollte, verwarf man bald wieder – weil ein Flugzeug halt doch kein Luxusdampfer ist und nur wenige Variations-Möglichkeiten bietet. In der zweiten Hälfte der ersten (und einzigen) Season betonte man die Soap-Elemente stärker, wodurch „Pan Am“ endgültig zu einem „guilty pleasure“ wurde.

Kurz: Mir hat’s gefallen. Und John Travolta anscheinend auch – der hat nämlich für einzelne Szenen seine private Boeing 707 zur Verfügung gestellt. 2012 wurde „Pan Am“ als „Best Series“ gar mit der Rose d’Or ausgezeichnet, dem französischen TV-Oscar. Gebracht hat alles nix: Die Quoten waren im Sturzflug (ich kann’s einfach nicht lassen …), der Sender gab kein grünes Licht für weitere Abenteuer-Flüge. Und ich werde wohl so schnell nicht mehr einen Artikel mit so vielen Flug-Metaphern schreiben können.

Es war mir eine Ehre, mit der Pan Am zu fliegen.

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Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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