Cinema Oh-boy-02

Published on April 27th, 2013 | by Manuel Simbürger

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So lässig kann (deutscher) Film sein

Der Deutsche Filmpreis zeigte sich dieses Jahr lässig und locker-unaufgeregt wie selten zuvor. Trotz Zerstümmelungs-Taktik des ZDF. Großer Gewinner des Abends: der Berlin-Indiefilm „Oh Boy“.

Natürlich kann man die Romy nicht mit der Lola vergleichen. Die Romy ist klein, süß und ungefährlich (auch wenn sie etwas anderes sein möchte), die Lola ist sexy, mutig und hat Macht. Auch wenn da so manch Deutscher etwas anderes behaupten möchte, als Österreicher blickt man durchaus mit einem gewissen Neid zu den deutschen Nachbarn: die wissen nämlich, wie man eine glamouröse Filmgala – trotz deutlicher Überlänge – humorvoll, abwechslungsreich und sogar mit kritischen Untertönen gestaltet. Während das Publikum (sprich: Gäste und Nominierte) bei der Romy Gala nur in äußersten „Notfällen“ befreit lachen, ansonsten aber mit langweiliger und sogar genervter Miene dem Treiben auf der Bühne folgen (Spaß haben in der Wiener Hofburg? Wie uncool!), nimmt man sich beim Deutschen Filmpreis nicht allzu ernst. Oder vielleicht sogar noch ernster, und gerade deshalb kann man über sich selbst lachen.

Frech und lässig

Schauspielerin Annette Frier beispielsweise zog hemmungslos über den deutschen Film her und wurde mit herzhaften Lachern und lautem Applaus belohnt. Genauso wie der 71-Jährige Michael Gwisdek, der selbstironisch davon erzählte, dass sein (ebenfalls nominierter) Schauspieler-Sohn ihm den Rat gab, sich nicht immer „die Seele aus dem Arsch zu spielen“. Hat er gemacht – und wurde prompt als bester Nebendarsteller in „Oh Boy“ ausgezeichnet. Sogar Schauspiel-Diva Katja Riemann konnte sich eine Anspielung auf ihren Skandalauftritt in der NDR-Sendung „Das!“ nicht verkneifen. Und auch Österreichs Allzweckwaffe Mirjam Weichselbraun führte gekonnt galant und sympathisch durch den Abend, auch wenn sie im heimischen Fernsehen lockerer und eine Spur authentischer rüberkommt.

Oh Boy!

Zurück zu „Oh Boy“: Der Berliner Indie-Film von Regisseur Jan Ole Gerster trat als größter Konkurrent gegen die internationale Co-Produktion „Cloud Atlas“ von Tom Tykwer an. „David gegen Goliath“, wie es stern.de treffend ausdrückt. Den Kampf entschied eindeutig David für sich: „Oh Boy“ wurde in den wichtigsten Kategorien (u.a. Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch und Bester Hauptdarsteller Tom Schilling) ausgezeichnet, während „Cloud Atlas“ nur in den Nebenkategorien wie Bestes Kostümbild, Beste Kamera oder Bester Schnitt die Nase vorne hatte. Fazit: Es müssen nicht immer die ganz großen Themen wie Neonazismus, Sterben oder die große romantische Liebe sein. Manchmal tut’s auch eine kleine, in schwarz-weiß gedrehte Story über einen Studienabbrecher, der nichts mit seinem Leben anzufangen weiß und einfach in den Tag hinein lebt. Authentische Seele statt erzwungener Dramatik.

Böses ZDF

Kritik allerdings gab es für den ZDF, der den Deutschen Filmpreis ausstrahlte. Zu später Stunde wurde immer radikaler – und schonungsloser – geschnitten, sodass die Laudatoren oft eine längere Sprechzeit bekamen als die Preisträger selbst. „Wie kann man Werner Herzog (bekam den Ehrenpreis, Anm.d.A.) nur so verstümmeln?“ war nur eine der vielen erbosten Zuschauer-Reaktionen. Zudem forderte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) schon im Vorfeld von ARD und ZDF mehr Unterstützung für den deutschen Film. Der Kinofilm gehöre zur Kultur, die in die Grundversorgungspflicht der öffentlich-rechtlichen Sender falle – und zwar nicht als Sahnehäubchen für die Nachtstunden, sondern als Hefe im Teig, kritisierte Neumann. Er stellte sich damit hinter eine Resolution der deutschen Filmwirtschaft.

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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