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Published on Februar 11th, 2015 | by Manuel Simbürger

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Vorab-Kritik: Fifty Shades of Grey

Da sitzt man im Kino und denkt sich: Nein, das gefällt mir nicht. Nein, das DARF mir nicht gefallen. Nein, bitte, ich muss das ganz schrecklich und peinlich und überhaupt finden. Nein, nein, nein, es darf mir einfach nicht gefallen.

Und dann gefällt es einem doch.

Nämlich, wenn Dakota Johnson und Neo-Sexsymbol Jamie Dornan sich anschmachten, sich lieb haben, sich sexy liebhaben, dann wieder nicht liebhaben und am Ende nur der Fahrstuhl bleibt.

Da kann man halt nicht anders.

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Internationaler Hype

Ja, die Verfilmung des Hausfrauen-Sexromans „Fifty Shades of Grey“ ist gut geworden. Zumindest überraschend unpeinlich. Vielleicht liegt meine positive Gesinnung aber auch daran, dass ich keine sexuell frustrierte Hausfrau und deshalb auch eine der wenigen Menschen bin, die sich dem Roman von E. L. James nicht hingegeben haben. Aus diesem Grund konnte ich mich relativ unvoreingenommen dem Streifen stellen. Obwohl, stimmt nicht ganz: Vollkommen unvoreingenommen geht man natürlich trotzdem nicht ins Kino, wenn es sich um einen Streifen wie „Fifty Shades of Grey“ handelt:

Was waren die Klatschmagazine und auch seriöse Branchenfibeln wie „The Hollywood Reporter“ oder „Vanity Fair“ in den letzten Monaten nicht voll von Spekulationen, was dabei rauskommt, wenn man den seit „Harry Potter“ erfolgreichsten Roman der Gegenwart (bis dato verkaufte James mehr als 105 Millionen Exemplare) verfilmt – und dann auch noch einen, der von der Kritik zerrissen, von Fans aber umso heißer (und geiler) geliebt wurde?! Ein Roman, der kinky Sexpielchen zum Thema hat und Baumärkte auch plötzlich für Frauen interessant machte?! Die weibliche Hauptrolle, das wissen wir, war schnell gefunden, nämlich in Don Johnson- und Melanie Griffith-Tochter Dakota Johnson. Nach einigen Wirren und Proteste seitens der hingebungsvollen (get it?) Fans hat man auch Traum-Bad Boy Christian Grey endlich ein Gesicht gegeben: Nämlich überrashenderweise jenes von Jamie Dornan (und leider nicht von Ryan Gosling), den man bei uns noch am ehesten aus der Märchen-Wunderland-Serie „Once upon a time“ (unpassend) und sexy Unterwäschemodel (sehr passend) kennt. Dann hat Johnson auch noch werbewirksam öffentlich zu Protokoll gegeben, dass sie nicht möchte, dass ihre (obwohl nicht gerade prüden) Eltern sich den Film ansehen – wegen all der Sexszenen und so. Dornan wiederum machte von Anfang an klar, dass er seinen Penis nicht zeigen werde, aber „gewagte Dinge kriegt ihr trotzdem zu sehen.“ Ui! Und die bis dato unbekannte britische Regisseurin Sam Taylor-Johnson ) betonte in Interviews immer wieder, dass man auf „keinen Porno“ hoffen dürfe. KEIN PORNO! KEIN PORNO! Dafür – und trotzdem – auf viel Sex. Und überhaupt und außerdem.

Ja, die (erotische) Spannung stieg in den letzten Wochen ins Unermessliche. Wieviel Sex verträgt die Welt? Anscheinend nicht grad wenig: Bereits im Dezember startete der Vorverkauf der Kinokarten, zwei Wochen vorm Start hielt man international bei verkauften 30.000 Tickets. Auch hierzulande ist man scheinbar Fesselspielchen zugetan: In Österreich wurden bis dato 55.000 Kinokarten verkauft.

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Es kommt, es kommt – endlich!

Nun aber ist der Höhepunkt endlich erreicht (man kommt bei einer „Grey“-Rezension einfach nicht um sexuelle Wortspiele herum): am 12. Februar, kurz vor Valentinstag natürlich, kommt der Streifen endlich in die österreichischen Kinos. Was einem schon nach wenigen Minuten im Kinosaal klar wird: Das Casting ist mehr als gelungen, sowohl Johnson als auch Dornan spielen furchtlos und fangen die sexy-verruchte, zugleich aber auch so naiv-unschuldige Atmosphäre des Aufreger-Romans ein. Die Chemie zwischen ihnen passt, die Funken sprühen, beide hatten augenscheinlich Spaß an der Sache (hehe und hihi). Der Soundtrack von Mastermind Denny Elfman ist zudem klug ausgewählt und gliedert sich mühelos in die Story ein – besonders der Annie Lennox-Opener „I put a spel on you“ sowie die beiden Beyonce-Songs „Haunted“ und „Crazy in Love“ (in neuer sexy Slow-Version) unterstreichen die von Anziehung und Abstoßung geprägten Beziehung von Anastacia und Christian nahezu perfekt. Auch liefert Kameramann Seamus McGarvey tolle Aufnahmen, die es verstehen, Kitsch, Erotik und Romantik zu vereinen. Nicht zuletzt: Das Autorenteam Kelly Marcel und Patrick Marber vollbrachten einen guten Job, indem es den 528 Seiten starken Schmöker auf 100 Filmminuten zusammenpresste. Die „Grey“-Verfilmung ist storytechnisch also durchaus eine runde Sache und endet mit perfektem Cliffhanger – man darf sich also auf eine Kinoreihe a la „Twilight“ einstellen. Passt also!

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Tu es mit einem Augenzwinkern!

Nur: auch das tollste Filmteam kann an einer schlechten Romanvorlage nichts ändern. Und es ist kein Geheimnis, dass „Grey“ kein literarisches Meisterwerk ist und mit Klischees nur so um sich wirft: Die schon längst überholten Geschlechterrollen von unschuldiger Weibchenhaftigkeit und besitzergreifender Männlichkeit werden bis zum Äußersten überreizt, die Dialoge triefen vor Kitsch, der mit aller Kraft als Bad Boy verkaufte Millionär Grey ist in Wahrheit der Traum aller jener Frauen, die wenigstens bisschen Spannung in ihrem Leben suchen: Scheinbar mühelos verdient er 100.000 US-Dollar in der Sunde, er zeigt, wo’s langgeht, ist aber gleichzeitig ein frommes Lämmchen, das für seine Angebetete alles tut – und mit einem verboten gutem Aussehen ist der erst 27-Jährige, der obendrein Klavierspielen kann, natürlich auch noch gesegnet. Nicht zu vergessen der hohe Testosteronspiegel, den er tagtäglich mit sich herumträgt und der ihn rund um die Uhr sexfit und BDSM-spielbereit macht. Und der als Skandal eingestufte Sex in der Story? Der ist, wenn man sich ein bisserl auskennt, nicht viel mehr als Soft-SM, richtig Angst hat man vor Grey (der sich am Ende natürlich dank sanfter Weiblichkeit zum perfekten Ehemann entwickelt) also nie so wirklich. Dass Anastasia sich vom jungfräuichen (!!) naiven Mauerblümchen, die scheinbar ihr gesamtes Leben lang auf so jemanden wie Christian Grey gewartet hat, zur sexuell freizügigen jungen Dame entwickelt, versteht sich von selbst ….

Was die „Grey“-Verfilmung aber am Ende rettet, ist, dass sowohl Drehbuchautoren als auch Regisseurin (sowie auch die Schauspieler, wie es in manchen Szenen scheint) den Hype rund um „Grey“ sowie all die Schwächen in der Story mit einem Augenzwinkern betrachten – und dies auch nicht verbergen: Betont kitschig wird Dornan alias Grey beim gefühlsbetonten Klavierspiel inszeniert, kurz nachdem er vorher Anastasia noch den Hintern verhauen hat. Betont oft lässt man Johnson alias Anastasia lachen, wenn es – wiedermal – um die detailgenaue Besprechung von SM-Sexspielchen geht, die am Ende ohnehin nur halb so wild ausfallen. Taylor-Johnson lässt, strategisch klug, ultra-romantische Szenen stets auf verruchten Sexszenen folgen, um etwaige Herzinfarkte im Publikum zu verhindern. Fast scheint die Regisseurin sagen zu wollen: „Seht her, Leute, Grey ist ja im Grunde ganz ein Lieber. Wer seiner Geliebten einen romantischen Tanz oder einen Hubschrauber-Rundflug schenkt, der darf im Bett auch ein bisschen ausgefallen sein.“ Wer „Nymphomaniac“, „Der letzte Tango von Paris“, „Die Sünderin“, „Basic Instinct“ oder auch „Brokeback Mountain“ gesehen hat, der weiß: Ein erstklassiges Psychoduell zwischen Dominanz und Ergebenheit, körperlicher und psychischer Abhängigkeit sowie, wenn man so will, Zuckerbrot und Peitsche schauen anders aus. Nämlich ohne ständige Gefühlsbekundigungen des eigentlich so hartherzigen Greys, der wohl softeste Bad Boy der letzten Jahre.

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Bitte ernst nehmen!

Auch, dass Dornan betont oft seinen nackten Oberkörper zeigt, bevor es überhaupt zu irgendwelchen sexuellen Annäherungen kommt, wird ebenso nicht frei von Ironie inszeniert sowie mit solch kitschigen Dialogen serviert, dass es beim Zuseher zu unfreiwilligen Lachanfällen (oder zumindest zum Dauergrinsen) kommt. Das, was man hier auf der Leinwand zu sehen bekommt, ist alles so wunderbar überzeichnet, dass es dann doch wieder Spaß macht. Auch, dass das Publikum von Beginn an weiß, dass Grey im Schlafzimmer mal gern die Sau rauslässt, und die Anfangsszenen im Film bewusst mit diesem Wissen spielen, trägt zur (diesmal wohl vollkommen absichtlichen) Unterhaltung bei.

Es wäre aber unfair, sich einfach nur über die „Grey“-Verfilmung (und die Story) lustig zu machen. Denn zwischen all den herrlich haarscharf an einer RomCom-Satire vorbeischrammenden Elementen im Film gibt es auch Szenen, die tatsächlich Gänsehaut hervorrufen und die erahnen lassen, welches Potenzial in der Story rund um Anastasia und Christian Grey gesteckt hätte, wäre E. L. James schlicht und einfach eine bessere Autorin: Wenn sich Anastasia zu den Klängen von Beyonces „Crazy in Love“ das erste Mal Christian vollends hingibt, erahnt man die moralische Kluft, die für beide Protagonisten immer größer wird. Wenn Grey seiner Herzensdame wie ein Hündchen nachläuft, wird zumindest zwischen den Zeilen deutlich, dass der devote Part in der Beziehung eigentlich der mächtigere der beiden ist. Und wenn Anastasia zum Schluss erkennt, dass sie sich (zumindest jetzt noch) selbst aufgibt, wenn sie sich von Christian erniedrigen lässt, dieser aber die immer stärker werdende Lust in seinen Augen nicht verbergen kann, dann wird einem tatsächlich bewusst: Ja, verdammt, der Film ist gar nicht so schlecht.

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Das „9 ½ Wochen“ unserer Zeit

Und sie Sexszenen, wegen denen wir alle – sind wir uns mal ehrlich – massenhhaft ins Kino strömen? Die sind für Hollywood-Mainstream-Verhältnisse sicherlich gewagt, alles in allem aber harmlos. Was nicht mit langweilig gleichgesetzt werden soll: Die intimen Szenen sind erotisch und geschmackvoll inszeniert, vermitteln das Prickeln zwischen den Protagonisten und sind bestenfalls Softporno, tatsächlich aber sicherlich kein Porno. Sorry, Jungs!

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Fazit: Die Verfilmung von „Fifty Shades of Grey“ ist überraschend unpeinlich geworden – nicht zuletzt dank dem ironischen Unterton, der den Film seine gesamte Laufzeit über innewohnt. Der am Ende doch harmlose Erotikstreifen hat das Zeug dazu, das „9 ½ Wochen“ des 21. Jahrhunderts zu werden.

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Copyrights aller Bilder: Universal Pictures

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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