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Published on Juni 5th, 2014 | by Manuel Simbürger

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Wien: Die Justin-Experience

Misst man die Popularität eines Künstlers an der Diversität seines Publikums, dann ist Justin Timberlake der größte Popstar, der gegenwärtig auf Erden wandelt: Im Publikums seines Wien-Konzerts am Mittwochabend befanden sich Frauen, Männer, Teenies, Erwachsene, Fast-Senioren (!), Schwule, Lesben, Dicke, Dünne, Machos, Tussis, Schüchtis und Partytiger. Selten hat man ein solch gemischtes Publikum bei einem Popkonzert gesehen.

Aber: Hat Timberlake tatsächlich ein typisches Popkonzert abgeliefert?

Justin darf alles

Sagen wir so: Der Timberlake kann sich mittlerweile so gut wie alles erlauben. Sogar, auf der Leinwand teilweise nicht das Bühnengeschehen zu übertragen, was mitunter für all jene, die sich in der hinteren Hälfte der Stadthalle aufhielten (mussten) zum Teil bisschen frustrierend war. Er kann es sich sogar leisten, mittendrin im Konzert eine zehnminütige Pause einzulegen, was unisono vom Publikum mit einem überraschen und genervten Geraune kommentiert wurde. Und er darf es sich leisten, aber das sowieso, horrende Preise für die Tickets zu verlangen.
Aber: Timberlake ist eben auch eine Klasse für sich. Während der zwei Stunden Stadthallen-Party („Vienna, are we having a paaartyyyy?!“) wechselt er gekonnt zwischen Pop, Dance, Balladen, Jazz, Rap, Soul, Country (Absolutes Highlight: die Alkohol-Hymne „Drink you away“) und Stilen, die irgendwo zwischen drin liegen. Justin meint Pop ernst. Er verwandelt die Bühne in einen funky Club, in eine Wüste, in das Innenleben einer Maschine und – als Highlight – in eine (tatsächlich!) intime Memphis-Bar, in denen Musiker und Star auf der Theke tanzen, musizieren und dem begeisterten Publikum ganz nah sind. Er schafft Intimität, indem er mehr beinahe 30 Minuten mit einer beweglichen Bühne über dem Publikum schwebt, die Performance so in den hinteren Teil der Halle verlegt und damit das Publikum dort hinten (die ganz und gar nicht auf billigen Plätzen sitzen) für die teilweise lahme Videowall-Übertragung entschädigt.

New King of Pop

Justin Timberake ist bekannt dafür, auf der Bühne alles zu geben, Spaß zu haben und auch die komplizierteste Stage-Action ganz einfach aussehen zu lassen. Der ehemalige NSync-Boy spielt Gitarre, Klavier, Keyboard, tanzt sich die Seele aus dem Leib und schmettert seine größten Hits und Highlights seines experimentellen aktuellen Albums „The 20/20 Experience“ (leider ohne den hypnotisierenden Track „True Blood“ und der Power-Ballade „Pair of wings“) zum Teil in einem Falsetto, das die schönsten Erinnerungen an Michael Jackson wach werden lässt. Apropos Jackson: Dem wurde auch Tribut gezollt, indem Timberlake den Song „Human Nature“ anstimmte und damit die ganze Halle mitriss. Taktisch klug, natürlich, denn: Timberlake muss den – immer wieder von Fans und Medien erhobenen – Vergleichen mit dem ehemaligen King of Pop nicht scheuen. Die hohe Kopfstimme ist beinahe dieselbe, tänzerisch hält Timberlake mit Jackson mit, die besagte Leichtigkeit auf der Bühne hat er auch für sich gepachtet. Somit stellt Timberlake mit seiner „The 20/20 Experience“-Tour ein für allemal klar, dass nur einer den Titel des „New King of Pop“ verdient hat.

7 Jahre später

Lässt er in den ersten circa 20 Minuten noch direkte Interaktion mit dem Publikum vermissen, läuft Timberlake vor allem in der zweiten Konzerthälfte zur Hochform auf, wenn er mit Fans shakert (natürlich nicht spontan, aber was soll’s), Hände schüttelt und kurz zuvor seinen Kopf, wenn er darüber nachdenkt, wieso er nicht in Österreich wohne, wenn man hier doch schon ab 16 trinken dürfe. Und sichtlich begeistert stellt er fest, dass er auf den Tag genau vor sieben Jahren sein erstes Wien-Konzert, in derselben Halle noch dazu, gegeben hat. „And seven years later, here we are again!“, reminisziert er und das Publikum ist tatsächlich gerührt. Nicht nur der Schreiber dieser Zeilen erinnert sich in dem Moment daran, wie das damals war, als man Timberlake das erste Mal live gesehen hat und ihn sofort als einen der größten Entertainer unserer Zeit eingestuft hat. Man denkt auch daran, wo man damals im Leben stand und wo man heute ist. Gänsehaut. Und dass ein Künstler sieben Jahre später, nach einer vollkommen musikalischen Auszeit, wieder problemlos die Stadthalle füllt, die Fans auf ihn gewartet haben, das ist dann ein ganz besonderer Moment, der einen still werden lässt. Bevor man in der nächsten Sekunde gleich wieder begeistert mitgrölt, mitklatscht und mittanzt.

Nicht zum Einschlafen

Vor dem Konzert ist nach dem Konzert: Das Publikum pilgert in die Nacht hinaus. Begeisterte Unterhaltungen, wie toll der Abend nicht war, wie man solch eine Kopfstimme singen könnte und wie sexy der Justin nicht sei. Das größte Kompliment liegt aber meist im Understatement, wie ein zufällig mitgehörtes Gespräch beweist: Er: „Ja, hab mir nichts anderes erwartet. War gut.“ – Sie: „Hast also von Anfang an gewusst, dass es dir gefallen wird?“ – „Ja, also….irgendwie. Ich hatte aber Angst, dass ich einschlafen würde.“ Ist er nicht, der Gute. Timberlake dürfte sehr viel richtig gemacht haben.

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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