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Published on Oktober 27th, 2015 | by Manuel Simbürger

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Wieso “Grey’s” stärker ist als jemals zuvor

Jubiläumsfolgen sind immer etwas Besonderes. Die 50. (weil man am Anfang noch alle Feste feiert, wie sie fallen), die 100. (weil das eine schöne Geburtstagszahl ist und bisschen einen „larger than life“-Touch hat), die 150. (ein toller Meilenstein), die 200. (seriously?!) oder die 250. (take this, critics!!). Meist ist es aber dann schon so, dass sich, je höher die Jubiläums-Zahl wird, mehr und mehr Abnützungserscheinungen bemerkbar machen – im Storytelling, in der Liebe zum Detail, in der Spiellaune der Schauspieler. Nur wenige Serien fühlen sich bei Hunderter-Jubiläumsfolgen derart frisch an wie zu Beginn ihrer TV-Karriere.

„Grey’s Anatomy“ gehört zu diesen Serien. Tausendmal – nein, millionen-mal – von Kritikern und Fans totgesagt, erhebt sich das Urgestein aus „Shondaland“ immer wieder, mehr oder weniger, genesen vom OP-Tisch und beginnt ein neues Leben. Vorige Woche flimmerte die 250. Episode über dem Bildschirm – und die Ärzte-Soap bewies einmal mehr, dass sie auch nach bald 12 Jahren (feeling old?!) zum Besten, Kreativsten, Shcockierendsten, Mutigsten, Herzerwärmendsten gehört, was die TV-Landschaft derzeit zu bieten hat. Aber nicht nur das: „Guess who’s coming to dinner“ erreichte sehr gute 9 Millionen US-Zuseher, was ein Quotenplus von sensationellen 8 Prozent bedeutet. Was wiederum bedeutet: All jene, die schworen, nach dem Ableben von McDreamy nie mehr wieder einen Fuß ins „Grey“-Land zu setzen, dürften es sich wohl anders überlegt haben.

Nicht überraschend und durchaus verdient: „Guess who’s coming to dinner“ ist eine der besten Episoden in 12 Jahren „Grey’s Anatomy“ – und das will was heißen, hat man doch schon Horror-Flugzeugabstürze, romantische Hochzeiten, schockierende (Liebes-)Wahrheiten, ein Shooting-Massaker, eine „Code Red“ oder den Tod von geliebten Charakteren erlebt. Die 5. Folge der 12. Staffel von „Grey’s“ ließ in ihrer Tonalität, ihren Dialogen, ihrem Storytelling und ihrem Mix aus Unbeschwertheit und Mut zu Grenzüberschreitungen Erinnerungen an die besten Jahre von Meredith & Co. aufkommen. Was aber, verfolgte man die Serie seit Staffelstart, wiederum nicht sonderlich überraschend war, gehört die aktuelle (nochmal: 12.!!!) Staffel zu den bisher besten der gesamten Serie.

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Kurz: „Grey’s Anatomy“ schafft es auch im 12. Jahr, uns in seinen Bann zu ziehen und gefangen zu nehmen. Wieso? Hier die fünf wichtigsten Gründe.

 

  1. Altes in neuem Gewand

Manchmal ist es so, dass man sich von geliebten Personen, die mit einem durchs Leben gegangen sind – sei es sehr lange oder auch nur sehr intensiv – trennen muss, um einen Neustart wirklich hinzubekommen. Sie entpuppen sich als Stopp-Schilder, die uns daran hindern, weiterzuziehen und unser Selbst neu bzw. wieder zu entdecken. Das tut weh, keine Frage, befreit uns aber aus dem Limbus, in dem wir so lange gefangen waren. Derek war für Meredith dieser Limbus. Shonda Rhimes hat die beiden Hauptfiguren in eine Situation manövriert, aus der sie über viele Staffeln hinweg nicht hinauskamen: Trennung kam nicht mehr in Frage, das hatte Rhimes irgendwann vor vielen Jahren versprochen, aber ein rundum happy Familienlieben hat in einer Herzschmerz-Drama-Soap natürlich auch nichts verloren – geschwiege denn bei Figuren wie Meredith, die dann am besten funktionieren, wenn sie twisted and dark sein und dem gesellschaftlichen System den Mittelfinger zeigen dürfen. Also befanden sich MerDer irgendwo dazwischen, konnten nicht zurück und nicht vorwärts, ganz abgesehen davon, dass Patrick Dempseys Spiellaune in den vergangenen Seasons spürbar nachgelassen hatte und er nur noch halbherzig bei der Sache war. Das behind-the-scenes-Drama übertrug sich (wieder mal!) mehr und mehr auf das Leben vor der Kamera. Rhimes tat also – auch wenn mir an dieser Stelle viele Fans widersprechen werden – genau das Richtige, riss das Pflaster ruckartig und schmerzhaft, dafür umso schneller und effektiver ab und ließ McDreamy den Serientod sterben. Was anfangs für die meisten Zuseher unvorstellbar erschien (schließlich war er mit Meredith das Herz der Serie – ein Herz allerdings, das in den letzten Jahren immer schwächer schlug), erwies sich für die Serie als Glücksgriff: Das Pflaster war auf schockierende Weise ab und die Haut darunter konnte endlich wieder atmen. Meredith ist erneut der Mittelpunkt der Serie, was „Grey’s“ immer schon gut getan hat, ist Meredith doch ein durch und durch faszinierender (und polarisierender) Charakter. Sie befindet sich plötzlich in einem Lebensabschnitt, von dem sie nicht mehr glaubte, ihn (wieder) erreichen zu würden, und pendelt aktuell irgendwo zwischen „Happy Mer“ und „Dark, Twisted Mer“ – eine faszinierende Mischung. Die Kopplung mit Amelia und Maggie erinnert wohltuend an die frühen Szenen zwischen Meredith, Christina und Izzie und zaubert uns ein – nostalgisches – Lächeln auf die Lippen. Endlich hat die Serie auch wieder die richtige Mischung aus Drama und Humor gefunden – und endlich scheint jede Figur in der Serie ihren Platz gefunden zu haben. Selbst die Musik in „Grey’s“ hat wieder zu alten Stärken zurückgefunden: In der neuen Staffel werden beinahe ausschließlich bereits bekannte Pop-Hits in vollkommen neuem Gewand präsentiert, was als tolle Metapher für die Serie funktioniert: Altes in erfrischendem, neuem Gewand. Vertrautes und Neu-Aufregendes zugleich. Selbstironie und das Bewusst-Sein der eigenen Historie inklusive. Und nein, sorry: McDreamy is not missed. Toll aber, wie er trotz Ableben Mittelpunkt der Jubiläumsfolge war.

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  1. Weiterentwicklung ohne Selbst-Entfremdung

Oft werden Serien vorgeworfen, sich zu sehr von ihrem Ursprung entfernt zu haben, sich in eine für sie „fremde Richtung“ zu entwickeln. Fans erlauben ihren geliebten Figuren meist nicht, sich zu ändern, sich weiterzuentwickeln – was vielleicht auch mit dem Vertrautheitsgefühl, das einem eine Serie vermittelt, zu tun hat und das man unter keinen Umständen loslassen möchte. Dickkopf Shonda Rhimes setzt sich aber kontinuierlich über diese Erwartung hinweg, gibt den Fans nicht das, was sie sich wünschen – gut so, denn das macht (langlebige) Qualitätsserien aus! Meredith, Alex, Bailey, Callie, April, ja sogar Jo und Stephanie sind nicht mehr dieselben Personen, als wir sie kennenlernten – und doch ist jede Weiterentwicklung, jede Entscheidung der Figuren nachvollziehbar (auch wenn sie das für uns nicht immer sein sollten). Wie kaum eine andere Serie bleibt „Grey’s“ ihren Figuren treu, ohne sie aber daran zu hindern, zu wachsen. Das sieht man auch daran, dass „Grey’s“ kontinuierlich den Fokus auf die Interns auf jenen auf die Chefärzte, auf jene, die im Krankenhaus das sagen haben (geez, Meredith und Co gehört mittlerweile sogar das Krankenhaus!), verschob, ohne sich dabei jemals als fremde Serie anzufühlen.
„Grey’s“ ist oftmals näher am wahren Leben, als es uns lieb ist (und nein, ich spreche hier nicht von den medical storys!) – und dazu gehört auch, geliebten Personen zuzusehen, wie sie mehr oder weniger erfolgreich durchs Leben gehen, richtige und falsche Entscheidungen treffen, dabei sich von uns entfernen, dabei aber niemals stehen bleiben. Denn das ist eine der wichtigsten Erfolgsaspekte einer TV-Serie. Hat Meredith egoistisch gehandelt, als sie vollkommen allein die Entscheidung traf, Derek sterben zu lassen? Natürlich. Ist es unfair, dass sie Amelia jegliches Recht der Trauer abspricht? Klar. Tut sie (und alle anderen) Penny Unrecht? Sehr wahrscheinlich. Aber all diese Entscheidungen, all diese Handlungsweisen sind stets „true to the charakter“ und genau deshalb so faszinierend. Gleichzeitig schafft es die aktuelle Staffel aber auch, viele der Figuren (vor allem Meredith, Bailey und Arizona) zu alten Höhen zurückzuführen. Wir fühlen uns den Charakteren wieder so nah, wie wir es seit langem nicht mehr getan haben.

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  1. Mut, Grenzen zu überschreiten 

Auch im zwölften Jahr schafft es die Serie, emotionale und qualitätsvolle Geschichten zu erzählen, die nahe am Leben, aber doch dramaturgisch genug erhöht sind, um so zu unterhalten, wie es sich für eine Mainstream-Primetime-Serie nun mal gehört. Endlich berühren uns wieder die Patienten-Of-The-Week-Storys, so abstrus und weit her geholt sie auch sein mögen. Endlich wird die metaphorische Verbindung zwischen medical case und Privatleben der Ärzte angenehm subtil vermittelt und auf die Hau-drauf-Methode verzichtet, die so störend die letzten Jahre zum Usus der Serie geworden ist. Was „Grey’s“ aber in seiner gesamten Laufzeit nie verloren hat war der Mut für außergewöhnliche, grenzüberschreitende Storys und die Art und Weise, diese zu erzählen. „Grey’s“ ist immer dann am besten, wenn die Figuren an ihre inneren Grenzen gebracht werden und man sich als Zuseher denkt: „Okay, schlimmer kann’s nicht werden!“ Und dann- boom – steht „Good Penny“ vor Merediths Haustür, jene Penny, die den Tod ihrer großen Liebe verschuldete. „Guess who’s coming to dinner“ ist im Grunde nichts anderes als ein Kammerspiel im Stil von Yasmina Reza („Der Gott des Gemetzels“), in dem die Figuren vor dem Hintergrund einer ganz alltäglichen Situation (Dinner mit Freunden – okay, vielleicht nicht ganz sooo alltäglich) gezwungen werden, sich ihren Gefühlen – nicht zuletzt McDreamys Tod betreffend – zu stellen, dabei aber gefangen sind: im Setting (Merediths Haus) sowie in ihrer eigenen Haut. Da ist es fast schade, dass sich die Autoren nicht dazu entschlossen haben, auf die Krankenhaus-Umgebung in dieser Episode vollends zu verzichten und auch Maggie und Andrew in das „Dinner from Hell“-Szenario zu inkludieren. Sei’s drum: „Guess who’s coming to dinner“ bot Qualitätsfernsehen erster Güte, tat beinahe körperlich beim Zusehen weh, wartete mit hervorragenden schauspielerischen Leistungen (chapeau, Ellen Pompeo!) und intensiven Charaktermomenten auf – und machte vor allem Lust auf mehr. Wir sind wieder angefixt.

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  1. Wir lieben den Cast (wieder)

Ein neuer Cast ist immer so eine Sache – denn, so ehrlich muss man sein, nicht alle Neuzugänge gliedern sich gut in das bereits bestehende Ensemble ein. Auch „Grey’s“ kann davon ein Lied singen, Ärzte kamen und gingen und irgendwie haben wir da bereits den Überblick verloren. Macht aber nichts. Weil der bestehende Cast bis in die kleinste Nebenrolle (Joe Adler!) homogen wirkt und vor allem gut zusammenpasst. Weil die Figuren von den Autoren ernst genommen werden, jede einzelne – das war nicht immer so. Bis dato hat sich noch kein Störfaktor herauskristallisiert, jede Figur gliedert sich gut in die Geschichte ein, hat seine großen und kleinen Momente. Selbst die Neu-Neuzugänge Andrew, Isaac und nun auch Penny bringen frischen Wind in den Cast und verhindern, dass unsere Lieblinge auf der Stelle treten. Penny als neuen Charakter in die Serie einzuführen ist zudem mehr als mutig – schließlich verbindet man sie, zu Unrecht oder nicht – mit McDreamys To und dem Verhindern einer Calzona-Wiedervereinigung. Das erste Mal seit Jahren sind uns die Interns sowie all die anderen Neuzugänge endlich nicht egal, wir sind neugierig, wohin ihre Reise geht, bauen zu ihren eine emotionale Verbindung auf. Selbst Stephanie, Jo und Maggie gewinnen mehr und mehr an Profil und lassen uns vergessen, dass sie eigentlich neue Gesichter im „Grey’s“-Universum sind. Das in einer 12. Staffel zu schaffen – Hut ab! Man hat sogar bisschen das Gefühl, die vergangenen Jahre seien nur Vorbereitung für diese Staffel gewesen.

SARAH DREW, CAMILLA LUDDINGTON, JOE ADLER, CHANDRA WILSON, JERRIKA HINTON, JESSE WILLIAMS

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  1. Immer wieder McDreamys

Und ja, als letzten Punkt muss ich es einfach sagen: Ich weiß, alle Ärzte, selbst alle Patienten sind in „Grey’s Anatomy“ überdurchschnittlich attraktiv. I know. Aber auch das macht den guilty pleasure der Serie aus: Über die Jahre hat uns Shonda Rhimes immer wieder neue McDreamys präsentiert – selbst dann, als wir dachten, dreamier geht’s gar nicht mehr. Weil: Giacomo Gianniotti?! Danke, Shonda. Danke.

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Bilder: (c) ABC Studios

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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