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Published on November 13th, 2014 | by Manuel Simbürger

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“Perfektion ist langweilig!”

Der deutsche Psychotherapeut Niklas Gebele hat sich für seinen Blog etwas ganz Besonderes ausgedacht: Auf http://charakterneurosen.blogspot.co.at/ schreibt er über die  “Psychodynamik und Psychopathologie ausgewählter Film- und Seriencharaktere”.  Und das macht er mit derartiger Liebe zum Detail und mit noch größerer  Begeisterung, dass man vergisst, dass Sheldon Cooper, Walter White oder auch der  Batman eigentlich in Wirklichkeit gar nicht existieren. Was wir aber nicht laut sagen.  Das ist ein bisschen wie mit dem Weihnachtsmann.

Ich habe Niklas Gebele zum aufschlussreichen Interview gebeten.

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Warum boomen TV-Serien seit geraumer Zeit so sehr?

TV-Serien waren ja auch früher schon sehr populär, denken Sie an Dallas, Star Trek oder Akte X. Ich habe gehört, dass Baywatch noch immer die international erfolgreichste TV-Serie aller Zeiten sein soll.Amerikanische Psychologen haben herausgefunden, dass Zuschauer zu den Figuren ihrer Lieblingsserien tatsächlich Beziehungen aufbauen. Das Anschauen der Lieblingsserie – oder auch nur das Denken daran! – haben sich in Studien wirksam gegen Gefühle von Einsamkeit, Selbstzweifel und Traurigkeit erwiesen. Erschöpfte Personen konnten nach dem Anschauen ihrer Lieblingsserie wieder mehr Energie in die Erreichung eines Ziels investieren. Diese Effekte treten nur bei zuvor bekannten Lieblingsserien auf, nicht bei beliebiger TV-Unterhaltung. Natürlich sind solche Beziehungen kein gleichwertiger Ersatz für reale zwischenmenschliche Beziehungen, eher eine Art „Freundschaft light“, dafür aber ohne soziale Risiken, wie Zurückweisung oder Kränkung. Was allerdings neu ist, ist das große Angebot an anspruchsvoll geschriebenen und hochwertig produzierten TV-Serien. Dass diese häufig den Fokus eher auf die facettenreiche Darstellung und langfristige Entwicklung der Charaktere, als auf Spannung oder schnelle Lacher legen, macht sie zunehmend für das Feuilleton und eben auch für Psychologen interessant.

Besonders Anti-Helden sind beliebt wie nie zuvor. Woher kommt das?

Perfektion ist langweilig. Ein makelloser Held, der das Böse besiegt um die Welt zu retten, kann maximal für die Dauer eines Spielfilms unterhalten. Langfristig möchten wir uns aber mit den fiktionalen Charakteren, zu denen wir eine Beziehung aufbauen, auch identifizieren können. Dies geschieht dann, wenn die Charaktere sich mit inneren Konflikten herumschlagen müssen, die uns selbst bekannt sind. Studien zeigen, dass wir uns von Charakteren angezogen fühlen, die entweder dem ähneln, wie wir uns selbst sehen, oder dem, wie wir gerne sein würden.
Wenn Serienfiguren zentrale menschliche Konflikte wie Nähe vs. Autonomie, Machtstreben vs. Unterwerfung oder Selbstliebe vs. Selbsthass stellvertretend für uns bearbeiten, haben wir die Möglichkeit, verschiedene Lösungswege zu vergleichen und zu beurteilen und so zu eigenen Lösungen zu kommen. Finden Serienfiguren, die uns ähnlich sind, gute Lösungen, stärkt das unser Selbstvertrauen.
Darüber hinaus genießen wir es, wenn Serienfiguren verbotene oder unmoralische Impulse ausleben, die wir uns selbst untersagen, weil wir die Konsequenzen fürchten. Das macht die Anti-Helden so beliebt.

 Auf Ihrem Blog schreiben Sie über die psychischen Macken von TV-Figuren, analysiert aus der Sicht eines Psychologen. Wie kam diese Idee zustande?

Es gibt zentrale Fragen und innere Konflikte, die für fast alle Menschen von großer Bedeutung sind. Diese stellen, wenn sie unzureichend beantwortet oder gelöst sind, die Grundlage eines Großteils psychischer Störungen dar. Oftmals ist es nicht leicht, über diese Fragen und Konflikte direkt in ein offenes Gespräch zu kommen. Das Deuten von Träumen oder das Malen von Bildern sind bewährte Methoden, einen Zugang zu diesen unbewussten Themen zu finden. Ich habe festgestellt, dass auch die Bücher, Filme oder eben Serien, die jemand mag – oder auch nicht mag – in dieser Hinsicht sehr fruchtbar sein können.
Die Idee, fiktionale Charaktere zu analysieren stammt nicht von mir. Allerdings gibt es in der psychoanalytischen Tradition die Tendenz, sich eher der Hochkultur zuzuwenden. Mich aber interessiert gerade der Mainstream, in dessen Charakteren sich ungleich mehr Menschen wiederzufinden scheinen.

 Welche TV-Figuren faszinieren Sie aktuell am meisten und wieso?

Wenn ich eine Serie nach der ersten Folge weiterverfolge, gibt es immer mindestens einen Charakter, den ich interessant finde. Zuletzt waren das Big Jim Rennie aus Under the Dome und Crazy Eyes aus Orange is the new Black. Beide haben ein großes Bedürfnis nach Zuwendung und Anerkennung, scheitern aber immer wieder an ihrem ungeschickten und zu gezwungenen Beziehungsverhalten. Faszinierend ist an beiden, dass sie trotz der ständigen Zurückweisungen ihre Nähewünsche noch nicht aufgegeben haben und weiter darum kämpfen.
Zu meinen Alltime-Favorites gehören die klassischen Anti-Helden wie Tony Soprano, Walter White oder Frank Underwood. Solche Charaktere verfolge ich meist mit einer Mischung aus Bewunderung, Mitleid und Ärger.

Werden psychische Krankheiten in TV-Serien adäquat umgesetzt? 

Das ist sehr unterschiedlich. Manche Serien bemühen sich erfolgreich um eine möglichst realitätsnahe Darstellung von psychischen Störungen. Beispiele dafür sind Homeland oder die Sopranos. Bei den Sopranos wurde auch Tonys Psychotherapie bei Dr. Melfie recht realistisch dargestellt.
In anderen Serien werden psychopathologische Symptome eher pointiert und schablonenhaft eingesetzt um Charaktere drastischer oder lustiger darzustellen. Zum Beispiel bei The Big Bang Theory oder Dexter. Solange das mit einem wohlwollenden Augenzwinkern geschieht, habe ich damit kein Problem.

Kennen Sie “United States of Tara”? Ihre Meinung dazu?

Taras Welten gehört zu den Serien, die psychische Störungen vereinfachen und überspitzen, um einen möglichst unterhaltsamen Plot zu erzeugen. In Wirklichkeit sind multiple Persönlichkeitsstörungen äußerst selten und der Leidensdruck der Betroffenen ist ungleich höher als Taras. Ich sehe die Serie vor allem als Metapher auf die vielen unterschiedlichen sozialen Rollen, die wir als moderne Menschen zu erfüllen haben. Die wenigen Folgen, die ich gesehen habe, fand ich ganz witzig und gelungen. Interessant fand ich vor allem den Konflikt der mitten in der pubertären Identitätsfindung steckendem Sohn mit der in ihrer Identität so inkonsistenten Mutter.

 Welche psychischen Krankheiten finden sich in TV-Serien am häufigsten?

Meinem Eindruck nach taucht überhäufig der Typus des eiskalten und arroganten Machtmenschen auf, der aus egoistischen Motiven über Leichen geht – sprichwörtlich oder buchstäblich. Manchmal ist dann von einem „Psychopathen“ die Rede, was aber keine seriöse Diagnose im Sinne der modernen psychopathologischen Klassifikationssysteme ist. Bei manchen der Charaktere liegt eine Kombination aus narzisstischen und dissozialen Persönlichkeitszügen vor, die auch als maligner Narzissmus bezeichnet wird. Andere sind einfach nur fiktionale Verkörperungen des absolut Bösen, denen wir so in der Realität nur in äußersten Ausnahmefällen begegnen würden.

 Welche psychische Krankheit wird in TV-Serien immer noch sehr klischeehaft dargestellt – nämlich auf eine Art und Weise, die Sie als Psychotherapeut wirklich ärgert?

Hierzu fällt mir auch der Gebrauch des Begriffs Psychopath ein, weil er in der Regel mit Abwertung und moralischer Verurteilung einhergeht. Die dabei subtil suggerierte, undifferenzierte Verknüpfung und Vermischung von psychischer Krankheit und Bösartigkeit stört mich.

Niklas Gebele analysiert unter anderem Meredith Grey, Bree van de Kamp, Barney Stinson, Sheldon Cooper und Joffrey, Cersei und Robert aus Game of Thrones. Unbedingt lesen!

 

 

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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