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Published on April 5th, 2016 | by Manuel Simbürger

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Amadeus 2016: Granteln statt jodeln

Ich hätte es nicht gedacht, es jemals zu sagen. Aber leider, es stimmt: Andreas Gabalier hat gefehlt. Sogar Bad Boy-Wannabe Nazar hätte man sich auf der Bühne gewünscht. Aber nein, nichts von alledem. Keine Busenberge, keine Hurenkinder. Keine Streitereien. Keine Politik. Der Austrian Amadeus Music Award – seit der Übertragung auf ATV ganz modern und hip „AAMAs“ genannt – lieferte Sonntagabend im Volkstheater  vor allem eines: Langeweile. Das Schillerndste am – doch sehr bemühten – Event war eindeutig Arabella Kiesbauers Outfit.

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Alle gegen Ö3

Auch heuer hat sich ATV wieder bemüht, die österreichische Musikszene und den Award-Pedant eben dieser hip, jung und durch und durch cool erscheinen zu lassen: Ausrichtung, Moderationen, Gags und Aufmachung waren – wie schon vergangenes Jahr, als der „Amadeus“ das erste mal seinen Ausflug in die Primetime machen durfte – sehr amerikanisch, sehr an diversen MTV-Verleihungen wie EMAs, AMAs (get it?!) oder sonstigen MAs angelehnt. Das ist okay, vielleicht ja auch ganz gut so. Denn schließlich will man mit dieser Aufwertung des „Amadeus“-Awards nicht nur tolle Quoten einfahren, sondern – da bin ich jetzt mal positiv gestimmt – auch den heimischen Musikmarkt mehr an die breite Masse heranführen, ihn fördern, ihm neuen Schwung geben. Abseits von Ö3, wie Moderator Manuel Rubey nicht umhin konnte, mehrmals am Abend zu betonen. Und das ist auch bitter nötig. Also das mit dem Schwung und so. Aber dazu bisserl später mehr.

Bleiben wir kurz beim Rubey: Der wirkte heuer ein bisschen zu entspannt (sprich: langweilig), schien die Gags in seinen Moderationen selbst allzuoft lahm zu finden und wartete nicht nur einmal betont so lange auf den Applaus des Publikums, bis dieser gezwungenerweise auch kam – was vielleicht schlussendlich der größte Gig an Rubeys Moderationsabend war. Die ständigen Seitenhiebe gegen Ö3 gehören bei einer österreichischen Musikverantsaltung ja bereits zum guten Ton, überraschten also nicht wirklich – hatten aber nach dem gefühlt zehnten Witz auch seinen frechen Charme verloren. Wir alle sind genervt von Ö3?! Jo, eh, hamma verstanden. Weiter im Text. Nämlich mit Wanda.

Vom Rand in die Mitte

Die Wiener-Indie-Band war nämlich mit drei Awards Abräumer des Abends und sind nun wohl endgültig im Mainstream angekommen. Ob die Jungs das überhaupt wollen? Man weiß es nicht genau. Manchmal wirkten sie peinlich berührt auf der Bühne, dann grinsten sie wieder frech, dann wussten sie nicht mal genau, in welcher Kategorie sie gerade gewonnen hatten (oder wahrscheinlich schon, sollte wohl ein typischer Wiener Schmäh sein). „Ich hab gewettet, dass wir keinen gewinnen“, meinte Frontman Marco Michael Wanda gleich zu Beginn des Abends und man meinte raus zu hören, dass ihm das auch lieber gewesen wäre.

Derweil dürfte Wanda doch zufrieden sein, denn der „Amadeus“ bemühte sich heuer sehr, sich möglichst betont „alternativ“ und möglichst weit weg von Intimfeind Ö3 zu geben. Dass man damit einen etwas falschen Eindruck der heimischen Szene (alternativ, links, Garagenband) bekam, nahm man dafür anscheinend gern in Kauf. Neben Indie-Band Wanda räumten FM4-Favourites Bilderbuch, das Komiker-Musikduo Seiler und Speer sowie – Achtung! – Alpen-Urgestein Hubert von Goisern (er wurde zum „Künstler des Jahres“ ernannt) ab. Schmieds Puls gewann nicht nur, sondern durfte sogar auftreten. Skor und Der Nino aus Wien – ja, die gewannen auch, wieso auch immer.

„Künstlerin des Jahres“ darf sich erneut Conchita nennen, was heuer bereits um einiges weniger revolutionär anmutet wie vergangenes Jahr – was vielleicht am abwesenden Gabalier liegen mag (der immerhin auch einen Preis bekam), aber vielleicht auch an der crazy Grand Dame Dagmar Koller, die diesen Abend prompt ihren inneren Kanye West herauskehrte und Conchita kurzerhand die Show stahl. Die lachte nur, die Gute kann sich’s ja leisten, und zum – immerhin glitzernden – Affen machte sich ja sowieso die Koller selbst. Aber: Lustig war’s wenigstens. Es kam ein bisserl Emotionen auf. Das konnte der Abend nämlich ganz gut vertragen.

Durch und durch österreichisch

Denn so sehr sich die AAMAs auch amerikanisch gaben, so durch und durch österreichisch war die Verleihung im Tiefsten ihrer Seele: Das Publikum schaute den gesamten (!) Abend grantig und – das ist vielleicht noch erschreckender – desinteressiert aus der Wäsche, die Kamera fing sogar das eine oder andere Gähnen im Saal auf. Dass die Pulikumsplätze um ca. 130 Stück reduziert wurden, tat der Atmosphäre nicht gut, der „Amadeus“ wirkte so als Verleihung noch kleiner, als sie ohnehin schon ist. Vielleicht ja, um drüber hinwegzutäuschen, dass dieses Jahr einfach nicht so viele Gäste kommen wollten, scherzte Rubey schon zu Beginn – und man liegt sicher nicht falsch im Glauben, dass er Recht haben dürfte.

Und irgendwie kann man’s schon auch verstehen, die Fadinesse im Publikum, denn die übertrug sich auch etwas auf die heimische Wohnzimmercouch: Viele der Nominierten sind nur Insidern bekannt, bei manchen Namen hatte man Eindruck, die waren nur dabei, um überhaupt die jeweilige Kategorie vollzukriegen. Sei’s drum. Die Gewinner waren durch die Bank nicht überraschend, weil, eben: Richtig ernsthafte Konkurrenz hatten die meisten ja eh nicht. Wer zum Beispiel – nach einem durchwachsenen Musikjahr für Stürmer – hätte Conchita in ihrer Kategorie schon ernsthaft gefährlich sein sollen?! Eben.

Das Applaudieren des Publikums war deshalb höflich, anders als bei Preisverleihungen im Ausland scheint man beim „Amadeus“ aber Jahr für Jahr den Zusammenhalt unter den Künstlern zu vermissen. Klar, man unterstützt sich gegenseitig, vor den Kameras. Logisch. Man freut sich. Bla bla bla. Und doch kommt man hier nie umweg, sich zu fragen, wie ehrlich dieser Support denn tatsächlich gemeint ist. Zwar wurden heuer weniger Rundumumschläge gegen die heimische Musikszene ausgeteilt als noch 2015 – der Neid, die Frustration, die Missgunst scheint aber beim „Amadeus“ immer unter der Oberfläche zu brodeln. Seiler und Speer, als sie für den “besten Song” ausgezeichnet wurden: “Trauriges Österreich, wenn das dein bester Song sein soll.”

Soll das sympathisch sein? Bescheiden rüberkommen? Bei mir löst es eher die Frage aus: Wieso immer nur jammern und granteln, wieso nicht etwas ändern?

Ach ja, sorry. Ist ja doch immer noch eine österreichische Veranstaltung.

War eh ned so schlecht!

Aber, um mich gleich bei der eigenen Nase zu nehmen: Es gab auch Positives an diesem Sonntagabend. Marianne Mendt nahm mit einem beherzten „Yeah!“ zurecht den Preis für ihr Lebenswerk entgegen, Hubert von Goisern bewies in seiner Rede, dass er mehr als nur „Hirtamadl“ im Kopf hat und die Moderation von Arabella Kiesbauer war wie immer punktgenau, on top und sympathisch (und hab ich schon ihr Outfit erwähnt?!). Auch der eine oder andere Gag von Rubey saß. Zum Beispiel, als er seiner Verwunderung freien Lauf ließ, dass Christina Stürmer nur einmal nominiert wurde: „Das geschieht in der Branche nun mal, wenn du Privatleben vor Beruf stellst.“ Applaus? Er war nur sehr leise zu hören.

Die Live-Performances waren jedoch durchwachsen: Während Sarah Connor in deutscher Sprache endlich wieder zu sich selbst findet (und sogar das F-Wort mehrmals singt!) und Sympathieträger-des-Abends Parov Stelar überraschend die gelungenste Performance der Verleihung abliefert, spult Conchita eine zwar solide, aber eher lieblose und unkreative Performance ab. Überraschend gelungen und unterhaltsam auch das Duett der Baseballs mit den Volksmusik-Schönen Poxrucker Sisters (ja, die heißen wirklich so!). Und weil ja bald schon wieder Song Contest ist, durfte natürlich auch Zoe nicht fehlen, die sich einmal mehr auf der Bühne zum Regenbogen-Blümchen-Hippie-Peace-Mädchen verwandelte. In Stockholm sollte da bitte noch mehr kommen!

Übrigens: Zoe bekam keinen Preis verliehen. Aber die wird ja auch von Ö3 gespielt. Man kann halt nicht beides haben. In Österreich.

(c) Fotos: ATV

 

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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