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Published on April 18th, 2016 | by Manuel Simbürger

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Sarah Connor live: Wie im großen Wohnzimmer

Nicht immer weiß man, was einem bei einem Konzert erwartet. Wird’s genauso, wie man glaubt, wird’s ein Reinfall oder übertrifft’s gar alle Erwartungen? Bei Sarah Connor hat man’s auch nicht genau gewusst. Vor 15 Jahren war sie das letzte Mal mit einer Tour in Wien, damals gab’s noch Pop vom Feinsten, der zwar Spaß machte, aber letztlich wenig berührte, weil sehr Tralala, sehr bunt, sehr Plastik. Dass es jetzt nicht mehr so werden wird, auf ihrer Comeback-Tour im Grunde, das konnte man sich denken, kennt man ihr Erfolgsalbum „Muttersprache“: Da geht’s Connor gediegener an, tiefgreifender, ernster, authentischer vor allem. Und natürlich auf Deutsch. Trotzdem: Wird auch das Konzert genauso werden – ehrlich, bodenständig, berührend? Oder gibt’s dann doch wieder die Connor von früher, die gern ein bisschen auf Pop-Proletin macht, dabei aber trotzdem, das muss man sagen, immer sympathisch bleibt?

Es war ein bisserl was von allem. Und genau deshalb ein voller Erfolg.

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Ganz nah, ganz persönlich

Während die Vorband zwar makellosen, aber im Grunde doch bedeutungslosen Deutsch-Pop abliefert und nicht allzu sehr Aufsehen erregt, ging’s dann bereits um 20 Uhr 30 los – und von der ersten Sekunde an war klar, dass dem Publikum ein Konzertabend der Sonderklasse geliefert wird. Den Opener “Halt mich” rockt Connor mit Fransenlederjacke, Lederhose, Glitzerboot und MJ-Hut – und alle möglichen Zweifel werden sofort weg-gesungen: Connor, die früher über French Kissing, Tage im Bett und Partys im Club gesungen hat, fühlt sich in ihrer neuen Rolle als „Hüterin der deutschen Sprache“, wie sie beim Echo genannt wurde, sauwohl. Authentischer wie jemals zuvor performt sie die Songs – auch deshalb, weil sie penibel darauf achtet, nicht in die breite Masse von Kollegen wie Nena, Revolverheld, Silbermond oder Christina Stürmer abzurutschen. Sarah Connor, das ist immer noch die „deutsche Mariah Carey“, immer noch die Diva mit der großen Stimme, deren Wurzeln im Soul, Jazz und Motowon liegen, was sie auch mehrmals im Laufe des Abends beeindruckend unter Beweis stellt. Sexy Moves, große Backgroundsängerinnen, noch größere Band – da ist eine auf der Bühne, die den Flair von US-amerikanischer Performance und dem deutschen Ich-bin-wie-ihr-Charakter vereint wie kaum ein anderer aktueller Künstler.

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Apropos: Connors „Muttersprache“-Texte entfalten live noch besser ihre Wirkung als auf der Silberscheibe. Die Texte scheinen direkt an das 6.000 starke Publikum gerichtet zu sein, es sind Empowerment-Songs, die von Leaderin Connor als coole Mama der Nation vorgetragen werden, ohne dabei platt oder prätentiös zu wirken. Wenn sie auffordert, den Arsch hochzukriegen, um die Flüchtlingsproblematik endlich in den Griff zu bekommen, tobt das Publikum vor Zustimmung. Wenn sie gefühlvoll trällert, dass wir, das Publikum, und niemand anderer, dafür verantwortlich ist, dass in ihrem Kopf endlich Stille herrscht, schafft das Verbindung. Wenn sie erotisch-lasziv und gleichzeitig wütend vom Betrug ihres Partners singt (nein, nur erfunden – oder?!), dann erkennen wir uns in der Geschichte wieder und fühlen uns plötzlich ganz erotisch aufgeladen. Und auch die größte Liebeskummer-Ballade berührt wie selten bei einem deutschen Künstler. Weshalb es sich Connor auch leisten kann, inmitten des Konzerts ein traurig-hoffnungsvolles Lied über den Tod anzustimmen, ohne dass die Stimmung kippt. „Ganz nah“ ist das Credo ihrer Tour, und das gelingt ihr tatsächlich: Man fühlt sich Connor nah, sie ist die talentierte Diva, mit der man Pferde stehlen kann. Immer wieder klatscht sie Fans in der ersten Reihe ab, eine scheinbar durstiges Mädel kriegt von ihr eine Wasserflasche. Bemerkenswert, dass es bei den großen Balladen so still in der Halle ist, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. „Ist ja wie im Wohnzimmer hier!“, kommentiert die Sängerin diese Intimität, die sie zuweilen doch etwas irritieren zu scheinen mag: Gleich zu Beginn fordert sie das Publikum auf, die (ausschließlichen) Sitzplätze zu verlassen und einfach ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen – darum geht’s doch schließlich auch auf ihrer CD. Weil im Sitzen, da fließen die Emotionen halt dann doch nicht so – genau davon aber lebt das Connor-Konzert. Alles ganz nah, ganz persönlich. Bereits beim dritten Song ist die Stimmung am Höhepunkt, die aber interessanterweise im Laufe des Abends immer wieder wechselt: Nicht jeden Augenblick hat Connor ihr Publikum (vom Teenie bis zur Mama kurz vor der Rente) im Griff, bei den Sing-a-long-Spielen kämpft sie um Interaktion.

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Zurück zu den Wurzeln

Das ist okay, denn Connor, anders als früher, versucht bei der „Ganz nah“-Tour nicht perfekt zu sein, sondern eine Mischung aus Konzert- und Intimittäts-Ereignis zu schaffen. Spontan jammt sie mit ihrer Band, die zur Freude von Musikliebhabern nicht an den Rand gedrängt, sondern durchaus in die Show miteinbezogen werden. „Keine Angst, dass auf meiner Bühne Feuer rauskommt oder es plötzlich Glitter regnet“, meint sie an einer Stelle, nicht ohne ironischen Seitenhieb an US-Kolleginnen wie Katy Perry, Taylor Swift oder Rihanna. „Das ganze Geld wurde in meine tolle Band gesteckt. Wir wollen gute Musik machen.“ Das hat sich ausgezahlt und ist gelungen, die Songs wirken live noch eindrucksvoller und eingängiger, vor allem aber Connor viel erwachsener. Ein paar Späße und liebesvolles Verarschen des Publikums gibt’s zwischendurch auch. Sie wirkt befreit und locker wie schon seit Jahren nicht mehr.

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Als „Hüterin der deutschen Sprache“ präsentiert sich Connor überraschenderweise aber nicht durchgängig: Rund ein Viertel des Konzerts sind Jazz- und Soul-Klassikern ihrer Vorbilder gewidmet, auch eine kleine Zeitreise zu ihren musikalischen Anfängen darf nicht fehlen – wobei das Medley aus ihren Plastikhits wie „French Kissing“, „Bounce“ oder „From Zero to Hero“ um einiges besser funktioniert, als man das annehmen möchte. Ein Highlight sicherlich die A-Capella-Reggae-Version ihrer Welthits „From Sarah with love“, in der Connor ihre große Stimme unter Beweis stellt, die auch nach all den Jahren nicht gelitten zu haben scheint. Gänsehaut-Moment pur, der Saal zuckt aus. Auch das jammige „Rock with me“ scheint für die Sängerin maßgeschneidert zu sein und in solchen Momenten merkt man, dass Connor nicht bereit ist, ihre Liebe zu englischen Songs und eben zu Jazz und Co. aufzugeben. Das ist okay. Sie kann’s schließlich auch. Und das so richtig.

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Am besten kommen dann aber doch ihre Hits aus dem „Muttersprache“-Album an, die sie nur bedingt der Bühne angepasst hat. Übertrieben wird nie, untertrieben aber auch nicht. Und Connor weiß, was das Publikum will und was ihre Stärken sind: Der Fan-Favourite „Kommst du mit ihr“, tatsächlich die stärkste Nummer des Albums, wird (mehr oder minder) spontan ein zweites Mal performt, was die Stimmung nochmal ein gutes Stück anheizt. Das hat man so auch noch nie erlebt.

Fazit

Sarah Connor sticht durch ihren Mix aus amerikanischem und deutschem Stil aus der breiten Deutschpop-Masse heraus und liefert, nicht zuletzt dank großer Stimme und bodenständiger Leichtigkeit, eine Show ab, die fraglos als gelungenes Comeback bewertet werden darf.

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Fotos: (c) Manuel Simbürger

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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