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Published on April 14th, 2016 | by Manuel Simbürger

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Conchita: Ent-Mythifizierung mit Band

Um einen Mythos am Leben zu erhalten, muss man ihn manchmal ent-mythifizieren. Genau das ist es, was Conchita mit ihrer ersten Live-Tournee tut – und das mit vollem Erfolg.

Sie war alles. Friedensbotschafterin. Ehrenbürgerin. Menschenrechtskämpferin. Glamour-Star. Red Carpet-Liebling. Frau mit Bart. Weltenretterin.

Aber eines war Conchita Wurst in den letzten zwei Jahren eher nur mitläufig, ein bisschen im Hintergrund, obwohl sie es ja eigentlich ist, durch und durch, mit Haut, Haaren und Bart:

Sängerin. Künstlerin. Performerin.

Mit der ersten Live-Tour, ganz simpel „Conchita LIVE mit Band“ genannt, soll sich das nun ändern. Und nach der Premiere, gestern am 13. April im Wiener Jazzclub Porgy & Bess, darf man sich trauen zu sagen: Das ist gelungen. Conchita ist das natürlich alles immer noch: Friedensbotschafterin, Kunstfigur. Aber endlich stellt sie unter Beweis, dass sie auch eine begabte Künstlerin ist, die nicht nur eine breite musikalische Bandbreite aufzuweisen vermag, sondern vor allem ihr Publikum im Griff hat, wie man es sonst nur von Diva-Größen wie Beyonce, Britney oder Rihanna kennt.

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Betontes Understatement

Die 27-Jährige genießt es sichtlich, erstmals nicht mit Ton-Band, sondern mit Live-Band (Achtung, Wortspiel!) unterwegs zu sein. Wobei sie keinen Zweifel daran lässt, um wen es an diesem Abend wirklich geht: Die – talentierte! – Band, dezent in schwarz gehalten, hält sich betont im Hintergrund, ist mitunter nicht mal vollzählig auf der Bühne. Conchita ist und bleibt die Chefin – und das ist gut so. Denn auch zwei Jahre nach dem Song Contest-Sieg hat sie von ihrer Bühnepräsenz nichts verloren.

Anstatt auf große Show mit viel Chi-Chi und Tamtam – und keinem einzigen Outfitwechsel – setzt Conchita lieber auf Intimität, Persönliches, Witz Lässigkeit und betontem Understatement. Die Songauswahl des 2,5-stündigen Abends ist eine Mischung aus neuinterpretierten Songs ihres Debütalbums und Coversionen, die sie seit Beginn ihrer Karriere begleitet haben. Genau das ist vielleicht, will man das Salz in der Suppe suchen, die größte Schwäche des Abends: Gerade in der ersten Hälfte des Konzerts verlässt sich Conchita zu sehr auf altbekannte Hits von Shirley Bessey, Cher, Tina Turner und – ja – Celine Dion. Das mag zwar Erinnerungen an „Starmania“, „Die Große Chance“ und sonstigen Karrierehaltestellen der Diva wecken, hinterlässt aber gleichzeitig auch bisschen einen faden Beigeschmack: Ist das Vertrauen in die eigenen Songs, einen ganzen Konzertabend zu tragen, dann doch nicht so groß, wie es vielleicht sein sollte? Wenn ja – wäre nicht nötig: Denn gerade Originalsongs wie „Other side of me“, „Where have all the good men gone“, „Firestorm“ oder auch „That’s what I am“ sind es, die am meisten beeindrucken – und beim Publikum am besten ankommen.

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Musikalische Bandbreite

Beeindruckend auf jeden Fall auch, welch musikalische Bandbreite die bisher als „Discotrash“-liebende Sängerin aufweist: Von Jazz über Soul, zu Funk zu Pop, von (gediegenem) Dance bis zur Pianoballade lässt Conchita an diesem Abend nicht nur keine Wünsche offen, sondern schafft auch beinahe mühelos eine loungige Baratmosphäre – und mit „Goldfinger“ als Opener („Starmania“-Finalsong!) sowie „Rise like a Phoenix“ (ESC-Hymne!) als krönenden Abschluss ist der Künstlerin ein angenehmer runder Bogen gelungen, der tatsächlich den Eindruck erwecken lässt, einem musikalischen, lebendig-gewordenen Fotoalbum beigewohnt zu haben. Die Stimme hält bis zur letzten Sekunde, hohe Töne trifft Conchita genauso mühelos wie rockigere Riffs. Anfangs vielleicht etwas mit flattrigen Nerven gekämpft, hat sie die rund 400 Gäste in Eiltempo unter ihre Fittiche gebracht.

Diva und Mädel von Nebenan

Auffallend dabei ist, wie sehr sich die Drag Queen, wie sich Conchita selbst mittlerweile immer öfter freimütig bezeichnet, im Rahmen ihrer Tour bemüht, das Phänomen Wurst aufzubrechen (bemerke: den Nachnamen gibt’s nicht mehr!); ihre Fans (und Gegner, die, wenn auch nur noch vereinzelt, immer noch da draußen herumstreunen) hinter den Mythos blicken zu lassen. Dabei entsteht, vielleicht stärker als jemals zuvor, eine faszinierende Diskrepanz zwischen Anders- und Gleich-Sein, Diva und Mädel von Nebenan: Anhand von Anekdoten, gewürzt mit dem bekannten Wurst-Charme, lässt sie die turbulenten vergangenen zwei Jahre Revue passieren, verrät, was mit Ricky Martin in der Hotelsuite wirklich passiert ist, spart nicht an Kritik an sich selbst, lüftet das Geheimnis um ihren Bart und spart auch nicht mit Einblicken in ihr Seelenleben: „Ich denke. es ist genetisch bedingt, dass ich mich nicht verlieben kann. Dafür hab ich wahnsinnig viel Geschlechtsverkehr.” Worauf Papa Neuwirth in der ersten Reihe gleich mal einen großen Schluck Bier nahm. Wahrscheinlich DAS versteckte Highlight des Abends.

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Der perfekt gestylte Bart ist mittlerweile einem Wildwuchs gewichen, die Männlichkeit hat im bis dahin geschlechtslosen Wesen Conchita wieder die Oberhand gewonnen. Wodurch sich Conchita nun stärker als Drag Queen denn als mythische Kunstfigur präsentiert. Das kann man mögen oder nicht, ist Geschmacks- und Streitsache, den gewünschten Effekt erzielt der Imagewandel aber durchaus: Sie ist mehr denn je eine von uns, eine mitten aus der Gesellschaft. Weshalb es Conchita auch nicht lang auf der Bühne hält und sich gleich zu Beginn des Konzerts mitten unters Publikum mischt, um ein paar Fragen zu beantworten. Hier wird deutlich, dass die Sängerin nicht nur musikalisch wandelbar ist, sondern auch ganz und gar unterschiedliche VerehrerInnen hat: Da will eine Opernsängerin-Nichte alles von ihrer Gesangstechnik wissen, während ein Teenie brennt zu wissen, wie es der Star denn schafft, so derart am Boden zu bleiben. Eine Transfrau betont nochmals unter Tränen, wie viel Conchita für die LGBT-Community getan hat, was natürlich tosenden Applaus zur Folge hat. Und der kleine Moritz, der will einfach nur eine Entschuldigung von Conchita für die Schule morgen. „Natürlich kann ich das machen, ich bin schließlich die Königin des Landes“, lächelt Conchita und ist auch ganz schnell wieder auf der Bühne oben. Einmal Weltenretterin … eh schon wissen. (Gerüchte zufolge soll Moritz seine Schul-Entschuldigung nach der Show tatsächlich bekommen haben.)

Kreischen. Toben. Klatschen. Lachen. Das Publikum ist außer sich vor Begeisterung, spätestens jetzt ist die Stimmung am Siedepunkt angelangt. Standing Ovations gibt es lange vor der obligatorischen Zugabe. Da weiß jemand ganz genau, wie man die Verehrung um die eigene Person am Köcheln hält, ohne abgehoben zu wirken.

Kritik, die ja eigentlich Lob ist

Zugegeben kann Conchita an diesem Abend aber tun und lassen, was sie will, das Publikum (darunter unter anderem Fellow-Promis wie Andi Knoll, Christoph Feuerstein, Sankil Jones, Falco Luneau und Niddl) liegt ihr zu Füßen. Der Kreischalarm erreicht mitunter Boyband-Ausmaße. Der intime Rahmen der Location tut dafür natürlich sein übriges – es ist schon ein kluger Schachzug der Künstlerin gewesen, nicht die großen Hallen des Landes zu buchen. Auch wenn nach dem Konzert doch von einigen Seiten Unmut zu hören war: Zu eng, zu klein sei das Porgy & Bess für „SO EIN EVENT!“ gewesen, die Sicht auf die Bühne mitunter zu schlecht, die Luft wegen Überfüllung zu stickig. Vom Ausland angereiste Fans ärgerten sich, dass ihr Liebling nicht auf Englisch gesprochen hat. Aber: Dass Kritik dann doch wieder wie Lob klingt, das muss man auch mal schaffen.

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Voller Erfolg

Conchita scheint sich nun endlich musikalisch in ihrer Haut vollends wohl zu fühlen, was sie auch ausstrahlt. Sie genießt sichtlich jede Sekunde des Abends – genauso übrigens wie ihre auch anwesenden Eltern, die entweder nicht aus dem Grinsen und Lachen (die Mama) oder aus dem Träumerisch-Genießen und rührseligem Heulen (der Papa) nicht herauskamen. Mit der Mischung aus komödiantischen Anekdoten und persönlicher Songauswahl bewegt sich Conchita zwar gefährlich nahe an altbewährten Drag-Shows, dank großer Stimme, Charisma und Star-Power hat „Conchita LIVE mit Band“ aber das Zeug, zur vielleicht gefeiertsten Tour eines österreichischen Künstlers der letzten Jahre zu werden. Die Chancen stehen gut: Alle Termine sind bereits ausverkauft.

Ja, wir hatten viel Freude an der Friedensbotschafterin. Jetzt wird es aber Zeit, unsere volle Aufmerksamkeit der Künstlerin zu widmen.

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Die Setlist des Abends:

Where Do I Begin?/Diamonds Are Forever/Goldfinger (Shirley Bassey Medley)
Where Have All The Good Men Gone?
Believe (Cher Cover)
My Heart Will Go On (Celine Dion Cover)
Pure
River Deep, Mountain High (Ike & Tina Turner Cover)
That’s What I Am
Fragestunde
Firestorm
Out of Body Experience
Somebody To Love
Heroes
You Are Unstoppable
Zugaben:
The Other Side Of Me
Rise Like a Phoenix

 

Bilder: (c) Manuel Simbürger

 

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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