Ein Plädoyer für .... conchita-wurst_c_bubu-dujmic

Published on September 11th, 2013 | by Manuel Simbürger

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Ein Plädoyer für Conchita Wurst

Warum Conchita Wurst die richtige Wahl für den ESC 2014 ist. Und es hier um so viel mehr geht.

conchita wurst_c_Bubu Dujmic

Die Wurst Conchita fährt also zum Song Contest. Kaum ist diese Meldung auch zu den letzten Kulturbanausen durchgedrungen, steht das Land Kopf. Ja, geht sowas überhaupt? Eine Frau mit Bart soll Österreich vertreten? Geht’s noch? Wo samma denn? Na also bitte….puuhhh….also sowas….nein….also echt….nein….also wirklich nicht.

Das Raunzerland

Zuerst mal, liebe Conchita: Hör da mal gar nicht so hin. Österreich ist bekanntermaßen ein Raunzerland und wir regen uns gerne auf. Die Beiler Nadinchen hat schon nicht gepasst (und die, die vorher für sie waren, haben’s nach dem ESC “sowieso von Anfang an gewusst”), obwohl die wirklich ‘ne supertolle Stimme und auch ein sehr passables Liedchen hatte. Bei den Trackshittaz-Buben herrschte dann sowieso Ausnahmezustand im Land, es wurde ja sogar eine Club 2-Sendung einberufen. Und auch Mauerblümchen Natalia Kelly hatte viele, viele Kritiker. Gut, alle drei Künstler haben beim ESC auch tatsächlich nicht wirklich viel gerissen. Aber darum geht’s nicht. Der Punkt ist: Alle wurden vom Publikum – von uns – gewählt, Österreich beim Song Contest zu vertreten. Und aufgeregt haben wir uns dann trotzdem, noch bevor die ESC-Performance überhaupt über die schrillbunte Bühne ging. Das ist halt Österreich. Nix passt uns. Und wenn’s uns passt, passt’s uns auch nicht.

Skandalös ist’s, wenn’s fad ist

Dann sollte mal eines bedacht werden: Beim Eurovision Song Contest geht es schon lange nicht mehr um das Repräsentieren der nationalen Musikkultur. Der ESC ist ein knallbunter und lauter Event, der Völker verbindet und vor allem eines will: zu unterhalten. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist abgelutscht, das zu sagen, aber es stimmt halt schon: Beim ESC ist man nur wer, wenn man auffällt. Wenn man im Gedächtnis bleibt und im picksüßen Zuckerl-Spektakel nicht untergeht.

Trotz Powerstimme waren Beiler und Kelly am Ende zu wenig aussagekräftig, haben zu sehr das konservative Bild von Österreich wiedergegeben. Trackshittaz hat das nicht getan, mag man nun meinen, und das stimmt auch. Gehappert hat’s da eher an der Mundart, die halt so wirklich keiner verstanden hat (nicht mal wir in Österreich), und der Song war dann vielleicht doch etwas zu crazy – sogar für den ESC. Meine Meinung aber: Trackshittaz war vergangenes Jahr die einzig richtige Entscheidung für die Rolle der österreichischen Repräsentanten. Österreich macht beim ESC nicht mit, um zu gewinnen, sondern um dabei zu sein. “Für uns ist es schon ein riesengroßer Erfolg, überhaupt ins Finale zu kommen”, meint zum Beispiel auch ESC-Experte Ralf Strobl. In Österreich fehlen die Mittel für die nötige Promotion, die passenden Komponisten und Songwriter für den richtigen Song und natürlich die uns wohl gestimmten Länder, die uns Punkte zuschanzen. Gehen wir also mal weg vom Gedanken, wir wollen das Ding gewinnen.

Vielmehr geht es darum, das Ding zu rocken. Aufzufallen. Ein Lebenszeichen von uns nach Europa zu schicken. Einfach beim größten Musikspektakel der Welt mitzumischen, Teil davon zu sein. Trackshittaz hat für Furore gesorgt. Und das wird auch Conchita Wurst tun. Man wird über sie reden, über die Frau mit Bart, wir werden in den internationalen Medien in aller Munde sein. Manche werden es ganz toll finden, manche nicht, und das ist auch in Ordnung. Aber wir haben Mut bewiesen, und das wird man auch erkennen. Auch Russland wurde – auch wenn viele darüber gelacht haben – für seinen kreativen Mut, die singenden Omas zum ESC zu schicken, großer Respekt gezollt. Die Masken-Grusel-Band Lordi aus Finnland hat 2006 den Wettbewerb sogar gewonnen. Im Nachhinein sind immer die langweiligsten Künstler beim ESC die schlimmsten. Skandalös ist’s nur dann, wenn’s fad ist. Und die Wurst ist vieles, aber langweilig sicher nicht.

Und, bitte nicht vergessen: Zumindest in Deutschland kommt Conchita schon mal gut an.

Chance für Transphobie-Debatte

Und noch eine Ähnlichkeit sehe ich zwischen Conchita Wurst und Trackshittaz: Beide haben es geschafft, eine Diskussion in der heimischen Bevölkerung auszulösen. Bei Plöchl ging es darum, wie weit man mit sexuellen Anspielungen auf der Bühne gehen darf, welche Ziele der Feminismus heutzutage überhaupt noch hat und was (künstlerische) Freiheit eigentlich wirklich bedeutet. Nicht schlecht für zwei Jungs, die immer wieder betonten, auf der Bühne eigentlich nur ihren Spaß haben zu wollen. Aber “einfach nur Spaß”, das gibt es in Österreich nun mal nicht.

Liest man sich diverse Online-Kommentare zum Thema “Wurst goes Kopenhagen” (dort findet der ESC 2014 statt), geht es weniger um Musik, weniger um den Song Contest, sondern vor allem um eines: Angst gegenüber dem, was man nicht kennt. Man könnte auch sagen: Homophobie. Oder in diesem Fall: Transphobie. Wurst wird hier als “es” bezeichnet, als “Bartfratzentranse” und vieles mehr – Kommentare, die vor Intoleranz nur so triefen. Sogar der eine oder andere junge Mann, der zu seinem Facebook-Freundeskreis selbst Transvestiten zählt, erzürnt sich im sozialen Netzwerk, wie man “sowas” nur nach Kopenhagen schicken könne, als Aushängeschild Österreichs noch dazu, wohlgemerkt. Und die Liste geht weiter. Und weiter. Es ist klar, dass der ORF mit der Entscheidung, Wurst zum ESC zu schicken, Österreich im Ausland als tolerantes Land präsentieren möchte. Zu sehr unter die Bettdecke darf man dabei allerdings nicht schauen. Denn von Toleranz sind wir weit entfernt.

Gerade jetzt besteht die Chance, von öffentlicher Seite Aufklärungskampagnen zu starten, über LGBT im Allgemeinen, aber über “Transvestiten” (oder Drag Queens/Kings) im Besonderen. Und im Zuge auch gleich über Transgender-Personen, die in der Gesellschaft nach wie vor vor allem mit Unverständnis und Berührungsängsten konfrontiert werden. Conchita Wurst könnte nun endlich was bewegen im Land, mehr als je zuvor – das, was sie nach eigenen Aussagen immer schon wollte.

 Gib ihnen eine Stimme zurück

Wenn man einen Skandal in der ganzen Sache sehen möchte, dann also die unglaubliche Intoleranz vieler Österreicher.  Deshalb, offiziell, wenn auch wahrscheinlich mit nicht allzu viel Wert: Conchita, meine offizielle Stimme hast du. Und du wirst in Kopenhagen mit deiner Persönlichkeit all jenen eine Stimme verleihen, denen diese in Österreich verwehrt bleibt. Damit wir wenigstens an diesem einem Abend nach außen hin so tun können, als wären wir ein tolerantes Land.

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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