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Published on Februar 2nd, 2015 | by Manuel Simbürger

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Königliche Rock-Audienz in Wien

Queen in Wien: Mit einem Stimmumfang ähnlich dem von Freddie Mercury sang sich “der Neue” durch ein mehr als zweistündiges Hit-Programm.

Über Tote spricht man bekanntlich nicht schlecht. Im Fall von Freddie Mercury, Urvater des Glam Rock und wohl eines der größten Genies in der Musikgeschichte, würde uns das auch gar nicht einfallen. Zu sehr ist sein großer Einfluss immer noch in der gegenwärtigen Musik zu spüren, zu ehrwürdig sein Vermächtnis. Und doch hat er in Adam Lambert jemanden gefunden, der ihn sicher nicht vergessen macht, sondern ganz im Gegenteil: der ihn so ehrt, wie es Freddie gebührt. Der ihm aber auch in Sachen Sex, Dekadenz, Bühnenpräsenz und vor allem Stimme nicht nur das Wasser reicht, sondern ihn manchmal sogar – sorry, Freddie, ich mein’s echt nicht bös! – übertrumpft. „Er hat eine unglaubliche Stimme und ein Stimmvolumen, das alles in den Schatten stellt“, meint auch Ex-Freddie-Kollege Brian May. Und der muss es wissen, hat er doch, zusammen mit Roger Taylor, 2014 mit dem 33-Jährigen Lambert offiziell seine Kult-Band Queen wieder auferstehen lassen. Und so, wie sich Queen gegenwärtig präsentiert, hat man eine königliche Audienz noch nie erlebt. Zumindest nicht, seit Freddie sich von dieser Welt verabschiedet hat.

Queen 3.0

Aber nachahmen, gar in Freddies Fußstapfen treten, das möchte Adam Lambert nicht. Das betonte er schon zu Beginn der „Queen + Adam Lambert“-Welttournee vergangenes Jahr, das bis heute den Konzertveranstaltern beinahe ausschließlich ausverkaufte Hallen einbrachte. Vor rund 500.000 Menschen haben „Queen 3.0“ bis dato gespielt, mindestens 11.500 davon kamen aus Wien – denn dort haben sich Queen und Lambert gestern in der Stadthalle die Ehre gegeben. Und was dort geboten wurde, kann – und darf – sich nur Queen leisten: Ein 20-minütiges Intro, ein Frontman, der insgesamt mehr als 20 Minuten nicht auf der Bühne zu sehen ist, ein zehnminütiges Gitarren-Solo, ein aufreizender Mann in High Heels und Fransen-Lederjacke, ein Lümmeln auf einer knallroten royalen (get it?) Coach, ein Bespucken des Publikums mit Champagner. Aber auch: das Aufleben eines Toten, ohne zur melancholischen Revival-Show zu werden, Senioren, die die Bühne vollkommen allein beherrschen, nicht ein einzig falsch gesungener Ton, ein mehr als zweistündiges Hit-Feuerwerk, ein Vater, der sich mit seinem Sohn battelt, ein Prinz, der am Ende zum König wird und – hab ich das schon erwähnt? – ganz viel Sex. Dazu ein Publikum, das aus Alt-Groupies genauso besteht wie aus biederen Bankangestellten, auszuckenden Hausfrauen, die sich wieder wie 20 fühlen, verliebte Pärchen, Homosexuelle, Opas, Studenten, Opas mit Studentinnen und Teenies, die ein bisschen so wirken, als wüssten sie nicht, was sie hier genau sollen. Wenn Queen mit Adam Lambert auf der Bühne steht, dann ist das ein Konzertereignis der royalen Extraklasse.

For your entertainment

Schon beim Opener „One Vision“ wird klar, dass Lambert seine zahlreichen Kritiker erfolgreich in die Schranken weist. Ein Bursch, der im amerikanischen „Starmania“-Pedant „American Idol“ Zweiter wurde (und somit sowas wie die amerikanische Christl Stürmer ist, nur halt viel….schwuler), maßt sich an, mit einer der größten Rocklegenden der Geschichte auf Tour zu gehen und dabei einen auf Mercury, der schließlich sowas wie ein Heiligtum der Musik ist, zu machen? Wer aber Lamberts Karriere schon seit Jahren verfolgt, der weiß, dass diese Anzweiflungen unangebracht sind: Schon mit seinem ersten Album „For your entertainment“ präsentierte sich Lambert, zwar noch etwas pummelig damals und etwas zu sehr auf sexy bemüht, als ein Musiker, der Glam Rock im neuen Jahrtausend wieder auferstehen lassen kann. Auch damals schon gab er Mercury, aber auch Madonna oder David Bowie als musikalischen Einfluss an, und das merkte man auch: Glitzer-Outfits, Schmusen mit männlichen Bandkollegen auf der Bühne (Lambert ist offen schwul) und Hits, die irgendwo zwischen Pop, Rock, Electronic und Disco angesiedelt sind. Wer sich seine beiden bisher erschienen Alben (am dritten bastelt er gerade und soll 2015 erscheinen – der Queen-Erfolg will schließlich ausgenutzt werden!) anhört und sich seine Live-Auftritte ansieht, erkennt schnell: Dieser Junge, der in den letzten Jahren zum Mann gereift ist, der hat Bühnenpräsenz, Mut, Grenzen zu überschreiten und ein Stimmvolumen – und jetzt kommen wir wieder zu Queen zurück – das eben alles in den Schatten stellt.

Purer Bühnensex

Natürlich, Lamberts Musical-Background lässt sich nicht verleugnen und manchmal erinnert er in seinen Gebärden und seinen Tönen gar stark an Conchita Wurst (wobei das nur uns Österreichern auffallen wird), aber Lambert weiß, wie man das Publikum im Griff hat – und zwar ein Publikum, das ihn mit Argusaugen beobachtet und sich doch im insgeheimen wünscht, statt an seiner Stelle Mercury lauschen zu dürfen. Was man auch in Wien merkt, denn es dauert etwas, bis wirklich Stimmung in der beinahe ausverkauften Halle aufkommt. Dass er „der Neue“ ist, ist ihm bewusst, also legt sich Lambert doppelt ins Zeug: Mit Selbstvertrauen und einer erfrischenden Brise Selbstironie präsentiert er sich in glitzernden und ausgefallenen Outfits – keiner sieht in einer Karohose so gut aus wie Lambert! -, deutet nur ansatzweise typische Mercury-Bewegungen an, versprüht mit jeder einzelnen Bewegung puren Sex (nicht zufällig zoomt die Bühnenkamera immer wieder auf Lamberts Hintern) und versteht es auf angenehme Weise, sich nicht in den Vordergrund zu drängen: Immer wieder überlässt er den Ur-Queenern die Bühne alleine, zieht sich zurück, verneigt sich vor May, überlässt gar dem verstorbenen Mercury zweimal die Hallenpräsenz. Er bedankt sich artig beim Publikum, dass es ihn respektiert, nur um am Ende der Show selbstbewusst – aber auch in Anlehnung an Mercurys frühere Konzerte – mit Krone die obligatorischen Zugabe-Hits „We will rock you“ und „We are the Champions“ zu trällern. Nein, nicht zu trällern: Zu intonieren, zu seinem Selbst zu machen. Lamberts Stimme erfüllt mühelos den ganzen Saal, trifft selbst die höchsten Töne ohne Kratzer und glänzt vor allem bei Balladen wie „Save me“ oder dem bombastischen „Who want’s to live forever“, bei dem er von einer – natürlich – funkelnden Discokugel begleitet wird.

Der Queen-Bombast ist zurück

Apropos Bombast: Mit Lambert ist es Queen eindeutig gelungen, den Bombast und den Glamour nach dem eher blues-lastigen und faden Revival vor gut 10 Jahren mit Paul Rodgers, zurück auf die Bühne zu bringen. Die Light-Show vermittelt Rock-Feeling, so, wie es sich für Queen gehört; die Leinwände präsentieren sich mal in Retro-Schwarz-Weiß, dann wieder eingerahmt in einem kitschigen Goldrahmen oder stellen einen Sternenhimmel dar und unterstützen die Show zusätzlich, ohne aufdringlich zu wirken. Die Bühne ist ein großes Q, das gleichzeitig als großes Auge und Catwalk fungiert. Die Setlist ist natürlich ein Best-Of der Queen-Geschichte, da dürfen Hits wie „Radio Gaga“, „I want it all“, „Kind of Magic“ und natürlich „Bohemian Rapsody“ nicht fehlen. Es wird aber auch Seltenes geboten, wie „In The Lap of Gods“ oder „Save me“, das erstmals seit 1982 wieder im Programm ist. Trotzdem: Viele Überraschungen sind nicht dabei, aber das erwarten sich die Fans auch nicht. Das Wiener Publikum, erst mal aufgetaut, dankt den Königen für das Hitfeuerwerk mit tosendem Applaus, Getrampel und lautstarkes Mitsingen, ganz besonders beim Akustik-Teil, das u.a. aus den Songs „Those are the Days of our Lives“ und „‘39“ besteht. Hier beweisen May und Taylor (dessen Sohn mit ihm gemeinsam ein Schlagzeug-Solo spielen darf), dass Bühnenpräsenz keine Frage des Alters ist – und das, obwohl gesundheitlich angeschlagen: May, 67, personalisierter Gentleman-Gitarrist, nennt ein künstliches Hüftgelenk sein eigen, Taylor, 65, hingegen ist auf Hörgeräte auf beiden Seiten angewiesen.

A Once in a Lifetime Experience

Wie lange also May und Taylor noch auf der Bühne stehen werden, ist fraglich. Sollte dies die letzte Tour gewesen sein, konnten sie mit Adam Lambert keinen Besseren finden, als der Welt musikalisch Lebewohl zu sagen. Queen hat seinen Ruf als Rock-Legende noch einmal untermauert, Lambert dürfte sich nun endgültig in den Rock-Olymp katapultiert haben (und bekommt endlich die Anerkennung, die ihm gebührt). Noch nie war der Titel einer Tournee so sehr Programm wie hier: „A Once in a Lifetime Experience“.

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Alle Bilder, wenn nicht anders ausgewiesen: (c)  www.adamlambertlive.org/

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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