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Published on Mai 3rd, 2016 | by Manuel Simbürger

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Adam Lambert live in Wien: Wiederbelebung des Pop

Es war ein trauriges Jahr bisher für Musik-Liebhaber: Erst Lemmy, dann Bowie und vor kurzem auch noch Prince – ein großer Held des Pop tritt nach dem anderen ab. Die Süddeutsche Zeitung war sogar so verzweifelt, dass sie gar vom „Jahr, in dem die Musik starb“ schrieb. Dass Britney in den nächsten Wochen ein neues Album auf den Markt schmeißen soll, hilft da auch nicht wirklich.

Gestern Donnerstag, 2.5., haben wir aber wieder Hoffnung geschöpft in die Musikwelt, in den Popzirkus, in Legenden – oder zumindest glauben wir wieder daran, dass es Künstler gibt, die das Zeug haben, zu Legenden zu werden. Denn gestern Abend beehrte Pop-Chamäleon Adam Lambert die Wiener Konzerthalle Gasometer – und bewies eindrucksvoll, dass (Pop-)Musik lebendiger ist als jemals zuvor. Aber nicht nur das: Er führte mit unbändiger Energie, psychedelischen Lichtshows, bombastischen Videowalls und einer beeindruckenden Stimmakrobatik, vor allem aber mit jeder Menge Leichtigkeit, Erotik und sehr viel Spaß, den Pop zu seinen Ursprüngen zurück: Nämlich zur alles/allen vereinende Leichtigkeit, die Füße und Herz gleichermaßen zum Hüpfen bringt.

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Startschwierigkeiten

Derweil standen die Vorzeichen vor Konzertbeginn nicht ganz so gut, dass der Abend ein Erfolg werden würde: Zwar bildete sich schon Stunden vor Einlass eine große Menschenmenge vor der Location, Gedränge, Geschupse und schlecht organisierte Veranstalter ließen die Stimmung in der Menge aber bald auf ein Minimum sinken. Trotzdem, sah man sich genauer um, konnte man bereits ahnen, was für ein Pop-Ereignis einen Stunden später erwarten sollte: In der dicht gedrängten Menge befanden sich Lambert-Look-a-likes genauso wie kreischende Teenie-Mädels, graue Mäuschen, ältere Ehepaare oder schwule und lesbische Pärchen. Ein offen schwuler Künstler, der durch alle Gesellschaftsschichten zu begeistern weiß und – wie Lambert später am Abend selbst noch anmerken wird – jenseits von sexueller Orientierung, Geschlecht, Alter oder Nationalität (viele Fans waren vom Ausland angereist!) vereint. Der zahlreiche weibliche Teenies (die zum Teil schon zu mittags vor dem Eingang auf Einlass warteten!) trotz offensiv gelebter Homosexualität zu Ohnmachtsanfällen und Kreischattacken hinreißt – und dem auf der Bühne zahlreiche Stofftiere, Liebestiere und BHs (!) zufliegen. „Guuuurl, did you pay attention to the whole show?!“, wendet sich Lambert amüsiert und mit betont geknicktem Handgelenk und sexy Hüftbewegung an die BH-Werferin. „Ich liebe dick!“ Was das Publikum – und die nun BH-lose Dame – nur noch mehr zum Kreischen bringt. Das hat man zuletzt … ja, eben bei Bowie, Prince oder auch Freddie Mercury (als dessen offizieller Nachfolger man Lambert dank seines Queens-Intermezzos ruhig bezeichnen darf) gesehen. Pop lebt.

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Bis es aber so weit ist, lässt Lambert fast zwei Stunden auf sich warten. Ein DJ, der auf der Bühne eher wie eine Schlaftablette wirkt und lieblos abgeschmackte Partyhits dem unruhig werdenden Publikum entgegenwirft, verkürzt für rund 30 Minuten die Wartezeit (oder soll es zumindest tun), was die Stimmung aber nicht besser macht. Für – zum Teil verwirrendes – Amusement sorgen die Lambert-Hits, welche in die Musik-Beschallung immer wieder eingestreut werden. Bei den ersten zwei Malen noch erheiternd, fragte man sich spätestens beim dritten Lambert-Song, ob der Gute seine Tracklist schon vorher aufbraucht, bevor das Konzert überhaupt begonnen hat. Sorgen unbegründet: Da sollten noch viele Hits kommen an diesem Abend. Und seine eigenen Songs vor dem eigenen Konzert vom Veranstalter spielen zu lassen, das bringt auch nur jemand mit der gewissen Attitude fertig.

Dance-Rock statt Glamrock

Und Attitude, die hat Adam Lambert. Das beweist er von der ersten Sekunde an, wenn er mit dem Elektro-Pop-Kracher „Evil in the Night“ startet. Sein Outfit aus futuristischer Sonnenbrille, Lederhose, Metallic-Handschuhe, Plateau-Boots und die zahlreichen Tätowierungen, die seine muskulösen Arme zieren, lassen bereits erahnen: Da steht jemand auf der Bühne, der alle Stückerl des Entertainment spielt. Der Spaß auf der Bühne hat und der mit beeindruckender Leichtigkeit das Publikum vom ersten Ton an im Griff hat. Dieses kreischt, tobt, applaudiert, klatscht und springt von Anfang an, himmelt Lambert an, als sei er tatsächlich der wiedergeborene Mercury (oder Bowie. Oder Prince. Die Auswahl ist ja leider groß). Eine Verbindung zwischen dem Sänger und seinem Publikum ist sofort aufgebaut – und das, obwohl er erst nach der Hälfte des Konzerts die ersten persönlichen Worte an seine Fans richtet. Das aber dafür mit so viel Charme, Witz Selbstironie und Selbstbewusstsein, dass man ihm das schnell verzeiht. Auch, weil er mit uns auf Teufel komm raus flirtet und uns alle sehr sexy findet. Lambert weiß, was die menschliche Seele begehrt.

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Lambert selbst gibt sich während der Show um vieles männlicher als die Jahre zuvor. Da scheint jemand endlich bei sich angekommen zu sein: Glam Rock ist dem Dance-Rock (falls es sowas gibt) gewichen. Statt schwarzen Eyeliner gibt es jetzt Dreitagesbart, Tätowierungen, einen muskulösen Körper und eine weiß gebleichte (und stets perfekt sitzende) Haartolle – nur die schwarz lackierten Fingernägel sind geblieben. Ja, gar seinen größten Hit „What do you want from me“ singt er um ein paar Tonlagen tiefer als im Original, bei „After Hours“ gibt er sich betont lasziv-locker, ohne übertrieben zu wirken. Da hat die Erfahrung mit Queen wohl abgefärbt – oder Lambert ist, wie man so schön sagt, einfach erwachsen geworden. Dieser Junge ist in den letzten Jahren zum Mann gereift, hat sich vom Castingshow-Teilnehmer zum Queen-Frontman und gefeierten Popstar entwickelt. Lambert hat Bühnenpräsenz, Mut, Grenzen zu überschreiten – und ganz viel Sex. Jeder einzelne Ton, jede einzelne Bewegung ist Erotik pur – was Lambert auch weiß und sich zu nutzen macht: Mehrmals an dem Abend greift er sich in den Schritt, lässt lasziv die Hüften kreisen und leckt sich provokant über die Lippen. Es ist eine Mischung aus Lady Gaga und – sorry, schon wieder – Freddie Mercury, was Lambert hier mit sehr viel Selbstbewusstsein präsentiert. Seine Performance ist eine Mischung aus (Boyband-)Choreographie (unterstützt wird er dabei von zwei sehr extrovierten TänzerInnen) und Spontanität – denn sieht man sich Videos seiner anderen Konzerte der „The Original High“-Tour an, fällt auf, dass die Show nicht immer genau dieselbe ist, die Songs anders gesungen werden, ja gar die Kostüme wechseln ständig. Apropos: Dreimal wechselt Lambert während der Show sein Outfit. Da steht er seinen weiblichen Kollegen um nichts nach.

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Stimmakrobat

Das Sound-Spektrum ist dabei genauso breit angelegt wie Lamberts Stimmvolumen: Von Dance, Pop, Rock, Disco und Balladen schmeißt Lambert alles raus, was er zu bieten hat (die vielen Medleys erwecken den Eindruck, möglichst viele Songs unterkriegen zu wollen). Er scheint tausend Stimmen in sich zu tragen, die er sich zurecht legt, wie es ihm gerade passt. Klar: Nie wird er seine Musical-Anfänge los, wenn er so schaurige Rock-Szenarien wie „Evil In The Night“ singt oder offensiv „Welcome To The Show“ rausfeuert. Und, ja: Sein Steckenpferd bleibt durchweg der gewählt minimale Party-Electro, der aber selten über die Stränge schlägt und dabei live besser seine volle Wirkung entfalten kann als auf CD. „Ghost Town“ ist sein Hit mit diesen fluffigen Synthesizern und dem flippigem Pfeifen; den spielt er schon als drittes und ist der erste Höhepunkt unter vielen. Trotzdem überrascht es, wie rockig der Abend ist – zum Beispiel bei „Lucy“, bei dem Adams Gitarrist tierisch locker wahnsinnige Soli abfeuert, oder – klar – bei “Another one bites the dust“. Stimmlich ist Lambert bis zum letzten Ton on top, makellos erscheint er in jeder seinen Tonlagen und schmettert manchmal los, als gäbe es kein Morgen. Schade nur, dass vor allem bei seinen Elektro-orientierten Songs seine Stimme nicht immer so zur Geltung kommt, wie sie es verdient hätte. Die mitunter problematische Akustik des Gasometers half da auch nicht.

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Mix aus Nähe und Distanziertheit

Am Ende des Abends hat man tatsächlich das Gefühl, einer Wiederbelebung des Pop beigewohnt zu haben – und zwar nicht in Form eines quietsch-vergnügten Wunderland a la Katy Perry, sondern eines erwachsenen Pop-Zirkus, der die Halle in einen lauten, mitunter düsteren Partyclub verwandelt.

Ganz im Gegensatz zur Bühne hat sich Lambert vor dem Konzert scheu gegeben: Keine Interviews, keine öffentlichen Auftritte. Einzige Ausnahme: Der @tipp3 Walk of-Stars-Mini-Auftritt, ebenfalls im Gasometer, zwei Stunden vor Konzertbeginn. Auch hier ließ er auf sich warten. „Diva“, „zickig“ raunten da schon etliche Journalisten. Als Lambert dann auftaucht, ist er gut gelaunt, professionell-freundlich und tut das, was man von ihm erwartet: Coole Sprüche loslassen, sympathisch lächeln und Grimassen schneiden. Für Autogramme und Selfies nimmt er sich nur kurz Zeit, bevor er von seinen Bodyguards (drei am Stück, was der anwesenden Presse ein süffisantes Lächeln abringt) an der Hand genommen und weggeführt wird. Was man innerhalb weniger Minuten aber sagen kann: Adam Lambert strahlt eine Star-Power aus, die vielleicht größter ist als der Künstler selbst, die aber genau die Faszination des Sängers ausmacht. Ein Mix aus Nähe und Distanziertheit. Gepaart mit ganz viel Erotik. Freddie Mercury wäre stolz gewesen. Und David Bowie und Prince waren es bestimmt auch.

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Adam_Lambert@tipp3_WOS_3 n (c)Hannes Ehn_Walk Of Stars

Setlist:

Evil In The Night
For Your Entertainment
Ghost Town
Welcome to the Show
Runnin’ / Chokehold / Sleepwalker
Underground
Rumors
Lucy
After Hours
Mad World (Tears for Fears Cover)
Whataya Want From Me
Another Lonely Night
The Light / The Original High / Never Close Our Eyes
Shady / Fever
If I Had You

Zugaben:
Trespassing
Another One Bites the Dust (Queen Cover)

 

Fotos: (c) Hannes Ehn, privat, Dancebandada, @shitmonsterssay on Instagram, markmeets.com

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



6 Responses to Adam Lambert live in Wien: Wiederbelebung des Pop

  1. Ovation Impact says:

    Thanks for your review, you were on point with your review of Adam Lambert… however I wouldn’t call him a Diva for being late to start (the internet translator may have not have gotten it correct). As a fan of Mr. Lambert for 7+ years and attended many of his concerts never have I found him to be a Diva just delayed due to all of the M&Greets his adoring fans request. I guess if he were to do a paper cut out as some other famous pop-stars do, he could get on stage faster. I have found that his TOH concerts have started on time or within 15 mins of published time.
    Thanks again for a wonderful write up.

  2. Adamrocks says:

    Eine sehr differenzierte und umfassende Kritik – vielen Dank! Ich hab den Link gerade mal getwittert. Als Beispiel für eine gut gemachte Kritik – im Gegensatz zu Ihren Berufskollegen von WEGoTIT …

  3. Nicole says:

    Vielen Dank für diese wundervollen Worte.
    Endlich mal ein Journalist der sich nicht auf seine eigene Meinung versteift, sondern die gesamte Atmosphäre und Emotionen des Publikums mit aufnimmt.
    Einer der besten & positivsten Artikel über Adam die ich gelesen habe.
    Bravo :)

    Nicole W.

  4. Pingback: TOH Tour: Wien • AdamNews

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