Music Adam-Lambert

Published on Juni 29th, 2015 | by Manuel Simbürger

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“The Original High”: Die Lady Gaga-Falle

„I’m sick and tired of living in your shadows“ singt Adam Lambert, die derzeit vielleicht interessanteste Figur im Popzirkus, auf seinem neuen Album „The Original High“. Wen er damit meint, ist nicht ganz klar. Die Kultband Queen, mit der er als Freddy Mercury-Nachfolger die letzten Monate durch die Welt getourt ist und für ausverkaufte Hallen gesorgt hat? Sein Glam Rock-Image, von dem Lambert nicht so ganz weiß, ob er darin aufgehen oder es doch lieber in die hinterste Ecke seines Künstler-Herzens verbannen soll? Seine Sexualität, mit der spielt und sie dann doch auch abtut als „nur eine seiner vielen Persönlichkeits-Facetten“? Oder sein Castingshow-Image, das ihm bis heute anhaftet, obwohl Lambert seit seinem (Beinahe-) Siegeszug bei „American Idol“ 2009 immer und immer und immer wieder bewiesen hat, dass er so viel mehr ist als ein weiterer gesichts- und farbloser Castingmutant?

Irgendwie will Adam Lambert  auf “The Original High” all das zurücklassen, scheint aber gleichzeitig auch Angst vor dem Loslassen zu haben und den nächsten Schritt zu tun. „I tried to believe in God and James Deen but Hollywood sold out“ singt Lambert bedeutungsschwanger  im Album-Opener „Ghost Town“, außerdem: „I died last night in my dream“. Das klingt unsicher. Zugleich aber auch: selbstreflektiert, düster, gar bisserl depressiv. Und weil wir hier ja von Kunst sprechen, lässt sich an dieser Stelle erahnen: „The Original High“, das ist ein ganz besonderes Album. Vor allem: Ein ganz besonderes Adam Lambert-Album.

… oder?

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Die Krux mit dem Synthpop

Lambert selbst nennt, wie es Künstler gerne bei Veröffentlichung ihrer neuesten Scheibe machen, das neue Album als sein „bestes“ und sein „persönlichstes“. Überraschend düster und „dark“ und all die coolen Dinge, die man an KünstlerInnen eben so mag, sei es geworden, betonte Lambert im Vorfeld gerne, aber trotzdem, bevor alle „Lamberts“ (so nennen sich seine treuen Fans nämlich) noch in Schreckstarre verfallen, wäre er seinem Stil treu geblieben. Klar: „The Original High“ ist eben durch und durch er selbst. Sagt er zumindest.

Während das bei vielen KünstlerInnen (aktuelles Beispiel: Sarah Connor und ihr Comeback-Album „Muttersprache“ oder anno dazumal Christina Aguileras „Stripped“) bedeutet, dass man sich auf viele Balladen, viel Herzschmerz und wenig Partystimmung freuen darf, schlägt Lambert genau die andere Richtung ein und scheint damit unterstreichen zu wollen, dass er zwar erwachsen (und viel, viel sexier) geworden, aber trotzdem immer noch jenes Glam-Kohlkelchen ist, das seine Zielgruppe kennt und ihr auch genau das liefert, was sie von ihm erwartet: Feinster Electro-Dance-House-Pop, der Clubs zum Beben und Beine zum Tanzen bringt. Welcher das Blut genug in Wallung geraten lässt, um den Mut aufzubringen, den süßen Typen an der Bar anzusprechen. Welcher einem ein Gefühl der Unbeschwertheit schenkt, wenn er einem bei voller Lautstärke und offenem Fenster beim Autofahren um die Ohren knallt. Das ist schon nett, durchaus.

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Ein Electro-Dance-House-Pop, der allerdings auch erschreckend oberflächlich und vor allem mutlos bleibt: Innovativ ist „The Original High“ nämlich leider nur in versteckten Ansätzen (zum Beispiel dann, wenn immer wieder ein bisserl Funk durch die Musikzeilen blitzt) . Zwar überzeugt die erste Single „Ghost Town“ noch mit einer faszinierenden Mischung aus Ballade und psychodelischen Beats, spätestens ab der Hälfte der insgesamt 14 Songs (wenn man sich die Special Edition geleistet hat) wird einem aber augenrollend und enttäuscht aufseufzend bewusst: Das alles hatten wir schon mal. Und liest man die Credits im Booklet, wird auch schnell klar, warum das so ist: Lambert holte sich für die Scheibe die Produzenten Max Martin und Shellback ins Boot. Beide schneiderten bereits Popgrößen wie Katy Perry, Britney Spears, Avril Lavigne, Taylor Swift, Christina Aguilera und Maroon 5 (mehr oder wenige große) Hits auf den Leib.

Also alles gut? Wie man’s nimmt: Der Martin- und Shellback-Sound geht zwar ins Ohr, ist aber Einheitsbrei, dem es an Individualität und Originalität fehlt. Nicht, dass das zwingend etwas Schlechtes ist: Dass Lambert nach dem fulminanten Queen-Erfolg nicht auf der sichereren Rock-Schiene gefahren ist, darf man ihm als mutige (manche sagen auch unvernünftige) Entscheidung anrechnen. Dass er letztlich aber doch auf den Mainstream-Zug aufspringt und mit leichten Abweichungen genau das abliefert, was man im Grunde schon von KollegInnen wie Spears, Gaga oder den Pet Shop Boys kennt, ist dann doch ein bisserl enttäuschend. Verständlich vielleicht, okay, aber nichts desto trotz enttäuschend.

Die Suche nach den Perlen

Zugegeben: „The Original High“ wird besser, je öfter man sich das Album anhört. Sprudeln einem das erste, zweite, vielleicht sogar noch dritte Mal vor allem hämmernde Beats, dramatische Gitarren-Riffs und Disco-Rhythmen entgegen, die irgendwie alle gleich klingen (was bei einem 14-Tracks-starken Album nicht unbedingt von Vorteil ist), bilden sich nach und nach kleine und große Glanzlichter heraus, die zum Immer-Wieder-Hören einladen und erahnen lassen, welches Potenzial in Lambert tatsächlich steckt: „Underground“ ist eine raue R&B-Perle, „There I said it“ überzeugt und berührt auf ganzer Linie als eine der sehr wenigen Balladen am Album, „Evil in the night“ erinnert in seiner Campy-ness an Lamberts frühere Werke, „Another lonely night“ greift den starken Beat von „Ghost Town“ erneut auf und „Those Boys“ ist eine Nummer, die erst gar nicht verbirgt, dass sie nichts anderes sein möchte als Gute-Laune-Bubblegum-Pop. Lambert hat also durchaus Gespür für Hits und gute Songs.

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Und trotzdem bekommt man als Hörer das Gefühl nicht los, dass sich Lambert auf „The Original High“ weit unter seinem Potenzial verkauft. Stimmlich zu den absolut besten Sängern der gegenwärtigen Popkultur gehörend, kann Lambert am Album dank House-Dominanz nicht zeigen, zu welchen auditiven Orgasmen er mit seiner Stimme eigentlich fähig ist. Wer ihn im Zuge der Queen-Tour live erleben und Zeuge sein durfte, wie Lambert Hits wie „Killer Queen“ oder die Gänsehaut-Ballade „Save me“ nicht einfach nur trällert, sondern sich dabei zum absoluten Superstar erhebt, der sogar Mercury – zumindest gesanglich – in die Schranken weist, der weiß, dass „The Original High“ bei weitem nicht das ans Tageslicht fördert, wozu Adam Lambert, der ehemalige Musical-Darsteller, eigentlich wirklich im Stande ist. Auch bei den Lyrics zeigt sich Lambert am Album zwar spielerisch („I’m a grown-ass man“) und durchaus ehrlich, aber nicht von der erhofften „dunklen, selbstreflektierten“ Seite, wie im Vorfeld so stolz angekündigt.

Wenn die Persona größer ist als das Werk selbst

Am Ende scheitert „The Original High“ weniger an den Songs selbst, sondern an der übergroßen Persona Lambert: Wie auch bei Lady Gaga oder zum geringeren Teil bei Christina Aguilera und Mariah Carey ist der Hype (und die Erwartung) um die Person, die Künstler-Persona, größer als das Endprodukt selbst. Nach wie vor fasziniert Lambert mit seiner außergewöhnlichen Stimme, seinem Charme, seiner offenen Homosexualität und auch mit seinem neuen, erwachseneren, männlicheren Style. Ähnlich wie Freddie Mercury vor Jahrzehnten gehört Adam Lambert zu den schillernsten, talentiertesten, beeindruckendsten KünstlerInnen der Gegenwart.

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Vielleicht will er aber genau das nicht. Vielleicht will er, nach Monaten des Mercury-Vergleichs, gar nicht dessen Nachfolger werden – so, wie wir es alle bewusst oder unbewusst im Hinterkopf hatten. Vielleicht meint Lambert ja tatsächlich Mercury, wenn er vom ewigen Schatten singt, aus dem er heraustreten möchte. Vielleicht fehlen „The Original High“ deshalb die extravaganten Höhepunkte, vielleicht verzichtet das Album deshalb auf Glam-Spektakel und gibt sich mit (massenkompatibler) Bescheidenheit zufrieden. Weil Lambert eben nicht Mercury sein will und dafür sogar auf die künstlerische Bremse steigt. Dann wäre „The Original High“ doch mutiger, als es auf den ersten Blick zu sein scheint. Schade, dass sich Mut nicht immer auszahlt.

Fotos: NOTION

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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