Music (r) Revolverheld / mitfahrgelegenheit.de

Published on August 10th, 2014 | by Manuel Simbürger

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Mikrokosmos Auto: Wenn der Autositz zum Schauplatz wird

Revolverheld werden von Tag zu Tag cooler. Von Minute zu Minute. Die Jungs aus Bremen sind einfach die derzeit coolsten Säue der deutschen Musikindustrie und ziehen ihr Ding durch, irgendwo zwischen Kommerz und Songwriter-Kunst, zwischen Performer und Artists (diesen Unterschied hab ich gestern bei “Nashville” gelernt), zwischen Boyband und erwachsenen Künstlern. Nicht nur, dass sie vor einigen Wochen das Donauinselfest so richtig rockten, mir davor ein sehr sympathisches lässig-ehrliches Interview gaben, das romantischste Musikvideo dieses Jahres (nein: EVER!) ablieferten und auch im aktuellen Video zeigen, welche harten Bühnensäue sie sind, nein, sie haben jetzt noch eins draufgesetzt beim Coolness-Cute-Faktor und das kleinste Autokonzert der Welt abgeliefert. Sagt zumindest mitfahrgelegenheit.de, die das alles gesponstert haben und für die das natürlich supertolle Werbung ist (Kompliment an den Marketing-Fuzzi dort!). Ich wusste zwar nicht, dass es zuvor schon Autokonzerte gab, aber egal, Johannes und Kristoffer haben offiziell das kleinste abgeliefert. Das hinterfragen wir mal nicht weiter.

Intim war die ganze Aktion auf jeden Fall, interaktiv auch noch, weil die Mitfahrerinnen, die vom Einsteigen ins Auto bis zum Aussteigen in jeder Sekunde Herzerl in den Augen hatten und auch kräftig mitsangen, die vorgetragenen Songs aus einem Marmeladeglas ziehen durften.  Johannes und Kristoffer nutzten die Gunst der Stunde, um sich einmal mehr als Musiker zum Anfassen zu präsentieren, als die Jungs von nebenan, die man einfach mögen muss (was sie natürlich auch sind, eh klar!) Sie tratschten mit den Mädels ungezwungen, gaben sich bei dem einen oder anderen Song nervös (der dann natürlich ganz perfekt vorgetragen wurde) und kleideten ihre Hits in ein allseits beliebtes a-capella-Gewand, was einem sowieso immer, aber wirklich immer, dabei hilft, das Talentierte-Künstler-Image zu unterstreichen (was Revolverheld natürlich auch sind, eh klar!).

Klaustrophobie des Automobils

Johannes und Kristoffer sind natürlich nicht die ersten, die sich die intime und durchaus klaustrophobische Atmosphäre des Auto-Innenraums zu Nutze machten. So zum Beispiel lebt die mit dem Adolf-Grimme-Preis deutsch-französische Interview-Porträt-Reihe “Durch die Nacht mit…” (ARTE) stark von jenen Szenen, die sich vollends auf den Rücksitzen des Autos, das sich durch die jeweilige nächtliche Großstadt kämpft, abspielen. Hier erlebt man die Promis ungeschminkt, hautnah, ist mit ihnen quasi zusammen auf engstem Raum eingesperrt. Können sie sich im Rest der Sendung bis zu einem gewissen Grad aus dem Weg gehen oder sich zumindest mithilfe der Umgebung ablenken, so sind die Protagonisten der Episode in diesen Momenten gezwungen, sich nicht nur miteinander, sondern auch mit ihren Gefühlen, ihren unmittelbar ausgedrückten Emotionen auseinanderzusetzen – und das alles vor dem unverzeihenden Blick der Kamera, die in Close Up-Einstellung auf die Protagonisten draufhält, in diesen so persönlichen Momenten auf dem Rücksitz des Autos (und wir alle wissen, was dort alles geschehen kann!). Promis, unverfälscht, ungeschminkt, unplugged – nirgends gelingt dies so gut wie in der Enge eines Autos. Weil dort kann niemand aus.

Politik-Wahlfahrt

Genau das machte sich auch Journalist Hanno Settele zu Nutze, der 2012 in der innovativen ORF-Politik-Sendung “ORF Wahlfahrt” österreichische Spitzenpolitiker einen Tag lang von Termin zu Termin kutschierte und Ihnen während der oft stundenlangen Autofahrt humorvolle, kritische, vor allem aber persönliche Fragen stellte. Die Idee dahinter: 24 Stunden lang kann sich auch der abgebrüteste Politiker nicht verstellen – und schon gar nicht im Mikrokosmos Auto, der ansonsten ja gern dazu benutzt wird, lauthals falsch bei dem Lieblingssong mitzugrölen, seinen Tränen freien Lauf zu lassen oder in der Nase zu bohren. Natürlich bewirkte auch das Auto nicht, dass die Spitzenpolitiker sich plötzlich alles frei von der Leben redeten – kleine Gesten aber, wie zum Beispiel das nervöse Herumfuchteln, wie es nur die nervigsten Beifahrer können, verraten schlussendlich mehr als die mit Feuereifer vorgetragene, aber eigentlich doch nur einstudierte Wahlrede. Und auch, wenn Politiker sich dem Konzept des Auto-Interviews vollkommen verweigerten, wie FPÖ-Cheffe H.C. Strache, der auch während einer Sieben-Stunden-Autofahrt nicht die Politiker-Maske ablegte, geht die Idee der Sendung doch durch und durch auf: Was sagt es über einen Menschen aus, wenn er keinen Moment lang die Kameras um einen vergessen kann, nicht in der kleinsten Sekunde, nicht mal während einer zweisamen Autofahrt, den Menschen hinter dem verbissenen Nationalstolz-Kämpfer zeigen kann?

(c) orf-roman-zach-kiesling

(c) orf-roman-zach-kiesling

Wenn das Auto zur (Hollywood-)Fiktion wird

Auch Hollywood hat schon längst die Vorteile des Mikrokosmos Auto erkannt und welche tollen Storys sich hier, im wahrsten Sinne des Wortes kleinen Rahmen, erzählen lassen. Das französisch-kanadische Drama “Cosmopolis” von David Cronenberg zum Beispiel spielt zu großen Teilen im Inneren der Luxuslimousine des Protagonisten Eric Packer – der nur leider von Robert Pattinson gespielt wird, was den Film auf gänzlich andere Weise zum Drama macht. Aktuell muss Tom Hardy in “No turning back” 85 Minuten lang erkennen, wie sein Leben aus den Fugen gerät – und dabei auch noch sicher von Birningham nach London kommen. Der Handlung ist ausschließlich (!) im Inneren des Autos der Hauptfigur Ivan Locke angesiedelt, mit den anderen Protagonisten, die nur akustisch in Erscheinung treten, kommuniziert Locke via Freisprechanlage (denn, bitteschön: Kein Handy am Steuer!). Experten sprechen bereits von Oscar-Nominierungen für Film und Hardy. Und auch die Kult-Comedy “How I Met Your Mother” ist ein derart großer Fan von Auto- bzw. Road Trip-Geschichten, dass diesen nicht nur eine gesamte Episode während des zweiten Serienjahres gewidmet wurde , sondern die Interaktion zwischen Ted und Marshall in Marshalls altem Fiero, wenn die College-Buddys glücklich und optimistisch den Road Trip-Song “500 Miles” vor sich hin schmettern, zu einem der beliebtesten Running Gags der Serie wurde.

Mir selbst gehen Autos ja ziemlich am A**** vorbei. Aber unter diesen Gesichstpunkten könnte sogar ich noch Auto-Fan werden. Denn, wie immer im Leben halt, kommt es auf die erzählende Geschichte an.

 

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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