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Published on Juli 24th, 2015 | by Manuel Simbürger

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„Magic Mike“: Von Hollywoods Gayze bis zu Stromo

Heute startete endlich „Magic Mike XXL“ in den österreichischen Kinos, immerhin feuchter Traum in Leinwandgröße und eigentlich sowas wie „Showgirls“ des neuen Jahrtausends, nur halt mit Schwänzen statt Titten, mit Sixpacks statt wohlgeformten Hüften, dafür aber mit, das darf man schon sagen, ähnlicher dünner Story und schwachen Dialogen. Aber jo mei, auch Pornos schauen wir uns schließlich nicht an, weil wir das Drehbuch toll finden. Also alles schon okay und legitim und so.

Der Vergleich mit „Showgirls“ zeigt aber auch, wie sehr sich die Zeit und die Gesellschaft im Zeitraum von Ausziehen-von-Elisabeth-Berkely zu Ausziehen-von-Channing-Tatum geändert haben. Damals, im vergangenen Jahrhundert, da zielte man noch auf ein notstandiges, heterosexuelles männliches Publikum ab. Heute will man die notstandigen, heterosexuellen weiblichen Kinogeher erreichen – und das notstandige, schwule Publikum. Das Objekt des Begehrens, der erotisierende Blick ist nicht mehr auf die Frau, sondern auf den Mann gerichtet. Männer werden zu Sexobjekten gemacht, die der Lust des weiblichen Individuums schamlos unterworfen werden. Und alle sind happy dabei.

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(c) Warner Bros Pictures

Das ist vielleicht nichts gänzlich Neues, vollzieht sich dieser Trend besonders im TV doch schon seit einigen Jahren – genau genommen seit dem Zeitpunkt, als Hollywood die weibliche Heldin entdeckte: Nun ist es die Frau, die dem knackigen Gärtner lüsterne Blicke zuwirft („Desperate Housewives“), der weibliche Macho, der sich nimmt, was er will („Sex and the City“), der unschuldig-naive und stets halbnackte Weltverbesserer, der von der Femme Fatale übers Ohr gehauen wird („Revenge“), der immer potente Jungarzt, der im Bereitschaftsraum vernascht wird („Grey’s Anatomy“) oder – okay, das liegt schon länger zurück – der halbnackte Held, der aus den Fängen des Bösen von der starken Heldin gerettet wird („Buffy“). Man hat entdeckt, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer sexy Körper haben und dass sie sich wohl fühlen, eben diesen dem abtasteten und detailgetreuen Blick der Kamera auszusetzen.

Das bringt natürlich so einige Veränderungen mit sich – nicht nur im handwerklichen Bereich (Storytelling, etc.), sondern auch im gesellschaftlichen und marketingtechnischen Kontext. Sieht man nämlich genauer hin (und das machen wir bei diesem Thema doch gerne), merkt man schnell, dass es bei der Stripper-Gschicht um den Magischen Michl bzw. den Kult um diesen Soft Porno-Streifen um so viel mehr geht als bloß um nackte Haut und das Erfüllen von Fantasien. Und gleichzeitig geht es um genau das. Sexualität ist niemals privat, sondern immer politisch, hieß es in den 1970er-Jahren im Rahmen der Gay Rights-Movement. Und selten stimmte dies so sehr wie heute, „Magic Mike“ sei Dank.

Hollywoods Gay Gaze (aka Gayze)

Als erstes wäre hier mal das Offensichtliche zu nennen: Nicht nur Frauen, sondern auch die Gay Community wird immer mehr als kaufkräftige Popkultur-Gruppe wahrgenommen, die Trends mitbestimmen und die Popularität eines Künstlers in ungeahnte Höhen heben können. Das wissen wir bereits seit ABBA, Madonna und Lady Gaga. Selten aber – oder eigentlich noch nie zuvor – haben sich heterosexuelle (männliche!) Künstler so sehr um die Gunst ihrer schwulen Fans bemüht wie aktuell. Adam Levine inszeniert sich immer mehr als David Beckham des Pop. Nick Jonas lässt sich für die schwule Fanbase halbnackt ablichten, spielt eine schwule TV-Rolle und liefert auf der Bühne von Gay-Clubs in Ketten gelegt eine heiße Performance ab. Zac Efron besitzt keine T-Shirts mehr und genießt die Bromance mit Seth Rogan. Tom Hardy gibt offen zu, auch bereits mit Männern sexuell zugange gewesen zu sein. Daniel Radcliffe und James Franco nehmen nur noch schwule Rollen an. Und Channing Tatum? Ja, der tanzt ausgelassen auf der Los Angeles-Pride, gemeinsam mit seinem offen schwulen Kollegen (und Stripper-Buddy) Matt Bomer und inmitten seiner vor Begeisterung in Ohnmacht fallenden schwulen Fanbase. Tatum ziert, dank „Magic Mike“, diverse Cover von Gay-Magazinen und spricht stolz davon, sich in den strahlend blauen Augen von Bomer zu verlieren.

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(c) Entertainmend Weekly

Während früher die meisten veritablen Hollywood-Stars nicht mal entfernt mit Homo-Kultur in Verbindung gebracht werden wollten und sich schon gar nicht für schwule Fans in aufreizende Posen geworfen hätten, gilt das heute also geradezu als Selbstverständlichkeit. Und weil wir Menschen es lieben, für jede Veränderung, jeden Trend einen coolen, neuen Namen zu erfinden, hat die Branchenfibel „The Hollywood Reporter“ dieser Gay-Annäherung so vieler Hollywoodstars die Bezeichnung „stromo“ verpasst: eine Zusammensetzung aus „straight“ und „homo“, so wie „Brangelina“ oder „Benniffer“. Klar, dahinter steckt Marketing pur, ohne „Magic Mike XXL“ hätte es die heißen Moves von Tatum auf der Pride wohl eher nicht gegeben. Und natürlich wird bei heterosexuellen Schauspielern immer noch von „kreativem Mut“ gesprochen, wenn sie eine schwule Figur in einem Film mimen (Oscar-Alert!!). Und trotzdem: Dieses bewusste Umgarnen der schwulen Community ist neu und spiegelt die Veränderungen wieder, die sich in unserer Gesellschaft in den letzten Jahren vollzogen haben.

Sexuelle Grenzen verschwimmen

Denn Tatum, Jonas, Efron und Co. (ganz zu schweigen von James Franco und Daniel Radcliffe!) genießen es, ähnlich wie Beckham (sowas wie der Stromo-Vorreiter) als Schwulenikone zu gelten. Längst ist dieses Privileg nämlich nicht nur starken Frauen wie Lady Gaga, Madonna oder Marlene Dietrich vorenthalten. Die männlichen Stars unterstreichen damit ihre Toleranz und ihre Weltoffenheit, was natürlich fürs Image gut ist. Sie haben kein Problem damit, dass durch diese Promo-Aktionen ihre eigene Sexualität in Frage gestellt wird. „Du hast es erst zu etwas geschafft, wenn es über dich Schwulen-Gerüchte gibt“, bringt es Hollywood-Star Jeremy Renner auf den Punkt, welche Ehre es für Künstler heute ist, mit der Gay-Community in Verbindung gebracht zu werden.

(c) Warner Bros Pictures

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Homophobie ist out, das Spielen mit sexuellen Labels oder vielmehr das Abstreifen eben dieser gilt als mondän, als hip, als modern, als schick. Wenn Homophobie also als „uncool“ angesehen wird, so argumentiert beispielsweise der berühmte Journalist Mark Simpson (Erfinder von „Metrosexual“ und „Sporno“), dann wird auch die Angst vor der schwulen Kultur „uncool“. Immer mehr junge Männer entdecken Bisexualität als eine neue Form des Begehrens – und sei es nur, weil es eben gerade trendy ist, dem besten Kumpel die Zunge in den Rachen zu stecken. Trends der Gay Community (zum Beispiel Vollbärte oder das Entdecken der Prostata-Stimulierung) wird von der Mainstream-Kultur begeistert aufgenommen, auch der Kult des Begehrens des (eigenen) männlichen Körpers ist bei weitem kein Randgesellschaft-Phänomen mehr. Die Grenzen der Sexualität verschwimmen immer stärker – nicht nur im Schlafzimmer, sondern auch in der (Pop-)Kultur. Was zu kreativen Höhenflügen inspiriert (oder zumindest zu über-sexy-Streifen wie „Magic Mike“).

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Womit wir auch schon beim nächsten gesellschaftlichen Wandel wären, der von „Magic Mike“ (Teil 1) wesentlich beeinflusst wurde. Denn durch den „schwulen Blick“, der immer mehr Einzug in die Hetero-Gesellschaft gefunden hat, hat sich auch verändert, wie Männer sich definieren, wie sie selbst den Blick auf sich und andere Männer richten. Das behauptet zumindest Simpson im Interview mit „The Hollywood Reporter“. Und klingt ganz vernünftig, was er sagt. Simpson argumentiert nämlich, dass es bei all den gesellschaftlichen Trends wie „Metrosexual“, „Sporno“ oder „Lumbersexual“ weniger um das Styling des Mannes geht (Nagellack! Flip Flops! Nackter Muskel-Oberkörper!), sondern vielmehr um das männliche Begehren, begehrt zu werden. Man kann es sowas wie den „männlichen Feminismus“ nennen: Wenn Frauen so sein wollen wie Männer, dann dürfen wir auch zeigen, dass wir das können, was die Frauen können! Nämlich durch und durch sexy zu sein.

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(c) Warner Bros Pictures

Wirklich interessant dabei ist aber, so Simpson weiter, dass Männer hierbei darauf achten, von beiden Geschlechtern begehrt zu werden – auch, wenn sie eigentlich gar nicht daran interessiert sind, tatsächlich einen Schwanz zu lutschen. Dass Frauen sie begehren, wissen sie bereits und liegt, im weitesten Sinn, auch in der Natur der Sache – aber schafft man es auch, von anderen Männern begehrt, beneidet zu werden? Den Schwanzvergleich gibt’s schon seit jeher, jetzt wird der männliche Wettkampf um eine Ebene angehoben: Gib’s zu, du würdest mit mir ins Bett wollen, bei diesem geilen Körper! Männer wissen, dass kein Blick strafender, penetrierender ist als der Blick eines Mannes – besonders, wenn dieser auf einen anderen Mann gerichtet ist. In Zeiten von Freud war noch der Penis das Phallus-Symbol, das Symbol der Sexualität schlechthin. Heute ist der Mann als Ganzes ein Phallus. „Male self-objectification is very much the name of today’s game“, nennt das Simpson treffend.

Das hat natürlich wiederum auch Auswirkungen auf Tatum und Co: Wenn das männliche Publikum, oder eher: die Boyfriends ihrer weiblichen Fans, immer sexier, immer gayer, immer selbstbewusster werden – was müssen sie dann tun, um sich am Star-Podest halten, sich im Scheinwerferlicht behaupten zu können? Klar: Härtere Work-Outs, geilere Moves. Es geht um’s Übertrumpfen, um das Beweisen, dass sie zurecht „Stars“ sind: Unsere Fans oder zumindest das männliche Publikum wird immer „schwuler“? Kein Problem – wir sind noch schwuler! Sprach’s und singt in Ketten gelegt in den angesagtesten Gay Clubs.

Kein Karriereknick mehr

Zu guter Letzt hat die „Stromo“-Bewegung auch Positives in Hollywood selbst bewirkt – abgesehen von klingelnden Kassen: Galt es lange Zeit als sicheres Karriereende, sich als Schauspieler zu outen, beweisen heute Stars wie Matt Bomer, Zachary Quinto, Neil Patrick Harris oder Jim Parsons, dass die eigene Homosexualität nicht nur die Karriere NICHT schädigt, sondern sie auch noch beflügelt. Wenn man sich g’scheit anstellt.

Möchtegern-Star Rupert Everett sorgte 2009 für Schlagzeilen, als er in einem Interview mit „The Guardian“ die Homophobie in Hollywood anprangerte und seine Karriereflaute seinem öffentlichen Coming-Out ankreidete. „Als offen schwuler Schauspieler bekommst du in Hollywood keine Hauptrollen, während Hetero-Schauspieler die schwulen Rollen bekommen und dafür auch noch mit Anerkennung überschüttet werden“, so Everett sinngemäß im damaligen Interview. Sicher, so Unrecht hat der Gute nicht (abgesehen davon, dass Talent und Everett einfach nicht Hand in Hand gehen). Aber Bomer, Harris und Co. haben eine neue Ära eingeleitet und ein Umdenken in Hollywood bewirkt.

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(c) Warner Bros Pictures

Das Outing von Bomer, Quinto, Harris und Parsons geschah betont unspektakulär, beinahe nebenher – und war gerade deshalb umso effektiver. Wie selbstverständlich (klar, weil es das auch ist!) erzählen Bomer und Harris in Interviews von ihren Kindern, ihrem geliebten Ehepartner und dass der Alltag als Daddy halt schon ganz schön stressig sein kann. Sie bestreiten, neben all den Hetero-Glamour-Pärchens Hollywoods, den Red Carpet mit ihrem Lebenspartner und zeigen so einmal mehr, dass Homosexualität zu einer weiteren gesellschaftlichen Norm, zu einer weiteren Farbe im gesellschaftlichen (Sexualitäts-)Regenbogen geworden ist.

Vor allem aber haben sie ihrem Karriereknick entgegengewirkt, indem sie den Spieß einfach umdrehten: Bomer und Co. gaben von Beginn an beinahe ausschließlich heterosexuelle Rollen – im Fall von Harris in „How I met your mother“ sogar so überzeugend, dass er zum Vorbild aller Männer im Dating-Dschungel wurde. Quinto begeisterte mit seiner intensiven Darstellung von Psychopathen in „American Horror Story“ und als emotionsloser Vulkanier in „Star Trek“, Parsons Sheldon Cooper („The Big Bang Theory“) wurde zur Kultfigur und Bomer als smarter Ex-Betrüger und Frauenheld in „White Collar“ spielte sich in die Herzen des (weiblichen) Publikums und konnte dafür auch bereits einen „People’s Choice Award“ abräumen. „Der spielt aber überzeugend einen Hetero, obwohl er schwul ist!“, hieß es jetzt plötzlich voller Anerkennung – eine Anerkennung, die bisher nur heterosexuellen Schauspielern für schwule Rollen vorenthalten war. Und die Karriere der Jungs geht weiterhin bergauf – weil ihnen der schmale Grat gelungen ist, ihre Homosexualität nicht zu verleugnen, sie zum Thema zu machen, ohne sie dabei aber in den Mittelpunkt zu stellen. Dabei stellen sie klar unter Beweis, dass die eigene Sexualität nichts mit dem schauspielerischen Können zu tun hat – oder eben doch, schließlich solle man hier als Zuschauer ruhig ein bisserl zum Nachdenken angeregt werden.

Get rid of the labels, get rid of the shame!

Dass „Magic Mike“ also durchaus für gesellschaftlichen Wandel und nicht nur für feuchte Träume sorgt, das beweist auch ein aktuelles Interview, das Matt Bomer im Rahmen der Promotour für den Film mit einer (sehr nervigen) Journalistin führte. Als die nämlich fragte, ob die Gay Community als Fanbase schwieriger zufriedenzustellen sei als die weiblichen Fans, bewahrte Bomer zwar Contenance, stellte aber mit klaren Worten fest, was Sache ist: „Ich weiß nicht“, meinte der Blau-Äugige und kann sich ein Augenrollen gerade noch verkneifen. „Warum sollte ich eine gesamte Community in eine einfache Ja- oder Nein-Antwort herunterbrechen?! Wie würden Sie sich fühlen, wenn ich Sie fragen würde, ob Frauen leicht zufriedenzustellen sind?“ Punkt.

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(c) Warner Bros Pictures

Und dann erklärte Matt, worum es in „Magic Mike“ wirklich geht: „Was einem der Film lehrt ist, dass jeder Mensch unterschiedlich ist.“ Seufz. „Es dreht sich alles um Kommunikation zwischen den Individuen, wir müssen miteinander reden. Get rid of the labels, get rid of the shame, get rid of the stigmas and just be your most authentic self.”

Danke. Ich wusste doch immer, dass hinter Nacktheit mehr steckt als eine Textilallergie.

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Titelbild: (c) Facebook

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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