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Published on Februar 4th, 2015 | by Manuel Simbürger

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Die Zukunft ist gezeichnet

Ein Ende ist nicht immer ein Ende. Setzte man früher vor allem auf Fortsetzungen von TV-Serien im Kino, gehört es heutzutage zum guten Ton, die Abenteuer unserer Helden in Form von Graphic Novels wieder auferstehen zu lassen.

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Es gab eine Zeit, da war die Welt noch simpel und einfach (behaupte ich jetzt einfach mal). Heutzutage aber ist das Leben derart komplex und inter, trans und meta geworden, dass wir nicht mal mehr sagen können, wann eine TV-Serie wirklich zu Ende ist. Wann ein Ende wirklich das Ende bedeutet. Denn spätestens seit der grandiosen Auferstehung von „The Comeback“, dessen zweite Staffel sieben Jahre nach der ersten ausgestrahlt wurde, wissen wir: Nur, weil eine Serie vom Bildschirm verschwindet, heißt das noch lange nicht, dass dieses Universum für immer geschlossen ist. Da gibt’s zum Beispiel Reunion-TV-Filme, hat’s immer schon gegeben, dürfen aber in den meisten Fällen getrost stiefmütterlich behandelt werden. Dann gibt’s manchmal auch Kinofilme, die das Leben unserer Helden auf der großen Leinwand weitererzählen – man denke nur an „The X-Files“ oder „Veronica Mars“. Oder zukünftig und hoffentlich bald auch „Entourage“. Und dann gibt’s seit geraumer Zeit eine dritte Form, TV-Serien vor dem endgültigen Tod zu bewahren und sie für weitere, im Idealfall ganz viele Jahre, Teil der Popkultur werden zu lassen: Die Fortsetzungen in Comic-Form.

Keine Grenzen

Mittlerweile gehört es zum guten Ton, nach Ende der TV-Ausstrahlungen in Form von Graphic Novels die Abenteuer der Helden weiterzuführen. Und hier sind nicht all die gut gemeinten, aber am Ende meist doch nur belanglosen Add-On-Comics gemeint, die bereits während der Zeit, als die Serie noch on air war, auf den Markt geworfen wurden und mit denen nicht nur die Marketingmaschine am Laufen gehalten wurde, sondern, das muss man schon sagen, auch die Möglichkeit gaben, Geschichten zu erzählen, die abseits der TV-Abenteuer passieren, sich in den jeweiligen Serienkosmos aber trotzdem problemlos einfügen.

Offizielle Serien-Fortführungen als Graphic Novels zeichnen sich dadurch aus, dass in den meisten Fällen ehemalige Autoren der Serie mit an Bord sind, die den Geschichten den vertrauten Touch und den Charakteren die richtige Stimmen geben. Zudem werden die Veröffentlichungen tatsächlich nach einem Schema veröffentlicht, welches jener einer TV-Staffel ähnelt: Eine Staffel umfasst hier zwischen 20 – 40 (!) Einzelhefte, die Plot-technisch miteinander verwoben sind und ebenfalls, wie eine TV-Staffel, einen erzählerischen Anfang, Mittelteil und Schluss (nicht selten mit Cliffhanger) aufweisen. Danach gibt’s bisserl eine Pause, bevor die nächste Staffel startet. Startet eine „offizielle Comic-Fortführung“, schließt der Plot logischerweise dort an, wo die letzte TV-Folge endete.

Der Vorteil gegenüber dem TV ist klar: Budget-Grenzen sind hier bei der Erzählweise nicht vorhanden, auch auf die Verfügbarkeit (und den guten Willen) der Stars muss nicht Rücksicht genommen werden – was auch die Möglichkeit bietet, viele alte Charaktere wieder zurückzuholen. Und schon gar nicht auf TV-Sender, die den Serienschöpfern immer wieder gern künstlerisch reinreden wollen und somit deren Kreativität Grenzen setzen. So ist es nicht überraschend, dass sich viele „Graphic Novels – Seasons“ mutiger, grenzüberschreitender, frecher und schlicht ausgefallener präsentieren als so manche TV-Episode.

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Firefly

Einer der ersten, der die Vorteile und vor allem das Potenzial von Graphic Novels entdeckte, war, klar, Joss Whedon, Querdenker und Mastermind hinter Genre-Klassikern und TV-Meilensteinen wie „Buffy“ und „Angel“ oder dem Kino-Megaerfolg „The Avengers“. Seine viel zu früh abgesetzte Serie „Firefly“, von der 2003 nicht mal die gesamte erste Staffel ausgestrahlt wurde und dessen Kino-Fortsetzung auch nicht den erhofften Erfolg brachte, wurde erstmals 2005 in Form von Graphic Novels offiziell fortgesetzt. In mehreren Bänden konnte so nicht nur die Geschichte zwischen Serie und Film zu Ende gebracht, sondern auch die mysteriöse Vergangenheit einiger Charaktere beleuchtet werden. Ende letzten Jahres brachte Whedons Bruder Zack, immerhin professioneller Comiczeichner, sogar eine Fortsetzung heraus, die nach den Ereignissen des Kinofilms ansetzt. Klar: Das Genre des Graphic Novels ist für eine Serie, die sich selbst als Sci Fi-Oper bezeichnet, wie geschaffen.

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Buffy & Angel

Whedon, einmal Blut geleckt, gab sich aber nicht mit „Firefly“ zufrieden und veröffentlichte bei Dark Horse kurzerhand die offiziellen Fortsetzungen seiner Kult-Serien „Buffy“ sowie „Angel“. 2007 erschien die achte Staffel der Vampirjägerin und ihrer Freunde – und diese schrieb Comicgeschichte: Bis heute gehört „Buffy“ zu den Bestsellern im Hause Dark Horse, die Fans waren außer sich vor Freude, die Medien lugten interessiert auf dieses Experiment. Sogar die renommierte „New York Times“ ließ es sich nicht nehmen, der Comic-Buffy (und allen voran ihrer lesbischen Liebesnacht mit einem Potential) einen großen Artikel zu widmen. Plötzlich war die ganze Welt von Nerds bevölkert – und war stolz drauf.

Die Autoren der achten „Buffy“-Season (Whedon ist auch hier maßgeblich involviert) lernten aber schnell, dass es auch in der Comic-Welt Verführungen gibt, denen man nicht nachgeben  – und Grenzen, die man einhalten sollte: Als zu abgehoben wurde diese Staffel von Fans kritisiert, der erdige Aspekt, der „Buffy“ bis zur letzten Episode ausmachte, war nicht mehr oder nur in Ansätzen zu erkennen. Plötzlich flog Buffy durchs Weltall, Dawn war ein Riese und die Monster wurden immer… naja…monströser. Das war nicht mehr so ganz die Serie, in die wir uns vor so vielen Jahren verliebten. Also kehrte man mit Staffel 9 wieder zu den Wurzeln zurück, erzählt nun kleinere Geschichten und Buffy darf sich wieder in dunklen Gassen herumtreiben. Und die Fans sind glücklich.

Zusätzlich zur „Buffy“-Staffel gab es Miniserien, die sich rund um Fan-Favourites Willow und Spike drehten und diese Charaktere in den Mittelpunkt stellten. Etwas, das im TV nicht so einfach möglich wäre – genauso, wie es in Comics um einiges leichter fällt, alte Charaktere zurückzuholen (Hello Oz! Hello Drusilla! Hello ….) War die sechste (Comic-) Season von „Angel“ (mit dem Untertitel „After the Fall“ bei IDW veröffentlicht) ein kleines Meisterwerk, jedoch gänzlich von der Mutterserie getrennt, führte man diese in der siebten Staffel wieder zusammen, indem man gleichzeitig mit „Buffy Season 9“ die neue Spin-Off-Reihe „Faith & Angel“ herausbrachte. Angel ist nun in London, Faith auch, auf der Sinnsuche des Lebens sind beide ebenfalls – und wo bei „Buffy Season 8 & 9“ manchmal das Tiefgründige und die Charakterentwicklung fehlt, macht dies die hervorragende Reihe „Angel & Faith“ wieder wett. Übrigens: In dieser Reihe kann Whedon endlich jene Ideen umsetzen, die er ursprünglich für das „Buffy“-TV-Spin Off „Ripper“, rund um Wächter Giles, geplant hatte. So zum Beispiel tauchen Giles‘ jung gebliebene Tanten im Comic auf, die im Spin-Off Hauptrollen übernehmen hätten sollen.

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The X-Files

Aber auch abseits des Whedonverse werden Serien fleißig als Graphic Novels weitererzählt: Nicht entgehen lassen sollte man sich „The X-Files: Season 10“, welche an die Ereignisse des zweiten Kinofilms aus 2008 anknüpft und Dreamteam Mulder & Scully (ja, die beiden sind immer noch ein Paar, was aber erstaunlich gut funktioniert!) wieder zu den X-Akten zurückholt, die wieder eröffnet werden. Mehr soll nicht verraten werden, denn Akte X und Spoiler, das geht einfach nicht zusammen. Nur so viel: Das Autorenteam rund um Serienvater Chris Carter, der hier als Executive Producer fungiert, hat sich wieder auf die ursprüngliche Alien-Invasion konzentriert und diese in die Gegenwart, einer „Post-Wikileaks-Time“, versetzt … Zusätzlich gibt’s Bonus-Ausgaben wie die obligatorische Weihnachtsstory oder, und das ist schon viel mehr interessant, einen Band mit dem Titel „Year One“, der an die Staffel 1-Episode „Shape“ anknüpft und erzählt, wie die X-Files gegründet wurden und wie sich das Ganze auch noch mit der aktuellen 10. Staffel vereinen lässt. Die 10. Season war bereits für Awards nominiert und sollte sich tatsächlich kein X-Fan entgehen lassen.

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Charmed

Besonders die beliebte Mystery-Serie „Charmed“ profitiert von ihrer Graphic Novel-Fortsetzung: Denn endlich hat man eine Möglichkeit gefunden, Prue wieder ins magische Spiel zu bringen – wenn auch nicht ganz in der Form, wie es sich Fans gewünscht hätten. Da die Comiczeichner die Einwilligung der jeweiligen SchauspielerInnen einholen müssen, um nach ihrem Abbild eine Comicfigur kreieren zu dürfen und Dickschädel Shannen Doherty untersagt hat, jegliche Bilder von ihr im Charmed-Universum jemals wieder zu benutzen, hat Prue in der neunten Staffel halt blonde kurze Haare und schaut überhaupt ganz anders aus als in alten Zeiten. Klar: sie wurde kurzerhand in einem anderen Körper wiedergeboren. Bisschen holprige Lösung, zugegeben, in der „Charmed“-Welt hat man aber schon ganz anderes Unglaubliches gesehen – also gibt man sich als Fan zufrieden mit dem, was man kriegt, und ist gerührt von den Szenen, als Piper und Phoebe das erste Mal seit Prues Tod wieder auf ihre älteste Schwester treffen und Paige sich plötzlich fragt, was sie nun zu der Power of 3 eigentlich noch beizutragen hat. Oder kann es gar eine Power of 4 geben?

Zugegeben: Story-technisch kann die „Charmed“- Comicreihe nicht ganz mit der von „Buffy“, „Angel“ oder „The X-Files“ mithalten (was, sind wir uns ehrlich, auch schon im TV so war), aber die neuen Staffeln (aktuell ist bereits die zehnte Season erhältlich) besticht durch Liebe zum Detail, Humor, schöne Charakterszenen und Illustrationen, die tatsächlich altes „Charmed“-Feeling aufkommen lassen. Auch hält man sich beim Plot eng an die Serie und vermeidet es, wilde Comic-Experimente durchzuführen. Auf neue Hexenkräfte darf man sich trotzdem freuen – und auf viele Kinderlein. Und Cole.

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Und sonst?

Und sonst? Auch vom Action-Knaller „24“ gibt es eine Fortsetzung in Form von Graphic Novels – und auch hier halten sich die Autoren streng an das Urkonzept der Serie: Agent Jack Bauer muss wiedermal innerhalb 24 Stunden die Welt retten (gääähn). Die Illus sind grandios, Fans der Serie sollten auf jeden Fall zugreifen. Schon während der TV-Ausstrahlung wurden Comics zur Serie veröffentlicht, in denen u. a. Jacks erster Tag bei der CTU erzählt wird – und seine erste Begegnung mit Killer-Queen Nina Mayer.

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Auch zu „Avatar: Der Herr der Elemente“ gibt es eine Comic-Serie, die die Brücke zwischen der Original-Serie und ihrer Fortsetzung „Die Legende von Korra“ schlägt.

Noch nicht sicher ist allerdings, ob die Mystery-Serie „Heroes“ als Graphic Novel fortgesetzt wird. Zunächst einmal wird es eine weitere TV-Staffel in Form einer Miniserie geben. Und sind wir und ehrlich: Wenn wir es uns aussuchen könnten, dann wären uns Fortsetzungen unser Lieblingsserien im TV noch immer lieber als in Form von Graphic Novels – egal, wie gelungen diese auch sein mögen. Ganz dasselbe ist es halt dann doch nicht.

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(c) Comics Serenity, Buffy: Dark Horse

(c) Comics Angel After The Fall: IDW Publishing

(c) Comics Angel & Faith: Dark Horse

(c) Comics Charmed: Zeleskope

(c) The X-Files: IDW Publishing

(c) 24: Cross Cult

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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