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Published on März 13th, 2016 | by Manuel Simbürger

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Wieso “Buffy” immer noch die beste Serie aller Zeiten ist

Für alle, die sich alt fühlen möchten: Vergangenen Freitag vor genau 19 Jahren wurde uns eine blonde Vampirjägerin, „The Chosen One“, vorgestellt, die nicht nur unser Leben, sondern auch den damaligen Feminismus und allen voran die TV-Landschaft für immer verändern sollte: „Buffy the Vampire Slayer“ feierte am 10. März 1997 Premiere. Danach war nichts mehr, wie es war.

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Und weil ganz Hollywood sowieso gerade am Melancholie-Trip ist, postete „Buffy“-Ikone Sarah Michelle Gellar (die demnächst in ihrer zweiten Paraderolle als Kathryn Merteuil in der TV-Version von „Cruel Intentions“ auf die Bildschirme zurückkehrt!) vergangenen Freitag folgende rührende Zeilen auf Facebook – haltet eure Taschentücher bereit!

“19 years ago tonight, I got to introduce you to Buffy The Vampire Slayer (and #mrpointy too) thank you for taking the incredible journey with me and continuing still. I am and forever will be #grateful”

Schluchz.

Noch heute gilt „Buffy“ als eine der besten und einflussreichsten TV-Serien der letzten Jahrzehnte. Was aber genau machte die Serie rund um eine Vampirjägerin und ihre Freunde so besonders? Wieso ist Buffy bis heute die faszinierendste TV-Heldin, die uns bis dato präsentiert wurde? Eine kleine Analyse.

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Popkultureller Feminismus

„Buffy“ basiert auf der Umkehrung des berühmten Horrorfilm-Klischees, das den blonden Bimbo in der dunklen Gasse gerne zum Opfer sämtlicher dunkler Gestalten macht. Buffy Summers aber, auf den ersten Blick oberflächliche Cheerleaderin mitten im Pubertäts-Wahn, ist nicht mehr das Opfer – im Gegenteil: In der dunklen Gasse ist sie es, die die dunklen Gestalten vermöbelt und dorthin schickt, wo sie hergekommen sind – nämlich nicht nur in den Höllenschlund, sondern in die Unweiten des Patriarchismus, in die Abgründe einer männerdominierten Gesellschaft. „Buffy“ präsentierte uns eine der ersten Popkultur-Heldinnen, die zum Vorbild einer gesamten Generation wurde: Eine junge Frau, die die Verantwortung der gesamten Welt auf den Schultern trägt, die täglich dem Tod in die Augen sieht – und dabei doch stets einen frechen Spruch auf den Lippen hat und sich auch nicht davor scheut, in Liebeskummer zu zergehen (dass sie ihre erste große Liebe töten muss, nachdem diese sich in ein seelenloses Ungeheuer verwandelt hat, ist wieder eine andere Geschichte …). In den sieben Jahren ist Buffy zu einer verantwortungsvollen Frau gereift, die nicht mal annähernd perfekt ist – und gerade deshalb große Identifikationsfaktor bietet (nicht umsonst wurde „What would Buffy do?“ zur geflügelten Phrase unter Fans, FeminstInnen und AkademikerInnen). Dass „Buffy“ von Beginn an seine männlichen – und nicht weiblichen! – Protagonisten dem sexuellen Zuschauerblick aussetzte und die Frauen im Cast zu den selbstdefinierenden Heldinnen machte, war damals nicht nur eine willkommene Umkehr der Geschlechterrollen (und inspirierte Female-driven-Serien wie „Charmed“ oder „Alias“), sondern bot auch zahlreiche „eye candy“-Momente, nicht nur für seine weiblichen, sondern auch für die zahlreichen schwulen Fans. Apropos: Nicht überraschend, dass “Buffy” die erste Network-Serie in den USA war, die einen gleichgeschlechtlichen Kuss zeigte – und mit Willow und Tara eine der beliebtesten Pärchen der gesamten Serie präsentierte. Wenn die Serie im Finale alle unterdrückten Frauen dieser Welt zu Jägerinnen macht, ist die „Girl Power!“-Metapher auf ihrem Höhepunkt angelangt. Womit wir schon beim nächsten Punkt wären:

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Metaphorisch auf höchstem Niveau

Zugegeben: Dass Mysteryserien mit Metaphern arbeiten, ist nichts Ungewöhnliches, bieten sich Geister, Vampire, Zombies, Hexen und sonstiges Ungetüm aus der Unterwelt doch perfekt an, um die Tiefen der menschlichen Seele zu erforschen und die eigenen Ängste sprichwörtlich ein Gesicht zu geben. „Buffy“ ging dabei aber einen Schritt weiter: Während anfangs das Teenie-Leben samt Probleme und Problemchen in Form von Dämonen jeder Art verarbeitet wurden (Highschool literally was hell in „Buffy“!), wurden im Lauf der Serie einzelne Folgen, gesamte Staffeln, ja sogar die Figuren selbst zu Metaphern. So wurde „Buffy“ immer mehr zum vielschichtigen literarischen Werk, das erzählerisch und metaphorisch aus den Vollen schöpfen konnte und das einem auch nach dem x-ten Mal Ansehen immer noch Neues bietet – und es einem so ermöglicht, immer mehr in die Welt von Buffy und Co. einzutauchen (nicht zu vergessen all die beinahe bis zur Perfektion vollendeten foreshadowing-Szenarien!). Aber nicht nur das: Dank der metaphorischen Vielschichtigkeit öffnete sich die Serie für Lesearten jeder Art – auch Lesearten, die sich gegen den Mainstream, „gegen den Strich“ stellten. „Buffy“ ist eine jener popkulturellen Serie, die sich für ein Queer Reading eignen wie kaum eine andere. Wie sagte Giles einmal so schön? „The subtext’s rapidly becoming the text here.“ Metaphorische Metaebene auf höchstem Niveau. Das kann nur „Buffy“.

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Hervorragender Cast

Sarah Michelle Gellar gilt bis heute als eine der talentiertesten (und unterschätztesten) SchauspielerInnen ihrer Generation – nie aber war sie so sehr auf der Höhe wie in „Buffy“. Als Buffy Summers vereinte Gellar Stärke und Verletzlichkeit, Drama und Comedy mit scheinbarer Leichtigkeit – und trug die Serie ganze sieben Jahre lang, ohne dabei an schauspielerischem Niveau einzubüßen. Gellar schaffte es, uns in Buffys – oftmals nicht ganz unkomplizierte – Psyche eintauchen zu lassen, sie zu hassen und zu lieben gleichzeitig. Sie (und natürlich die AutorInnen) scheute nicht davor zurück, Buffys Schwächen, ihre Fehler genauso herauszukehren wie ihre Stärke, ihr Heldentum. Buffy war eine Heldin mit Ecken und Kanten – und Gellar war sich dies jede Sekunde der Serie bewusst.
Von Beginn an war „Buffy“ allerdings als Ensemble-Show angelegt – und deshalb bis in die kleinste Nebenrolle (nahezu) perfekt besetzt. Auch wenn Seth Green als Oz, David Boreanaz als Angel (hey, der Hottie bekam sogar seine eigene Spin-Off-Serie!) oder allen voran Anthony Steward Head als Mentor Giles mehr als überzeugten, waren es doch wiederum die weiblichen Charaktere und ihre Schauspielerinnen, die zu Fanfavourites wurden, die stärksten Auftritte und Storylines hatten und die Serie bis zur letzten Folge trugen. Emma Caulfield spielte sich als Ex-Rachedämonin Anya die Seele aus dem Leib und schaffte es, die Entwicklung vom Comic-Relief zur Heldin wider Willen realistisch und tiefgreifend darzustellen. Eliza Dushku als Fellow-Slayer Faith erwies sich bald als Scene-Stealer und hatte eine Bildschirmpräsenz wie nur wenige Schauspielerinnen sie damals im TV hatten. Amber Benson präsentierte uns mit Tara McClay eine introvertierte und doch starke Serienfigur, die erfrischend (nicht nur wegen den weiblichen Rundungen) aus der ansonsten selbstbewussten Frauenriege herausstach. Und dann war da natürlich noch ein ganz bestimmter Rotschopf namens Willow Rosenberg alias Alyson Hannigan: Der spätere „How I met your mother“-Star gab in „Buffy“ die Performance seines Lebens und stellte unter Beweis, dass nur wenige den schmalen Grad zwischen Drama und Humor so sehr beherrschen wie Hannigan. Noch heute wird Willow (vom schüchternen Büchernerd zum furchteinflößenden Big Bad) als best example für Charakterentwicklung angeführt – was nicht zuletzt Hannigan zu verdanken ist, deren zurückgenommenes, subtiles und nuanciertes Spiel (ähnlich wie jenem von Gellar) jederzeit on point war und bald zur heimlichen Heldin der Serie wurde.

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Vampire: Zwischen Horror und Comedy

Vor „Twilight“, vor „Vampire Diaries“, vor „True Blood“, da war „Buffy“. Vor der Serie waren die Blutsauger eher im Kinofach daheim (u.a. „Blade“, „Interview mit einem Vampir“), vom Kult, wie er heute rund um die Untoten herrscht, war aber bei weitem noch nichts zu bemerken. Auch wenn er nach „Buffy“ wieder kurzzeitig abflaute, war die Serie doch dafür verantwortlich, dass Vampire erneut unser Interesse erweckten, auch Serien wie „Vampire Diaries“ waren – zumindest in den Anfangsjahren – deutlich von „Buffy“ inspiriert. „Buffy“ gilt als Urmutter des Popkultur-Vampirismus und prägte die Art und Weise, wie wir Vampire heute gegenüberstehen – und was wir von ihnen wissen: Seelenlose Kreaturen, die durchaus Menschlichkeit besitzen; die enge Verbindung zwischen dem Menschen und seinem späteren Vampir-Ich; die Verbindung zwischen den einzelnen Vampiren; die Beziehung der Kreaturen zu Gott und Religion; die Abneigung gegen Sonne, Weihwasser und Pflöcken – all das war in „Buffy“ von Beginn an Thema und wurde – zum Teil mit überraschend philosophischen Untertönen – behandelt. 
Dabei schaffte „Buffy“ den Spagat zwischen Freund und Feind, zwischen Romantik und Horror: Vampire in der Serie konnten sowohl Verbündete, als auch Gegner sein, waren furchteinflößend und sexy zugleich, verrieten einem die eigenen verborgensten Geheimnisse und waren trotz allem zu Liebe fähig. Buffy und Angel? Die moderne (Horror-)Version von Romeo und Julia und bis heute eine der tragischsten TV-Paare der jüngeren (Fernseh-)Geschichte. Die Sex-Metapher war eindeutig und doch subtil zugleich – in Form von Bad Boy Spike wurde gar die faszinierende und zugleich abstoßende Wechselwirkung zwischen Gefühlen und sexueller Hörigkeit auf deutliche und mutige Weise herausgearbeitet.
Im Gegensatz zu „Twilight“ und im Grunde auch „Vampire Diaries“ waren die Vampire in „Buffy“ niemals eindimensionale romantische Helden, die vor allem den Zweck haben, die weibliche, sich nach Abenteuer sehnende Protagonistin auf die – natürlich immer noch romantische – dunkle Seite zu ziehen. Hier glitzerten Vampire nicht im Sonnenlicht, hier wurden sie nicht blind angehimmelt. Vielmehr ging von ihnen in „Buffy“ ein – mehr oder weniger subtiler – psychischer Horror aus, der zwar durchaus ins Slapstickhafte umschlagen konnte, aber stets ernstgenommen wurde. Während „True Blood“ bald zur Gewaltorgie ausartete, die sich selbst zur Parodie machte, vereinte „Buffy“ in ihrem Umgang mit Vampiren Horror und Comedy auf einzigartige Art und Weise – und das bis zur letzten Serienminute.

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„There will never be a special Buffy-Episode“: Wenn AutorInnen zu Stars werden

„There never will be a special Buffy-Episode“, betonte Serien-Mastermind Joss Whedon während der Serienlaufzeit gerne und immer wieder. Und irgendwie hatte er schon Recht: Jede Folge war etwas Besonderes, jede Folge brachte Charakter- und Storyentwicklungen mit sich. Seit der ersten Staffel scheute die Serie nicht vor unangenehmen Themen wie Depression, Vergewaltigung, Drogenmissbrauch, Tod eines Familienmitglieds oder emotionale Zurückweisung zurück. Und doch gab es da doch einige Episoden, die immer wieder genannt werden, wenn es um „Buffy“ geht – und das zu Recht, weil sie bis heute eine der besten TV-Stunden darstellen, die weit über herkömmliche Unterhaltung hinausgehen und viele andere Serienmasterminds Mut machten, ausgetretene narrative und visuelle Storytelling-Wege zu verlassen. So war „Buffy“ nicht nur eine der ersten Serien, die sich auf eine Musical-Episode einließen (was kurz danach zum Serien-Usus wurde: jede Serie, die was auf sich hielt, ließ seine Darsteller herumtanzen, springen und singen), „Once More With Feeling“ gilt bis heute als beste TV-Musical-Folge, die bis dato inszeniert wurde (Whedon komponierte und textete alle Songs selbst!). In „Hush“ gingen Whedon und Co den umgekehrten Weg und ließen beinahe die gesamte Folge lang die Darsteller nichts sprechen – handelte es sich hier doch um eine klassische Horror-Episode, die Hommage an den Stummfilm zollte (und die einzige, die der Serie jemals eine Emmy-Nominierung einbrachte). Auch mit Musik und Ton, aber auf gänzlich andere Art und Weise, spielte die Season 5-Episode „The Body“: Um den überraschenden Tod von Buffys Mutter so realistisch wie möglich umzusetzen, verzichteten die AutorInnen komplett auf jede Art von extra-diegetischer Musik. Detailgenau wurden die ersten Stunden nach dem Tod eines Familienmitglieds gezeigt; außergewöhnliche Kameraeinstellungen und schauspielerische Höchstleistungen machten „The Body“ zur vielleicht besten Folge der gesamten Serie.
 Und dann gab’s da noch “Restlos”, das Season 4-Finale, eine Aneinanderreihung von Traumsequenzen, die an metaphorischer Vielschichtigkeit nicht zu übertreffen ist.
Bis heute außergewöhnlich ist auch, dass nicht nur die DarstellerInnen der Serie, sondern auch Whedon und sein Autorenteam bis heute eine loyale Fanbase hinter sich haben. Bei den wenigsten Serien sind – abgesehen vom Serienschöpfer – die einzelnen AutorInnen bekannt, bei „Buffy“ aber wurden Marti Noxon, Jane Espenson, Steve McKnight, Drew Goddard und Co. zu bekannten Namen, die ihren jeweils ganz eigenen Stil in die Serie einbrachten. Die AutorInnen gehören heute zu den erfolgreichsten ihrer Zunft (u. a. „Gilmore Girls“, „Daredevil“, „UnREAL“), Goddard wurde dieses Jahr für „The Martian“ sogar mit einem Academy Award ausgezeichnet. Und Joss Whedon? Genau, das ist der Typ, der für „The Avengers“ verantwortlich zeichnet – einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten.

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Also: Danke „Buffy“. Dafür, dass wir 19 Jahre nach der Premiere immer noch über dich sprechen. Wir werden es noch lange tun.

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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