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Published on Dezember 22nd, 2016 | by Manuel Simbürger

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Fuller House: The Nineties at it’s best

Seien wir ehrlich: „Fuller House“ ist nicht sonderlich gut. Nicht misslungen, aber eben auch nicht wirklich gut. Die Dialoge sind flach, die Gags ohne Wiedererkennungswert, die Story vorhersehbar und die schauspielerische Leistung … na, sagen wir mal, Candace Cameron Bure, Jodie Sweetin und schon gar nicht Elias Harger werden jemals einen Emmy oder Golden Globe gewinnen.

Trotzdem gehört „Fuller House“, das Revival (oder Fortsetzung…oder Spin-Off…so ganz blicke ich da nicht mehr durch) nicht nur zu den „top trending tv shows of 2016“ (sprich: die Show wurde zig-mal gegoogelt und beherrschte das Netz), es ist auch zu erwarten, dass die zweite Season, die seit Anfang Dezember auf Netflix zu bewundern….ähm…bestaunen…ähm…anzusehen ist, zu den erfolgreichsten Netflix-Serien dieses Jahres gehören wird. Weil das schon mit der ersten Staffel so war. Da fragt man sich dann schon: Wie geht das denn? Und paar Sekunden später frage ich mich dann: Wieso habe auch ich die letzten Tage vor allem damit verbracht, die neuen Abenteuer…ähm…die neuen Alltags-Erlebnisse von D.J., Stephanie und Kimmy zu binge-watchen? Irgendwas muss da also dran sein, an dieser Show.

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Ich hab mir also (noch mehr) Gedanken gemacht. „Fuller thoughts“ zu „Fuller House“ also. Oder so. Egal, Logik wird ja bekanntlich auch in der Serie nicht großgeschrieben.

 1. Es macht Sinn

Okay, das widerspricht sich grad zu meinem Einleitungssatz, aber sei’s drum: „Fuller House“ hat tatsächlich seine Daseins-Berechtigung, Qualität hin oder her. Die Serie ist eine der wenigen inmitten all des seriellen Wiederbelebungs-Wahnsinns, bei der es tatsächlich Sinn macht, sie fortzuführen. Im Gegensatz zu „Gilmore Girls“, “Melrose Place” oder auch – es schmerzt, es zu sagen – „The X-Files“ wirkt „Fuller House“ in keiner Sekunde erzwungen, konstruiert oder fehl am Platz. Es ist beinahe die logische Konsequenz, die ehemaligen Kids der Originalserie nun in ihrem Erwachsenenleben zu begleiten, sie bei der Erziehung ihrer eigenen Kinder zu beobachten und Spaß daran zu haben, herauszufinden, wie sehr sie das Aufwachsen in einem so chaotischen – und absolut nicht-traditionellen – Familienhaushalt geprägt hat. Standen in den 90ern die Männer (Danny, Jesse und Joey) im Mittelpunkt, sind es nun drei junge Frauen, die den vollen Haushalt schupfen. Das ist in mehr als einem Punkt durchaus konsequent: Nicht nur, dass aktuell die Frauen im TV das Sagen haben und meist die interessanteren Charaktere sind, auch das Konzept „3 Männer und ein Baby“ hat sich mittlerweile überholt. Trotzdem bleibt „Fuller House“ dem Konzept der Mutterserie mit ihren Hauptfiguren treu: C.J. ist ganz ihr Papa Danny – ordnungsliebend, fürsorglich und konservativ. Ihr kleine Schwester Stephanie dagegen tritt mit ihrem „wilden Lifestyle“ (was immer das auch in der Welt von „Fuller House“ bedeutet), der Sexyness und ihrer Musikkarriere in die Fußstapfen von Onkel Jesse, während beste Freundin Kimmy den komödiantischen (und vertrottelten) Part von Joey übernimmt. Zudem blieben alle Figuren ihrem Charakter treu, samt good old Catch-Phrases, man erlebt nicht einmal einen störenden „out-of-charakter“-Moment (take that, Rory Gilmore!). Was mich auch schon zum nächsten Punkt bringt:

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Die zweite Generation der Tannet-Family: Die Fortsetzung macht Sinn und fängt den Charme des Originals ein

2. The Nineties are back!

Klar, es liegt in der Natur der Sache, dass Revivals (welcher Art auch immer) die Stimmung der Originalserie einfangen. Denn darum geht’s ja bei der ganzen Sache. „Fuller House“ aber ist Retro at it’s best: Ähnlich wie bei „Stranger Things“ schafft es Netflix hier, ein vergangenes Jahrzehnt beinahe perfekt aufleben zu lassen und gekonnt in Szene zu setzen. „Fuller House“ versucht kein einziges Mal, angestrengt modern zu wirken – im Gegenteil: Es tut alles, um unaufgeregt unmodern zu sein. Ganz im Stil der 90s-Family-Sitcoms bewegen sich die Gags streng ganz weit ober der Gürtellinie und vollkommen familienfreundlich (“Fuller House” ist wohl die einzige Netflix-Serie, in der nackte Haut verpixelt wird), abgeschlossenen Storys haben stets ein Happy End und der moralische Zeigefinger (schließlich sollen wir beim Fernsehen ja auch was lernen, wenn wir nicht schon in der Natur herumtollen!) darf natürlich auch nicht fehlen. „Fuller House“ ist die derzeit vielleicht konservativste Serie, die die TV-Landschaft zu bieten hat – und macht, vielleicht paradoxerweise, genau deshalb Spaß. Der Humor ist immer noch derselbe wie in der Mutterserie, auch die Art des Storytellings hat sich nicht verändert (die Familie ist natürlich das wichtigste Gut im Leben!). Das lässt natürlich all die alten Gefühle, die wir beim Schauen von „Full House“ empfunden haben, wieder hochkommen. Und genau auf diese Gefühle setzen die Autoren, wenn sie beispielsweise mit Gastauftritten der 90s-Super-Boyband New Kids On The Block oder mit direkten Verweisen auf die Mutterserie (Flashbacks, Gastauftritte anderer Original-Schauspieler, etc.) uns in die geliebte Vergangenheit versetzen. Aufdringliches Studiopublikum-Gelächter (und nervendes „Oooooch“-Gestöhne) inklusive. Ja, so geht Retro.

In “Fuller House” werden familiäre Werte ganz großgeschrieben

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“Fuller House” ist wohl die einzige Netflix-Serie, in der nackte Haut verpixelt wird

3. Aus der Vogelperspektive

Vielleicht ist das ja nur mein ganz persönliches Ding, aber ich bin versessen auf Meta-Jokes. Wenn sich eine Show oder ein Film über sich selbst lustig macht und dabei die eigene Diegese verlässt, dann hat das etwas Faszinierendes, vereint dies zwei Welten in einem (die „reale“ und die „TV-Welt“). „Fuller House“ liebt seit seiner Pilotfolge solche Gags – und sie haben auch in der zweiten Staffel nichts von ihrer Frische und ihrem Humor verloren. Wenn Stephanie und Jimmy darüber philosophieren, wie toll es nicht wäre, eine Serie ohne Werbeunterbrechung sehen zu können, die von Drogen gebeutelte Jodie Sweetin anmerkt, dass es auch noch Kinderstars gibt, die ihren frühen Ruhm ohne psychischen Knackser überstehen, oder Onkel Jesse/John Stamos wiederholt direkt in die Kamera blickt, um die Olsen-Twins zur Rückkehr zu bewegen, dann macht das ganz einfach Spaß. Und zeigt, dass „Fuller House“, obwohl ansonsten ganz und gar auf nicht-aneckenden Humor bedacht, zumindest zwischendurch sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Wenn in der zweiten Staffel Ramona und Max dann von der Schauspielerin Lori Loughlin schwärmen (die ja bekanntlich in der Serie die Becky spielt), wird’s zwar etwas merkwürdig, aber gleichzeitig genauso faszinierend: Gibt es im „Fuller House“-Universum also ebenso eine Lori Loughlin? Und schaut die dann genauso aus wie Tante Becky?! Mysteriös. Auf eine ganz andere Art merkwürdig und fast schon unbehaglich – und von den Autoren wahrscheinlich gar nicht beabsichtigt – ist die Szene, in der D.J. mit 39 Jahren (!) ihrem aller ersten (!!) Schwulen begegnet. Zwar hat die Serie somit endlich erkannt, dass in San Francisco (!!!) auch homosexuelle Männer existieren – etwas, das man in der Originalserie streng ausgespart hat -, jedoch haben diese Szenen einen fahlen Nebengeschmack, wenn man den konservativen Background von Candace Cameron Bure bedenkt: Schließlich ist die Schauspielerin und Schwester von Kirk „Anti-Gay“ Cameron bekannt dafür, eine der größten Gegner der Homo-Ehe und sowieso nicht allzu gut auf andere Lebensstile zu sprechen zu sein, die nicht der christlichen Weltsicht entsprechen. Wenn D.J. also vollkommen entgeistert realisiert, dass sie gerade mit einem Schwulen geflirtet hat, dann ist ihr schockierender Gesichtsausdruck wohl nicht gespielt. Und auch wenn in anderen Folgen das Thema Homosexualität von D.J. angesprochen wird, geschieht das ziemlich verkrampft. Meta kann manchmal eben auch ziemlich unbequem sein.

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D.J. bekommt es das erste Mal in ihrem Leben mit einem schwulen Mann zu tun. Oh Schreck!

Für Jodie Sweetin wird “Fuller House” mehr und mehr zur Bühne ihrer startenden Gesangskarriere

4. It get’s better

Okay, wahrscheinlich nicht die unterschwellige Homophobie, aber dann doch die Serie im Gesamten. Im zweiten Jahr waren die Schauspieler bereits lockerer und haben sich in ihre Rollen (erneut) eingefunden. Man verließ sich weniger auf Onkel Jesse und Co, dafür setzte man vermehrt auf frische Gesichter wie Kimmys Bruder Jimmy Gibbler oder natürlich Kimmys Ex-Mann/Verlobter/Vater-ihrer-Tochter Fernando – was der Serie mehr als gut tat: Adam Hagenbuch und Juan Pablo di Pace verleihen „Fuller House“ eine Frischzellenkur, ohne die Serie dabei in eine andere Richtung zu drängen. Die beiden sind es auch, die dieses Jahr die meisten Lacher auf ihrer Seite haben. Apropos Lacher: Während die erste Staffel eher müdes Lächeln auf meine Lippen gezaubert hat, gab es nun im zweiten Jahr tatsächlich einige Momente, die mich laut auflachen ließen. Allen voran Andrea Barber und eben di pace überzeugen als verrücktes (Fast-)Ehepaar, denen nichts zu peinlich ist, dabei aber stets liebenswürdig bleiben und nie zur Karrikatur ihrer selbst werden. Und zwischendurch gab’s dieses Jahr sogar Gags, die – man höre und staune – sexuell angehaucht waren. Was sagt man dazu. Da verzeihe ich auch, dass Elias Harger alias Max Fuller das bei weitem nervigste Kind in der TV-Landschaft ist und bleibt und Dashiell und Fox Messitt alias Tommy Fuller, Jr. nicht mal annähernd an die Olsen-Twins herankommen.

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Bilder: (c) Netflix

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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