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Published on Februar 6th, 2017 | by Manuel Simbürger

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So politisch war Gagas Super Bowl-Performance!

Wer den 51. Super Bowl, der am 5. Februar 2017 stattfand, gewinnen wird, das war der Welt im Vorfeld eigentlich … naja, sagen wir mal, eher nicht so wichtig. Vielmehr drehte sich alles nur um eine Frage: Wie politisch wird sich Lady Gaga bei ihrer Half Time-Performance geben? Immerhin ist Gaga bekannt dafür, sich lautstark für Diversität, Gleichberechtigung und Vorurteilsfreiheit einzusetzen – allesamt rote Tücher für den amtierenden US-Präsidenten Donald Trump.

Dürfen wir also eine „Hau drauf“-Message a la Beyonce erwarten, die 2016 mit ihren Tänzerinnen ein überlebensgroßes X am Spielfeld formte und somit unmissverständlich auf die Rassenunruhen in den USA aufmerksam machte? Wird sie gar zu so drastischen Worten wie Madonna beim Women’s March greifen, die ihren Tagträumen vor tausenden von Menschen freien Lauf ließ und unbeirrt etwas davon faselte, das Weiße Haus in die Luft sprengen zu wollen? Oder wird’s am Ende doch nur ein harmloser Gig a la Katy Perry, deren Super Bowl-Auftritt 2015 eher an einen Kindergeburtstag auf LSD erinnerte als an ein weltweites Sportevent (und die mit ihrem Live-Gesang wohl nicht nur die aufblasbaren Gummipalmen um sich herum verschreckte)?

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Geworden ist’s am Ende eine Mischung aus (fast) allem: Gaga stellte bei ihrem 14-Minuten-Auftritt den Entertainment-Faktor in den Vordergrund und huldigte damit nicht nur den Super Bowl als Unterhaltungs-Event der Superlative, sondern vor allem sich selbst und ihrer bisherigen Karriere: Der Fokus ihres Medleys (u.a. „Poker Face“, „Just dance“, „Million Reasons“) lag ganz und gar auf ihrer Stimme und der Choreographie, auf all zu viel Chi-Chi wurde verzichtet – was auch für die politischen Messages galt: Die versteckte sie in ihrer Performance so gut, dass es von vielen Seiten nach ihrem Auftritt Jubel gab: Juhu, der Super Bowl wurde nicht als Politikum missbraucht! Juhu, nicht noch eine Künstlerin will sich mit politischen Botschaften wichtig machen! Mitunter gab’s aber auch Enttäuschung: Wo ist die mutige Gaga geblieben, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt? Ist sie am Ende eingeknickt und will es sich mit Trump nicht verscherzen (und sich von ihm am Ende gar auf Twitter als „weit überschätzt“ bezeichnen lassen)?!

Nein. Gaga ist sich und ihren Prinzipien treu geblieben und hat es sich auch bei ihrem wohl größten Auftritt ihrer Karriere nicht nehmen lassen, Seitenhiebe gegen die Trump’sche US-Politik auszuteilen. Dass sie dabei auf Subtilität und Metaphorik setzt, zeugt nicht nur von erfreulicher Reife, sondern auch von tüchtigem und klugem Geschäftssinn: So legt sich Gaga mit niemandem offen an („Dieser Auftritt soll für alle sein!“, betonte sie bei der Super Bowl-Pressekonferenz), verkauft sich aber auch nicht. Und man muss schon genau hinschauen und sich ihre Performance immer wieder ansehen, um die politischen Spitzen gegen Trump zu entdecken – wovon am Ende Gaga selbst am meisten profitiert.

Also – blicken wir mal zwischen die Zeilen von Gagas Superlative-Auftritt und nehmen wir die Performance mal genau unter die (politische) Lupe:

-       Gaga leitete ihren Auftritt mit einigen Zeilen aus den Songs „God Bless America“ von Irving Berlin und der US-Ersatzhymne „This Land Is Your Land“ von Woody Guthrie ein, in der die USA als Nation der Freiheit und Gleichheit besungen werden. Letzterer wurde während des Wahlkampfs zu einem beliebten Protestsong gegen Trump.

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-       Bevor sie sich in die kreischende Menge stürzt, spricht Gaga von „einer vereinten Nation unter Gott“ und wählt bewusst die Worte „Freiheit“ und „Gerechtigkeit“. Vor dem Fall gibt’s eine leicht hochgezogene Augenbraue und ein ironisches Lächeln.

-       Der Sprung ins Ungewisse zu Beginn und am Ende der Performance darf als Symbol der derzeitigen Lage der USA gesehen werden: Keiner weiß, in welche Richtung sich das Land unter Trump entwickeln wird. Viele US-Amerikaner sehen keine Zukunft mehr in ihrer Heimat. Die Zukunft ist mehr denn je ein großes, unbekanntes Schwarz Loch, das auf einen zukommt. Man kann endlos fallen – oder mit etwas Glück dabei auf den Füßen landen und, als ob nichts gewesen wäre, eine Show der Superlative abliefern.

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-       Die Message von „Born this way“, nämlich die Akzeptanz unserer Unterschiede, ist vor dem Hintergrund der Trump’schen US-Politik aktueller denn je.

-       „Poker Face“ darf man als Anspielung auf Trumps Grimassen verstehen.

-       Die Ballade „Million Reasons“ enthält die Textzeile „I just need one good reason to stay“. Gaga zeigt sich weiterhin patriotisch, hält ihrem Land die Treue – fragt sich aber, welche Gründe es tatsächlich noch gibt, den USA den Rücken zu stärken. Und sie spielt auf all die Promis an, die entweder drohten, auszuwandern, oder sich weigerten, bei Trumps Angelobung zu erscheinen.

-       Am Ende umarmt sie ausgerechnet eine junge schwarze Frau – und trällert dazu herzzerreißend das Wörtchen „Stay!“

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Hilary Clinton zumindest hat Lady Gaga auf Twitter bereits zu ihrem gelungenen Auftritt gratuliert. Vielleicht hat ja auch sie mehr gesehen als bloß Discohits, Pyrotechnik und glitzernde Weltraum-Kostüme. Da hat sich jemand vom „Mother Monster“ in die „Mother of the nation“ gewandelt.

Bilder: Screenshot/YouTube

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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