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Published on Februar 6th, 2017 | by Manuel Simbürger

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Wenn die Gaga einen auf Baumgartner macht

2012 stürzte sich Felix „gesunde Ohrfeige“ Baumgartner vom Weltall auf die Erde – und die ganze Welt schaute zu. 2017 stürzte sich Lady „Ich scheiß mir nix“ Gaga vom Sternenhimmel in eine kreischende Menge voll von motivierten Sport- und Musik-Fans – und auch diesmal schaute die ganze Welt erneut zu.

Während sich Baumgartner heute einige Sphären unter jeglichem Niveau und Anstand befindet, katapultierte sich Gaga mit ihrer gestrigen Superlative-Performance beim 51. Super Bowl – sowas wie die Schladming-Abfahrt bei uns Österreichern – in Künstler-Atmosphären, die nur für die ganz Großen bestimmt ist.

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Stimme, Tanz und subtile Messages

Es begann und endete mit einem freien Fall, mit einem Sprung ins Ungewisse – und dazwischen gab es ein musikalisches Super-Medley, der die Karriere des Pop-Chamäleons wiederspiegelte: „Bad Romance“, „Pokerface“, „Just dance“, „Telephone“ und „Born this way“ gab Gaga genauso zum Besten wie ihre aktuelle Single „Million Reasons“, die sie, nach minutenlanger Power-Akrobatik, etwas außer Puste, aber trotzdem jeden Ton treffend am Piano sang und dabei auch noch schnell, so zwischendurch, ihre Eltern grüßte. Das war vielleicht der bewegendste Moment des gesamten 14 Minuten Gaga-Spektakels, denn unter all der eisernen Disziplin und Professionalität, die die Sängerin bei ihrem Auftritt an den Tag legte, blitzte hier kurz die ganz persönliche Gaga hervor, die es wohl selbst am wenigsten von allen fassen konnte, nach Megastars wie Michael Jackson, Beyonce, Madonna, Janet Jackson oder Aerosmith nun auch Teil der Super Bowl-Historie zu sein. Schon als kleines Mädchen, als andere sich ihre Traumhochzeit ausmalten, habe sie sich vorgestellt, so erzählte sie kurz vor der Show, die Half Time Show des alljährlichen Super Bowls musikalisch untermalen zu dürfen. Man gönnte Gaga ihren Triumph also bis zur letzten Minute.

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Dass Lady Gaga genau wusste, was sie tat, war jeder Sekunde ihres Auftritts anzumerken: Jeder Tanzschritt saß, jeder einzelne Ton wurde getroffen und aggressiv-gefühlvoll gegrölt, die Songs perfekt ausgewählt. Bemerkenswert Gagas Talent, nach schweißtreibenden Choreographien immer noch perfekt singen zu können. Bemerkenswert auch, dass die Sängerin nicht in die Falle tappte, vor allem durch spektakuläre Bühnenshows und Gast-Auftritten anderer Künstler von sich reden zu machen: Während nach Beyonces Auftritt jeder über die Mini-Reunion von Destiny’s Child sprach, Madonna sich in stets wechselnde Bühnenbilder bettete und Katy Perry sich mit schwindelerregenden 3D-Effekten hat bebeamen lassen, vertraute Gaga voll und ganz auf ihre Bühnenpräsenz: Sicher, die Lichteffekte schienen, vor allem aus der Vogelsperspektive,  einem Märchenbuch entsprungen zu sein und zwischendurch gab’s auch das eine oder andere Feuerchen auf der Bühne, im Vergleich zu ihren Vorgängern präsentierte sich Gaga hier aber – zur Überraschung aller, ist die Sängerin doch für ihre kreative Extravaganz bekannt -, beinahe schon zurückhaltend und minimalistisch (zumindest für Super Bows-Verhältnisse). Der Fokus lag ganz und gar auf ihrer rock-rotzfrechen-gefühl- und kraftvollen Stimme, ihren Tänzern und ihren Songs, die zwar zuweilen immer noch den Trash-Charme eines Dorf-Jahrmarktes besitzen, nichtsdestotrotz aber schon jetzt zu den größten Klassikern der Popgeschichte gehören (die Songs, nicht die Tänzer).

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Und auch wenn wir alle auf einen Mini-Auftritt von Beyonce warteten, als Gaga den gemeinsamen Hit „Telephone“ schmetterte, und das zugegebenermaßen schon wirklich cool und Pop-Feminismus pur gewesen wäre, wählte Gaga als Support dann doch lieber Hunderte von Statisten, die sie bei der Lichtshow unterstützten. Das ist nicht nur mutig, sondern auch klug: Einmal mehr präsentierte sie sich als Künstlerin des Volkes, als „eine von uns“, als „Mother Monster“, die es sich zum Schluss auch nicht nahm, in der Menge zu baden.

Dass bei all dieser „Volksnähe“ die politischen Messages überraschend subtil blieben und erst beim genaueren Hinschauen zu entdecken sind, war vielleicht die größte Überraschung von allen: Lady Gaga ist bekanntlich ja die letzte, die ihren (gesellschaftspolitischen) Frust für sich behält und ihre Message auch gerne mal mit der Hammermethode an den geneigten Zuhörer bringt. Dass sie es sich auch diesmal, bei ihrem wohl größten Auftritt ihrer gesamten Karriere, nicht nehmen lässt, die Trump’sche US-Politik zu kritisieren, dabei aber auf Subtilität und Metaphorik zurückgreift und somit den Entertainment-Faktor, der solch einem Riesen-Event geschuldet ist, in den Vordergrund stellt, lässt eine erfreuliche Reife bei Gaga erkennen, von der wir zukünftig gerne noch mehr sehen wollen.

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Touchdown

Der Sprung ins Leere zu Beginn und zum Schluss des Auftritts waren also, um bei subtilen Messages zu bleiben, durchaus eine passende Symbolik für Gagas Karriere: Eine Künstlerin, die sich furchtlos ins Ungewisse stürzt und dabei nicht mal den Gedanken aufkommen lässt, am Ende nicht mit beiden Füßen auf der Erde anzukommen.

Wer den Super Bowl eigentlich gewonnen hat, darüber spricht heute so gut wie niemand. Dass Lady Gaga aber als Astronaut-Football-Spieler-Hybrid an diesem Abend nicht nur im übertragenen Sinne einen Touchdown hinlegte, das werden wir so schnell nicht vergessen.

Drop the mic.

Bilder: Screenshot / YouTube

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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