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Published on September 11th, 2014 | by Manuel Simbürger

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“Mystery Girls”: The Nanny meets CSI

“Mystery Girls”, die Reunion-Serie der ehemaligen 90210-Stars Jennie Garth und Tori Spelling, hätte den derzeitigen Sitcom-Einheitsbrei eine knallbunte Farbe verpassen können. Geschätzt wurden die zahlreichen Popkultur-Anspielungen, Over-The-Top-Performances und die 90er-Nostalgie vom US-Publikum nicht: Nach nur einer Staffel wurde die etwas andere Crime-Serie abgesetzt. 

Ich weiß noch, wie aufgeregt ich war, als ich zum ersten Mal davon gelesen hab: Jennie Garth reunites with Tori Spelling. Oder eher umgekehrt, denn bei der Sitcom „Mystery Girls“ ist es ziemlich deutlich, dass Spelling Garth als Schützenhilfe ins Boot geholt hat, um ihre TV-Karriere jenseits von mehr als bedenklichen Reality Soaps zu re-etablieren. Aber auch Garth ward seit ihrem Ausstieg aus dem WTF-90210-Spin Off „90210“ nicht mehr zu sehen. Publicity konnten also beide ganz gut brauchen, um die Welt daran zu erinnern, dass sie zu den wichtigsten TV-Gesichtern unserer Zeit gehören. Immerhin waren Jennie Garth und Tori Spelling die bekanntesten TV-Blondinen der 90er-Jahre.

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(c) ABC Family

Nostalgischer Wert

Klar, dass man da bei „Mystery Girls“ reinschaut – als echter „Beverly Hills, 90210“-Anhänger (das Original, wohlbemerkt, das Original!) lässt man schließlich keine Gelegenheit aus, um sämtlichen Mini-Reunions seiner ehemaligen Lieblingsstars beizuwohnen. Apropos: Mini-Reunions scheinen seit geraumer Zeit ja ganz beliebt zu sein, man denke nur an Scrubs, Buffy, Friends oder ganz aktuell Married….with children. Da reiht sich „Mystery Girls“ also problemlos ein.

Der nostalgische Wert, Kelly Taylor und Donna Martin wieder zusammen am Bildschirm zu sehen, ist zweifelsohne der größte Pluspunkt von „Mystery Girls“ (ABC Family). Verständlich, dass die Serie darauf auch von Beginn an setzte und einige 90210er-Inside-Jokes (das Original, Leute, das Original!) in die Episoden einbaute. Leider aber hat man die Scheinkraft von 90210 (das Orig…. ach, egal) offenbar unterschätzt, denn nun wurde bekannt, dass „Mystery Girls“ nach nur einer Mini-Staffel (10 Episoden) abgesetzt wurde.

Goodbye, Kelly. Goodbye, Donna.

Schon wiedermal.

(c) ABC Family

Camp deluxe  

Aus Kritiker-Sicht ist die Absetzung natürlich keine Überraschung und es wäre an dieser Stelle ein leichtes, „Mystery Girls“ runterzumachen (was ich also auch gleich mal tue): Eine Folge hat mehr Logiklöcher als eine gesamte „Glee“-Staffel, die Plots sind an den Haaren herbeigezogen und für die Drehbücher dürften wohl frischgebackene Filmcollege-Absolventen verantwortlich zeichnen. Tori Spelling ist, aber das wussten wir ja schon, bei weitem nicht die beste Schauspielerin und dass man sich an den Over-The-Top-Gay-Sidekick Nick, der sogar Jack aus „Will & Grace“ starke Konkurrenz macht, dauert’s auch einige Episoden (und dann ist die Staffel, und somit die Serie, eh schon wieder vorbei).

Apropos Over-The-Top: So lässt sich „Mystery Girls“ wohl am besten beschreiben. Hier ist wirklich alles komplett übertrieben, beginnend von Spellings Darstellung des mediengeilen Ex-TV-Starlets (get the humour now?!) bis hin zum Setting (die Farben sind so grell, dass im Vergleich dazu sogar „Glee“ wie eine einzige Begräbnis-Serie aussieht) und den Gags selbst. Sogar der Grundplot der Serie – ehemalige TV-Stars, die Detektivinnen darstellten, beschließen, eine Real Life-Detektei zu eröffnen – ist so absurd, dass man irgendwann nicht mehr weiß, ob man das Ganze ernst nehmen soll oder nicht.

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(c) ABC Family

The Nanny meets CSI

Und genau darin liegt die große Stärke der Serie – und für mich der Hauptgrund, wieso „Mystery Girls“ mindestens noch eine Season verdient hätte: Man soll das Ganze, was man hier präsentiert bekommt, gar nicht ernstnehmen. „Mystery Girls“ ist Camp in Reinkultur. Das bis zur Parodie Übertriebene, und das bis ins kleinste Detail, verfehlt jedes Mal haarscharf den „Rotten Tomatoes“-Abgrund, und ist genau deshalb so anziehend. Kurz: Es macht wahnsinnig großen Spaß, „Mystery Girls“ anzuschauen. Inmitten einer Reihe von allzu perfekten TV-Serien, die die Niveau-Kunst-Latte immer höher legen und auch Kinofilme alt aussehen lassen, ist es eine erfrischende (und in diesem Fall knallbunte) Abwechslung, das Unperfekte in sprichwörtlicher Serie zu sehen.

Weder Tori Spelling noch Jennie Garth nehmen sich in den 20-Minuten-Episoden zu ernst und beweisen somit, dass sie großes komödiantisches Talent in sich tragen. Natürlich, Spelling ist eine Klasse für sich (und das kann man nun verstehen, wie man will), aber man muss ihr zugute halten, in welchem Ausmaß sie sich über sich selbst lustig macht, und zwar komplett ohne Scheu („Mystery Girls“ basiert auf einer Idee von Spelling herself). Garth hat natürlich den dankbareren Part, nämlich die der geerdeten Charlie, die das absurde Geschehen um sich herum sarkastisch kommentieren darf. Vielleicht auch deshalb wird Garth von den US-Kritikern als einzig positiver Aspekt der Serie hervorgehoben. Abgesehen davon natürlich, dass die Ex-Kelly wie immer durch und durch natürlich spielt und absolut sympathisch rüberkommt. Und, klar, immer noch blendend aussieht.

Die Chemie zwischen Garth und Spelling ist zudem unbestreitbar und rettet über so manchen Drehbuch-Patzer hinweg. An dieser Stelle muss auch anerkennend betont werden, dass, obwohl es so leicht hätte sein können, weder Garth noch Spelling in „Mystery Girls“ in keinster Weise an ihre 90er-Alter Egos Kelly Taylor und Donna Martin erinnern. Dafür haben sie mit Holly Hamilton und Charlie Contour ein aberwitziges Ermittler-Duo geschaffen, das es in dieser Art noch nie im TV gegeben hat (und auch das kann man verstehen, wie man will). Man stelle sich nämlich mal folgendes Szenario vor: The Nanny meets CSI. Womit der Kultcharakter schon recht treffend beschreiben wäre.

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(c) ABC Family

„Holly Hamilton graduates!“

Neben dem Nostalgie-90er Jahre-Faktor ist „Mystery Girls“ aber auch ein Must-See (okay, ist vielleicht übertrieben, aber egal) für alle Popkultur-Liebhaber da draußen. Denn so viele popkulturelle Referenzen und Anspielungen wie in „Mystery Girls“ hat es zuletzt bei „Gilmore Girls“ gegeben – und sogar Lorelai und Rory können hier mit Charlie und Holly nicht mithalten. Hollywood, die TV-Industrie und so manche Kultserien, zum Beispiel „Friends“ und natürlich „CSI“, kriegen hier ordentlich ihr Fett weg. „Beverly Hills, 90210“ natürlich besonders – die zahlreichen Anspielungen auf Garths und Spellings Erfolgsserie lassen jeden Fan warm ums Herz werden. Wenn Charlie und Holly zum Beispiel an einer Schule mit dem Namen „West Beverly“ einen Fall zu lösen haben, Hollywood-Holly unter dem Schlachtruf „Holly Hamilton graduates!“ doch noch ihr Highschool-Diploma bekommt, Joe E. Tata (alias Nat Bussichio) einen Gastauftritt hat und sich Spelling einen Seitenhieb auf Shannen Doherty nicht verkneifen kann, dann wollen wir alle nur noch eines: „Beverly Hills“ zurückhaben. Oder sich zumindest mit dem begnügen, was dem am nächsten kommt. „Mystery Girls“ zum Beispiel.

Es muss wahrscheinlich nicht extra erwähnt werden, aber: Alle ernsthaften Crime-Fans sollten von „Mystery Girls“ die Finger lassen. All jene, die von all den „CSI“-, „NCIS“ und „CSIXYZ“-Mordfällen die Nase voll haben und furchtbar genervt davon sind, wie furchtbar wichtig sich diese Serien nehmen, der dürfte mit „Mystery Girls“ seine Freude haben: Denn natürlich jagen Holly und Charlie keine Mörder oder Kinderschänder. In der Welt der „Mystery Girls“ geht es um verschwundene Designer-Taschen, Highschool-Streiche oder Spukhäuser. Und wenn doch mal Mörder hereinschneien, dann sind die so bedrohlich wie Spelling für die Oscar-Jury (oder so. Ich versuche mich auch gerade in lustigen popkulturellen Referenzen).

Zudem: Der animierte Opener von „Mystery Girls“ ist einer der besten, den ich seit Jahren gesehen habe und der wohl nicht zufällig an „The Nanny“ erinnert.

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(c) ABC Family

„Mystery Girls“ geht, „Mom“ bleibt

Aber das alles ist nun vorbei. Nach nur einer Staffel ist Schluss. Schade, denn „Mystery Girls“ hat durchaus Potenzial. Man könnte auch sagen: „Das Ding ist so schlecht, dass es schon wieder lustig ist.“ Noch nie hat eine Serie den Titel „guilty pleasure“ mehr verdient. Dem Fanherz tut es ein bisserl weh, von Donna und Kelly erneut Abschied nehmen zu müssen. Hätte man uns dieses Glück doch noch für ein Weilchen vergönnt. „Mystery Girls“ ist vielleicht kein „Quality TV“, aber es bringt einem zum Lachen. Und es hatte Mut zum Anders-Sein.

Schade, dass man genau das in der Comedy-Welt heutzutage nicht mehr sehen möchte. Stattdessen müssen wir uns mit Lahmarsch-Serien wie „Mom“, „Mike & Molly“, „The Millers“ oder „Two and a half men“ abgeben, die einfach nicht, egal wie schlecht und einfallslos sie sind, abgesetzt werden. Ein kunterbuntes, picksüßes Bombon im grauen Einheitsbrei hätte da ganz gut getan.

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(c) ABC Family

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(c) ABC Family

TORI SPELLING, JENNIE GARTH, GEORGE KETSIOS

(c) ABC Family

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(c) ABC Family

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(c) ABC Family

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(c) perezhilton.com

Jennie Garth weiß selbst nicht so genau, was sie hier tut – und schiebt die ganze Schuld auf Spelling:

 

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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