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Published on April 23rd, 2016 | by Manuel Simbürger

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Der Tag, an dem ich Mariah Carey traf

Es ist ein bisschen schade. Da trifft man die erfolgreichste Sängerin aller Zeiten, die vielleicht letzte lebende Legende, und die Reaktionen darauf sind …naja, sagen wir mal verhalten. „Die schaut aber künstlich aus!“ ist eine der netteren Aussagen, die ich zu hören bekomme, als ich stolz mein Foto mit Diva Mariah Carey herzeige. Klar, vereinzelt sind Begeisterungsjauchzer dabei (wenn auch sehr verhalten), aber irgendwie … irgendwie hat’s was mit Europa und der Mimi. Oder vielleicht nur mit Österreich und Mimi. Kann auch sein. Weil: Da beehrte sie die österreichische Hauptstadt wieder mal nach Jahrzehnten – und die Begeisterung, ja das Interesse gar, hielt sich in Grenzen. Und auch das ist nett ausgedrückt.

Besser als der Ruf

Nur 3.500 (!!) Fans fanden sich am 19. April in der Halle D der Wiener Stadthalle ein, deren oberen Ränge verhängt und die Sitzplätze vor der Bühne sehr – SEHR – großzügig verteilt wurden. „Da ist aber wenig los!“, dachten wir uns noch, als wir (meine Begleitungen und ich) ankamen, und der erste Eindruck hat sich auch leider bestätigt. Noch nie war man aus der Stadthalle nach einem Konzert so schnell draußen wie nach der Mimi. Und die Kritiken danach … reden wir besser nicht drüber. Oder okay, vielleicht doch, ganz kurz, weil’s so ganz fair war das nicht immer, was hier über das Goldkehlchen geschrieben wurde: Groß wurde ihr angekreidet, dass sie gute 25 Minuten Verspätung hatte – ganz ehrlich, unter 45 Minuten bemerke ich sowas ja gar nicht. War die Bühnenshow fad? Ja, man hätte mehr rausholen können. War die Tour vor allem auf Nostalgie getrimmt? Sicher, aber das stört einem ja bei Celine, Cher oder irgendwie sogar bei Britney ja auch nicht (und bei Madonna würde man es sich sogar wünschen, würde die ihren neuen Songs ein bisserl weniger Beachtung schenken). War das Konzert mit runden 90 Minuten kurz? Ja, geht so – dass die Sängerin selbst aufgrund von Kostümwechsel oder vielleicht auch nur Faulheit bloß bisserl mehr als 60 Minuten netto auf der Bühne zu sehen war, ist schade und tatsächlich bisschen ärgerlich; genauso, dass sie aus unerfindlichen Gründen ihre Show in Wien gekürzt hat („Vision of Love“, „Against all odds“ anybody?!) – all das geb ich ja zu.

Aber: „The Sweet Sweet Fantasy Tour“ (fragt mich nicht nach dem tieferen Sinn des Titels?!) war eindeutig als Comeback-sehr-her-wie-toll-ich-noch-singen-kann-Tour angelegt. Und diesen Zweck hat sie eindeutig erfüllt. Keine Sekunde lang patzte Mariah stimmlich, setzte immer noch glanzvoll und diva-liscious ihre acht Oktaven unter Beweis und ließ keinen Zweifel daran, dass sie auch noch bald 30 Jahren (!) im Showgeschäft immer noch zu den ganz großen Stimmen gehört, die vielleicht nur von der guten alten Whitney in die Schranken gewiesen werden kann (und, natürlich, von Christina Aguilera, duh!). Mimi hat das geliefert, was man von ihr erwartete und was vor allem die Fans von ihr wollen: Glitzer, Glamour, große Stimme, sexy Tänzer, viel Gefühl, ganz viel Diva, ein bisserl Selbstironie. Zwar bleibt bei eigentlich großen musikalischen Nummern wie „Without you“, „Emotions“ oder „Hero“ ein bisserl das ihnen zustehende Gänsehautfeeling aus, weil man diese Songs nach all den Jahrzehnten einfach zu sehr mit schlechten Karaoke-Abenden verbindet, aber dafür kann die Mimi ja nix (also so quasi). Im Grunde macht sie sich das sogar zunutze: Wenn plötzlich die Legende selbst „Hero“ trällert und nicht mehr der besoffene Typ in der Bar von nebenan, dann bekommt das gesamte Ereignis etwas Surreales – und man muss sich in Erinnerung rufen, dass da vor einem tatsächlich die Diva herself steht, die im Grunde nichts anderes tut, als Mariah Carey zu sein. Das kann man mögen oder nicht – stimmlich gesehen ist das Konzert jedenfalls sicherlich jetzt schon das beste dieses Jahres.

Audienz bei der Queen

Wer dann noch zu den Glücklichen (oder G’stopften) gehörte, die zum Meet & Greet nach dem Gesangsereignis geladen waren, der durfte in dieser surrealen Blase, die den gesamten Abend umgab, noch ein wenig länger verweilen. Knappe 900 Euro musste man hinblättern, um der Großen einmal ganz nahe sein zu dürfen – oder man gewinnt mal eben bei einem Gewinnspiel, wie es bei mir der Fall war, was einem zwar viele neidische Blicke, aber vor allem ein permanentes inneres Grinsen einbringt (was es wert ist!). Wie auch immer man jedenfalls in die heiligen Backstage-Räume gelangt ist, auch hier gilt: Eine Erfahrung war’s auf jeden Fall.

Schon zuvor wurden wir von den Leuten beim Merchandising-Stand (woher auch immer die das wissen….) vorgewarnt, dass die Gute gern auf sich warten lässt. Hat sich auch bewahrheitet – zwischen 30 und 45 Minuten haben wir Fans (circa 13 an der Zahl) vor der Luxusgarderobe asugeharrt, bis uns Audienz gewährt wurde. Wie lang es wirklich war, ist schwer zu sagen, weil irgendwie blieb währenddessen die Zeit stehen, irgendwie waren wir in einem Paralleluniversum, in dem laut gesungen, nervös gezittert und viele Mimi-Zitate zitiert wurden. Und obwohl wir uns in den dreckigen Unweiten der Wiener Stadthalle befanden, fühlten wir uns wie im Buckingham Palace: Die Organisatoren rieten uns, Mariah nur zu berühren, wenn diese von selbst uns die Hand entgegenstreckt. Autogramme gab’s keine, Handys mussten draußen gelassen werden, genauso wie Jacken oder sonstiges umständliches Zeug – weil, bitte, was würde das für einen Eindruck machen, vollgepackt bei der Queen (also quasi) aufzutauchen?! Man solle ihr auch bitte nix vorsingen, das wäre ein absolutes No-Go – was irgendwie verständlich ist, wer weiß, wie oft der Guten die Ohren von Möchtegern-Sängern vollgesäuselt werden. Und es gäbe einen professionellen Fotografen, der die Fotos schießt („Pay Attention! Bang! Bang! That’s it!“), weil Selfies …nein danke. Die Spannung steigt immer mehr – nur nicht beim ebenfalls anwesenden Richard Lugner (mit Neo-Family), der wiedermal so wirkte, als wüsste er nicht wirklich, wo er sich befindet und was um ihn herum vorgeht.

Während wir warten, erhasche ich einen kurzen Blick in die Räume neben der Diva-Suite – und somit auch auf die zahlreichen Tänzer und Mimis süßer Tochter, die sich grad mit irgendeinem Disney-Spiel intensiv beschäftigt. Die Kostüme Mariahs (überraschen kleine Größe!) werden auf einer Kleiderstange an uns vorbeigerollt. Man bekommt ein Gefühl der Hektik, die einem während einer Tour pausenlos umgeben muss – bis die Garderobentür aufgeht und man einen ganz kurzen Blick auf Mariah Carey erhascht, die seelenruhig an einem Champagnerglas nippt und die Ruhe in Person zu sein scheint (was einem irgendwie auch Anerkennung abringt). Dann geht die Tür auch schon wieder zu, das gottesähnliche Licht erlischt und wir müssen uns wieder mit Gesangseinlagen von Möchtegern-Sänger-Fans zufriedengeben.

Die sympathische Diva

Und irgendwann ist es so weit. Wir werden einzeln aufgerufen. Im Durchschnitt sind wir alle nur ein paar Sekunden mit Mariah im selben Raum. Es wird ein Foto gemacht („Bang! Bang!“) und schon wirst du vom Security wieder hinauschauffiert. Ein paar Klischees werden so treffend genau bedient, dass kurz der Gedanke aufkommt, ob das alles inszeniert ist, um der Diva-Persona Mariah gerecht zu werden: Ein Stylist ist anwesend, der die Sängerin vor einigen Fotos mit dem jeweils gerade aktuell auf Wolke 7-schwebenden Fan perfekt zurecht macht. Mariah selbst ist ein Profi: Sie haucht ein zartes „Hi“, wenn du das Zimmer betrittst, setzt ihr professionelles Mimi-Lächeln fürs Foto auf und bedankt sich brav für jedes Lob, das ihr an diesem Abend um die Ohren gehauen wird (was eine Menge sind). Für meine Wenigkeit sieht das so aus: „You killed it outthere! I was in tears all night!“ (Okay, bisschen übertreiben darf man in so einer Situation ja…). Wobei ich mich vor ihr gebetsartig verbeuge, was mich in derselben Sekunde zu dem Gedanken bringt, was zur Hölle ich hier eigentlich mache.

Aber genau das ist es, was Mariah Carey in einem hervorbringt: Ihr Ruf, ihre Legende, ihre Persona ist so groß, dass du dir stundenlang vorher überlegst, was du zu ihr sagen sollst. Was DER perfekte eine Satz ist. Wie du diesen Moment am besten auskostest, weil du weißt: Eine lebende Legende, solch eine triffst du so schnell sicher nicht wieder (außer, du gewinnst halt wieder mal bei einem Gewinnspiel). Bei all den Diva-Momenten an diesem Abend wird einem aber auch klar: So sehr Diva scheint Mimi vielleicht gar nicht zu sein. Auf der Bühne wirkt sie locker, wenn sie zum Publikum spricht, beim Meet&Greet umarmt sie bereitwillig und ohne Allüren alle Fans (zumindest die, die sich an das – angebliche – Berührungsverbot nicht halten; leider war ich nicht so mutig). Sie shakert ein bisschen, wenn du ihr sympathisch bist, und lässt sich gar auf sowas ähnliches wie eine Diskussion mit zuvor erwähntem Möchtegern-Sänger ein, der ihr unbedingt einen seiner Songs andrehen möchte. „That’s fucked up!“ meint sie da an einer Stelle (natürlich mit gehauchter Stimme!), das Aufmüpfige des Superfans ist ihr sichtlich unangenehm – und doch behält sie bis zuletzt Contenance. Auch das nämlich ist eine Diva: Immer die Haltung bewahren. Und deinem Gegenüber zwar sehr wohl wissen zu lassen, mit wem du es gerade zu tun hast, dabei aber gleichzeitig auch für Wohlbefinden zu sorgen. Mimi wirkt nicht unsympathisch (wenn auch gebotoxt) und es tut einem leid, nicht wenigstens ein paar Sätze mit der Großen der Großen wechseln zu können.

Unleash your inner diva

Irgendwann ist’s also wieder vorbei und wir sind gezwungen, die surreale Blase zu verlassen. Wenn dich die kalte Nachtluft trifft, trifft dich auch die Erkenntnis, wen du da eigentlich gerade getroffen hast (und vor wem du dich wie ein Idiot aufgeführt hat) – auch wenn’s nur für gute zehn Sekunden war. Ein bisserl färbt das helle Licht, das Mariah Carey irgendwie sets zu umgeben scheint, auch auf einem selbst ab und man ist im Begriff – sorry für das Klischee, aber ist eh schon wurscht -, seine innere Diva zu entdecken oder rauszulassen.

Dieses Gefühl hält noch einige Tage an – und es bringt dich dazu, nach Jahren wieder grölend und in voller Lautstärke Schnulzen wie „Without you“ oder „Hero“ im Auto mit zu johlen (und das bei offenem Fenster!). Kindheitserinnerungen werden wieder wach und du glaubst wieder an die große Liebe mit allem Kitsch, der dazu gehört. Und was noch wichtiger ist: Du glaubst wieder an die großen Diven der Menschheit, die das Spiel mit Schein und Sein so perfekt beherrschen wie niemand sonst und die in der Lage sind, dich in eine fremde Welt zu entführen und gleichzeitig auf magische Art dein eigenes Selbstbewusstsein aufpolieren (vielleicht, weil du erkennst, dass es noch zickigere Menschen als dich selbst gibt). Die einfach sie selbst sind, ohne Entschuldigungen, ohne Rücksicht auf Verluste, und die auch dann noch an sich selbst glauben, wenn es sonst keiner tut.

Und schon allein deshalb war es der Abend mit Mariah Carey wert. Egal, was andere sagen.

Foto: (c) Manuel Simbürger

 

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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