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Published on Oktober 12th, 2015 | by Manuel Simbürger

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RETROPOP MADE IN AUSTRIA

Sankil Jones‘ Stimme wechselt spielerisch zwischen Bass und Tenor, seine Persona zwischen Freund und unerreichbarem Sexsymbol. Mit seiner neuen Single die Retropop in Österreich etablieren soll, will er nun ganz Österreich erobern. Ob’s funktioniert? Eine kleine Analyse.

Wenn Sankil Jones den Raum betritt, nimmt er genau diesen für sich ein. Die Augen sind auf ihn gerichtet, man sucht automatisch – bewusst oder unbewusst – seine Nähe und hängt an seinen Lippen, wenn er von seiner Musik erzählt, seinen Interessen, seinen Vorbildern, seiner Vergangenheit, ja vielleicht auch seiner Sexualität, wenn es mal etwas juicier zugeht. Dieses Phänomen, wir können es an dieser Stelle ja spontan das „Jones-Phänomen“ nennen, war auch im Szene-Lokal „Village“ vergangenen Mittwoch zu bemerken: Da stellte Sankil Jones, bisher als „Eurovisions Bohemian Prince mit der unverkennbaren Soustimme“ bekannt, nämlich seine Comeback-Single „My All“ vor. Die Gäste drängten sich um ihn, wollten Fotos, reagierten auf das dazu gehörige Musikvideo, das am Bildschirm im Lokal im Stundentakt vorgestellt wurde, euphorisch, klopften Jones anerkennend auf die Schulter. „Fire“, Jones bekanntester Song bis dato – schließlich wurde er 2011 mit eben diesem Stock für kurze Zeit als Armeniens heißester Anwärter für den Eurovision Song Contest und Österreichs Wildcard gehandelt – drang natürlich auch durch die Boxen, ebenso wie Jones frühere Singles „U’ll never know“ und „Beautiful People“.

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Ja, es war der Abend des Sankil Jones. Und obwohl die Releaseparty im „Village“ stattfand, war an diesem Abend mehr als deutlich: Jones, in der Szene bereits ein bekannter Name, will mehr. Will hoch hinaus, will auch den Mainstream erobern und vielleicht auch Conchita den Rang als Österreich derzeit heißester Popexport ein bisserl ablaufen. Einen sexy Bart hat Sankil schließlich auch, eine mindestens ebenso bemerkenswerte Stimme sowieso – und was die Bühnenpräsenz angeht, da ist er sogar schon ein bisserl weiter als Conchi, übriges eine frühere enge Freundin von Jones.

Aber von Beginn an: Wer ist dieser Sankil Jones eigentlich genau? Klar, da gab’s schon mal ein Album, ein wirklich gutes noch dazu, aber das war dann doch eher nur in Insider-Kreisen bekannt. In den letzten Jahren überzeugte Jones zwar bei verschiedensten Auftritten aller Art in allen Schattierungen und Farben, der große Durchbruch blieb aber aus. Was sich mit „My All“ schlagartig ändern könnte. Aber wir greifen voraus. Was bei Jones nicht ungewöhnlich ist: Der Künstler versagt sich (linearen) Schubladen und Kategorien, man weiß nicht genau, wo man bei ihm anfangen soll, weil die intensiven Eindrücke, die er als Künstler (und als Person) hinterlässt, derart auf einen einprasseln, dass man etwas atemlos zurückbleibt. Und man gleichzeitig mehr will. Kurz: Jones fixt einen an (und das ist vielleicht einer der lässigsten Sätze, die ich seit langer Zeit geschrieben habe).

„That boy can sing!“

Geboren in Wien und aufgewachsen in Long Island/New York als jüngster Spross einer österreich-libanesischen Künstlerfamilie sang Sankil Jones bereits mit vier Jahren im kirchlichen Gospelchor, tourte als eine Art US-Version der Wiener Sängerknaben mit Musiklegenden wie Diana Ross, Chaka Khan und Dionne Warwick – bis heute zählt er die Damen zu seinen großen Vorbildern (wie übrigens der queere US-Superstar Adam Lambert auch). Da hat Little Sankil das erste Mal gemerkt, dass die Bühne wirklich das ist, was und wohin er möchte. Später, irgendwann. Singen, musizieren, das war die Form des Ausbrechens für den kleinen Sankil, die Form des Sich-Selbst-Findens und die Art und Weise, wie er in der Welt im wahrsten Sinne des Wortes seine Stimme verankern konnte.

Apropos Stimme: Die fiel recht schnell auf, umfasst mehrere Oktaven und erreicht so auch mal Höhen in Mariah Carey-Sphären. Besonders bei der neuen Single „My All“ erinnert Jones stimmlich (und musikalisch) an Funk-Superstar Bruno Mars, ein bisschen Sam Smith mag man vielleicht auch heraushören, Meghan Trainor auch noch dazu. Man kann auch sagen: Jones‘ Stimme wechselt auf faszinierende Art spielerisch zwischen Bass und Tenor, zwischen müheloser Lässigkeit und Emotionen, die unter die Haut (oder besser: ins Ohr) gehen. Weshalb es von Jones Balladen zum Kuscheln genauso gibt wie Up-Tempo-Songs zum Abfeiern. Eine Stimme, die übrigens auch polarisiert, wie es so oft ist mit Künstlern, die aus der gesellschaftlichen Komfortzone fallen. Aber wir greifen schon wieder vor.

Als junger Erwachsener studierte Jones Violine, Gesang und Tanz an der Manhattan School of Music und dem Konservatorium der Stadt Wien. Und weil außergewöhnliche Stimmen selten für lange Zeit unentdeckt bleiben, folgten bald darauf Hauptrollen in nationalen und internationalen Musicals und sogar ein Gastauftritt mit Patti „Lady Marmelade“ LaBelle. Und die meinte damals vor tausenden von begeisterten Fans: „That boy can sing!“ Das darf man schon würdigen, LaBelle, die Gute, ist schließlich bekannt dafür, sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Für Jones ging dieses Kompliment wohl runter wie ein 1-Kg-Glas Nutella – eine von vielen Süßigkeiten übrigens, nach der der Sänger süchtig ist. Irgendein Laster müssen wir ja schließlich alle haben.

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Firestarter“ mit Startproblemen

Nach Jobs als Model für „Bennetton“ oder „H&M“ sowie als Choreograph und Tänzer begab Jones sich auf hohe See, gab auf Luxus-Kreuzfahrtschiffen sein Gesangstalent zu besten, umkreiste dabei gleichzeitig ganze dreimal die gesamte Welt – und schrieb während dieser Selbstfindungphase seine ersten eigenen Songs. Etwas, das er bis heute tut, übrigens. Komponieren, texten, choreographieren: Was Sankil tut und macht, was man von ihm sieht und hört, davon muss er überzeugt sein. Das ist echt. Weil Sankil Jones die Musik lebt, mit jeder Faser seines Körpers. Jones ist nicht einer dieser Künstler, die sich hinter ihrem hübschen Gesicht, ihrem Style, ihrem strahlenden Lächeln verstecken und dabei hoffen, auch mit Durchschnittsmusik ihr Publikum zu finden. Jones ist ein Vollblutmusiker, immer schon gewesen.

Trotzdem klappte es nicht gleich auf Anhieb mit dem großen Erfolg: „Fire“ war zwar 2011 in der engeren Auswahl der ESC-Beiträge von Österreich, auch für Armenien sollte Jones beim größten Sangeswettbewerb Europas kurzzeitig teilnehmen. Hat dann doch nicht geklappt, die Hüftschwung-Hymne ist nichts desto trotz bis heute Jones‘ bekanntester Song und sein Markenzeichen.
Auch sein Debutalbum „Firestarter“ brachte nicht (auch aufgrund diverser Probleme mit der damaligen Plattenfirma) den erhofften Durchbruch, ließ Jones aber zumindest auf den Rader von Musik-Insidern und –Liebhabern erscheinen. Zu Recht: „Firestarter“ ist eine gelungene, wenn auch harmlose Mischung aus R&B, Reggae, Pop und Dance. Auf der Platte vermischen sich karibische und orientalische Einflüsse, gibt’s Tiefgründiges genauso wie Gute-Laune-Songs, die nichts anderes wollen, als den geneigten Zuhörer zum Tanzen zu motivieren. Vielleicht war „Firestarter“ noch kein ganz so rundes Bild, vielleicht hat sich Jones zu dieser Zeit noch nicht so ganz selbst gefunden. Aber die Scheibe zeigte bereits die größte Stärke des Sängers: nämlich seine Vielfältigkeit. Sein Nicht-Kategorisieren-Lassen. Weshalb auch eine Faszination für diesen Künstler entsteht, die einem so schnell nicht loslässt. Man möchte herausfinden, wer dieser Wiener mit den libanesischen Wurzeln ist, der Mensch bzw. der Künstler hinter dem Hipster-Bart und dem jungenhaften und gleichzeitig tiefgründigen Charme. Sankil Jones widerspricht sich auf die positivste Weise und bleibt dadurch spannend.

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Trendy Anzug statt sexy Hüftschwung

„Firestarter“ machte Sankil Jones nicht nur in Insider-Kreisen, sondern auch in der LGBTI-Szene zum bekannten Gesicht. Auf diversen Veranstaltungen wie dem Pride Village oder der Linz Pride war – und ist – Jones gern gesehener Gast auf der Bühne, seine Auftritte gelten als Highlights des jeweiligen Programms. Besonders im Club Chaya Fuera hat Jones’ ein musikalisches Zuhause gefunden. Aber besonders in letzten zwei Jahren wurde mehr und mehr deutlich: Jones wuchs als Künstler permanent, die Bühnen wuchsen aber nicht mit. Jones konnte (und kann) bei seinen Auftritten nicht die ganze Palette seines Könnens zeigen, kann – wenn wir es poetisch haben wollen – seine Flügel nie gänzlich ausbreiten. Und das, obwohl nach jedem Auftritt begeisterte Fans seine Nähe suchen, um Fotos fragen, seine Musik kaufen wollen. Das „Phänomen Jones“ eben.

Neben diversen Auftritten aller Art arbeite Jones hart an seiner Musik, an seiner Weiterentwicklung als Künstler. Entdeckte erneut seine in seiner Kindheit wurzelnden Liebe zu Soul, R&B und Gospel, ohne dabei seiner schwulen Seele die Leidenschaft zu ins Ohr gängigen Pop mit mehr als sexy Untertönen zu verweigern. Jones ging in sich, schrieb sich die Seele aus dem Leib, komponierte, verbrachte Nächte im Tonstudio. Seine (wenn auch durchaus unterhaltsamen) Background-Bauchtänzerinnen wurden gegen eine Big Band ausgetauscht, die sich Jones‘ Stimme nicht nur unterwerfen, sondern diese gleichzeitig auch stetig herausfordern. Und plötzlich war der Mix aus Shakira, Beyonce und Mariah verschwunden, der sexy Hüftschwung wird nur noch sparsam eingesetzt. Mit halbnacktem Oberkörper geht Jones mittlerweile auch nicht mehr auf die Bühne, stattdessen gibt’s erwachsenen Anzug, trendy Sneakers und diesen unwiderstehlichen Hipster-Bart. Man könnte auch sagen: Jones ist erwachsen, sein Profil als Künstler ist runder geworden, die interessanten Ecken und Kanten sind aber geblieben. Die Texte seiner Songs (Jones hat aktuell sehr viele im Petto!) sind tiefgründiger, vielleicht auch provokanter geworden, driften aber nie in eine belastende Schwerfälligkeit ab, sondern gehen gerade nie zu weit in die Tiefe, um die Masse abzuschrecken. Ja, auch Sankil Jones singt am liebsten über die Liebe. Selten hat dies aber ein (fast-)österreichischer Künstler derart mühelos und auf internationalem Niveau getan wie Jones.

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Feel-Good-Vibes der 1970er

„My All“, die neue Single, ist eine Art Hommage an Bruno Mars, geht mühelos ins Ohr und funktioniert als Hintergrundmusik genauso wie als bewusstes Auseinandersetzen mit den eigenen Gefühlen. Jones singt über die große Liebe, über das Weltverändernde, wenn man den Partner gefunden hat, mit dem man „händchenhaltend die Welt umkreisen möchte“, wie er singt. Könnte alles kitschig, ja fast pathetisch werden, wäre da nicht dieser – wir haben’s schon gesagt – jungenhafter Charme von Jones, der selbst die kitschigsten Love-Lyrics mit einem Grinsen und gewinnenden Charme ohne jede Peinlichkeit rüberbringen kann. „My All“ transportiert Feel-Good-Vibes der 1970er-Jahre, eine Mischung aus Romantik und freier Liebe, aus unzerstörbarem Optimismus und dem Willen bzw. der Bereitschaft, für eine bessere Welt und das persönliche Glück zu kämpfen. Gepaart mit seiner tatsächlich unverkennbaren Soulstimme und einer begleitenden Big Band ist „My All“ eine Mischung aus Pop und Gospel – oder besser: Retropop, ganz im Stil von Sam Smith, Meghan Trainor, Adele oder eben Bruno Mars. Dass dieser Song aus Österreich stammt, ist ihm nicht anzuhören – und an dieser Stelle ist das durchaus positiv gemeint.

Denn viele andere Künstler aus Österreich, die gerade den nationalen und deutschen Musikmarkt erobern, Tagträumer zum Beispiel, Wanda oder Bilderbuch, setzen im Grunde alle auf dieselbe Karte: Gesungen wird auf (Hoch-)Deutsch, geschwommen auf der wieder erwachten Deutschen Welle, als Band sind sie mehr oder weniger Abwandlungen von Wir sind Helden, Revolverheld und Co. Das ist absolut okay. Jones aber geht hier nicht den sicheren Weg, und das ist erfrischend: Er liefert astreinen Pop mit Gospel-Funk-Soul-Sprengseln, die ein großes amerikanisches Feeling haben und genau deshalb dem österreichischen Markt gut tun könnten. Weil es mal etwas Anderes ist. Und weil Jones auch zeigt, dass sich Mainstream und Qualität nicht ausschließen.

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Sankil und Conchita: 2 Bärte aus Österreich

Klar, da gibt es noch Conchita, die hat all das auch schon bewiesen. Und das ist gut so. Es gibt aber genug Platz für beide, denn für Jones, so sagt er selbst, ist Konkurrenz sowieso nichts anderes als „eine Illusion, gerade in der Kunst“. Aber ja, es gibt tatsächlich mehrere Ähnlichkeiten zwischen Jones und der (ehemaligen) Wurst: Der Bart, der ESC-Background, das internationale Flair, die Sexyness. Der offene Umgang mit der eigenen Sexualität. Jones und Wurst (alias Tom Neuwirth), die waren übrigens auch mal richtig eng, vor einiger Zeit, vor Conchitas Weltkarriere. Während bei Conchita aber von Beginn an nicht die Musik (die neueste Single “Where have all the good men gone?” ist noch dazu auch im Retro-Sound gehalten), sondern ihre Sexualität und die daraus folgenden politischen Statements im Vordergrund standen und stehen, kommt der schwule Aspekt bei Jones weniger Aufs-Auge-drückend und somit angenehm unaufgeregt daher. Singt er in „My All“ über seinen Boyfriend? Darf man annehmen. Spricht er öffentlich drüber, dass er auf Männer steht? Klar. Forciert er es? Baut er seine Karriere drauf auf? Nein. Sankil Jones ist Musiker aus Leidenschaft, der halt zufällig schwul ist. Diesen Weg schlagen auch die US-Superstars Adam Lambert und Sam Smith ein, und genau dieser unaufgeregte Umgang mit der eigenen Sexualität ist es, was diese Künstler sympathisch (und vielleicht auch erfolgreich) macht. Dass Jones auch gern mal, zwischendurch, am Life Ball zum Beispiel, gefährlich hohe High Heels anzieht, unterstreicht die interessante Ambivalenz einmal mehr. Genauso wie – und auch hier gleicht er Conchita: Sankil Jones ist ein Künstler zum Anfassen, ohne dabei diese spezielle Aura des Unerreichbaren zu verlieren. Und genau das ist, finden wir, schon mal kein schlechter Ausgangspunkt für eine große Karriere.

Wir dürfen auf jeden Fall noch gespannt sein, was da noch so kommt, vom Burschen, der einst mit Diana Ross sang und heute in Österreich den Retropop etablieren möchte. Dass er dabei auch noch verdammt sexy ist, darüber beschweren wir uns natürlich auch nicht.

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(Dieser Artikel erschien ursprünglich im Vangardist Magazine)

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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