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Published on September 16th, 2014 | by Manuel Simbürger

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Zach Braff und sein Konzept von Männlichkeit

Zach Braff präsentiert in seinen Werken männliche Protagonisten weitab von jeglichen Geschlechternormen: Seine Helden sind sensibel, weinerlich und tun alles dafür, mit ihren Gefühlen im Einklang zu sein. Sie sind holde Jünglinge, die von der strahlenden Prinzessin gerettet werden.

Am 10. Oktober startet Zach Braffs (yes, that guy from Scrubs!) neuer Streifen „Wish I was here“ in den österreichischen Kinos. Und weil ich gerade wegen meinem Treffen mit Braff vollkommen im Braff-Fieber bin, hab ich mir kurzerhand nicht nur alle Scrubs-Staffeln auf DVD gekauft, sondern auch endlich nachgeholt, mir „Garden State“ anzusehen, Braffs Regie-Debüt im Jahre 2004. Und auch, wenn ich mir vom hochgelobten Streifen mehr erwartet hätte und Natalie Portman mir in diesem Indie-Werk auf ganz eigenartige Weise tierisch auf den Sack ging, so offenbart „Garden State“, besonders in Verbindung mit „Wish I was here“, dass Zach Braff ein mutigerer Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur ist, als man auf den ersten Blick glauben mag.

Denn Braff propagiert kompromisslos in all seinen Werken einen Typ von Mann, der sich in den letzten Jahren immer mehr vom TV-Bildschirm und der Kinoleinwand verabschiedet hat: Sensible Männer nämlich, die nicht nur keine Angst haben, ihre Gefühlswelt zu erforschen, sondern auch auf starke Frauenfiguren angewiesen sind, um das eigene Leben zu meistern. Männer, die keine Angst haben zu weinen, Männer, für die das Meistern der alltäglichen Routine schon schwierig genug ist, auch vollkommen ohne Explosionen, terroristische Anschlägen oder sexuellen Freizügigkeiten. Feminine Männer, könnte man nun sagen, auch wenn man hier vielleicht zu sehr in Rollenklischees tappt.

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(c) Screenshot Garden State

Wie man diese Art von Männern (oder sind wir nicht eigentlich alle „diese Art von Männern“, wenn auch manchmal nur heimlich hinter verschlossenen Türen?) nun auch nennt: dass Braff in „Wish I was here“ dieses Konzept von Männlichkeit gnadenlos weiter verfolgt, ist heute um einiges bemerkenswerter, als es noch Anfang der Nullerjahre war: Denn seit einigen Jahren sind wir dazu übergegangen, maskuline Männer zu fetischieren, zu feiern, auf ein Podest zu stellen (und aus einem sexuellen Standpunkt kann ich das sehr gut nachvollziehen, aber darum geht’s hier ja nicht).  Don Draper (mir ist gerade aufgefallen: Lässt man das D im Nachnamen weg, dann….), Walter White, Ron Swanson, Jesse Pinkman, Ari Gold, all die CSI-Typen, Eric Northman, Charlie Harper im TV; Channing Tatum, Tom Hardy, Mark Wahlberg, neuerding auch Zac Efron im Kino: Männer, die nicht verstehen – und nicht verstehen wollen -, wie Frauen denken und fühlen, die ihre Gefühle tief begraben haben, dafür aber die gesamte Welt beschützen. Die eins mit sich und vor allem ihrem Körper sind, die selbstbewusst durchs Leben gehen und wissen, was es heißt, ein Mann auf dieser Welt zu sein. Nicht zufällig sind Hipster-Bärte aktuell das wichtigste Mode-Accessoire des Mannes, nicht von irgendwoher hat sich gerade jetzt eine neue Untergruppe der Männerkultur gebildet: Die sogenannte „Sporno-Generation“ (der Begriff setzt sich aus „Sport“ und „Porno“ zusammen) liebt es, ihren nackten, gestählten Oberkörper zu zeigen, direkt nach dem Mucki-Training Selfies zu schießen (und ins Netz zu stellen) und ihrer Selbstverliebtheit somit genug Raum zu geben, um sich entfalten zu können. Justin Bieber, Zac Efron, Christiano Ronaldo oder Duncan James sind würdige „Sporno“-Vertreter, wollen vor allem eines: nackt gut auszusehen (again: nicht, dass ich mich aus sexueller Sicht beschweren würde….). Sogar der aktuell rundum beliebte Sheldon Cooper aus TBBT ist im Grunde genommen ein gefühlskalter Egoist, der nicht in der Lage ist, Empathie gegenüber seinem Umfeld zu empfinden.

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(c) NBC

Dass Braff seit Beginn seiner Karriere stets ähnliche männliche Charaktere gibt und inszeniert, könnte man als berechenbar bezeichnen, ist gleichzeitig auch sein Trademark – und mit dem fährt er schließlich ganz gut. Was durchaus überraschend ist, denn weibliche Männer auf emotionaler Selbstfindungs-Reise kommen auch bei Frauen nicht immer gut an, die schwule Schublade wird da ohnehin ganz schnell geöffnet. Um dem Ganzen die Dramatik zu nehmen, hat Braff in seinen Darstellungen immer schon die nötige Brise Humor eingebaut – gerade so viel, um sich nicht über die eigene Sensibilität lustig zu machen, aber auch nicht zu wenig, um als Weichei abgestempelt zu werden. Braffs Konzept von Männlichkeit begann bereits in Scrubs, wo er neun Jahre lang den sensiblen, tollpatschigen, einfühlsamen und auf den ersten Blick alles andere als „männlichen“ J.D. Dorian gab. Da gab’s natürlich reichlich Mäderl-Witze, was am Ende den Sympathiewert von J.D. aber nur noch höher steigen ließ. Ein männlicher Charakter, wenn auch „nur“ in einer Sitcom, der sich seinen Tagträumen hingibt, der in seiner Bromance zu seinem besten Freund mehr aufgeht als in jeder Beziehung zu einer Frau, der im Laufe der Jahre erwachsen wird, dabei aber niemals seinen Zugang zu seiner Gefühlswelt verliert – das ist bemerkenswert und hat im TV Seltenheitscharakter. Nicht mal der als sensibel titulierte Romantiker Ted Mosby aus HIMYM kann da mithalten. Im Gegenteil: Im Vergleich zu J.D. wirkt Ted wie ein Chauvinisten-Schwein.

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(c) NBC

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(c) NBC

In „Garden State“ ging Braff diesen Weg weiter und präsentierte mit Andrew Largeman eine Figur, deren größtes Problem ist, zu seinen Gefühlen keinen Kontakt mehr zu haben, da er seit Jahren auf Antidepressiva ist. Die Reise, die Andrew im Film erlebt, ist eine, die bei Empfindungslosigkeit anfängt und bei seiner Empfindungsfähigkeit endet. Ein Thirtysomething, der seine Probleme als die größten auf der Welt befindet und dies auch nicht verheimlicht. Dessen erste Träne nach dem Tod der Mutter in einer Teetasse seiner neu gewonnenen Freundin (und Seelenverwandten!) aufgefangen wird. Zach Braff geht mit „Garden State“ in seiner Darstellung von Männlichkeit sogar noch einen Schritt weiter, da er hier nicht nur als Hauptdarsteller, sondern auch als Drehbuchautor und Regisseur verantwortlich zeichnet. Als Mann solch einen intimen, kleinen, feinfühligen, schmerzhaften, zweifelsohne persönlichen Film abzuliefern, ist bemerkenswert. Meist setzen sich nur weibliche Regisseure so derart intensiv mit Gefühlen auseinander. Regisseur Braff schreckt zum Beispiel auch nicht davor zurück, Stilmittel wie den Regen als Symbol der Erlösung einzusetzen, die Reise ins Innere des Ichs kompromisslos, aber nicht ohne Angst anzutreten.

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(c) Miramax

Vor allem aber ist in „Garden State“ die weibliche Protagonistin, interessanterweise mit dem männliche Namen „Sam“ betitelt, gleichzeitig aber von der mädchenhaften Natalie Portman dargestellt, jene Figur, die den männlichen Helden rettet, ihm bis zum Ziel begleitet und ihm wieder Hoffnung schenkt. Interessanterweise ist genau dies von Kritikern negativ hervorgehoben worden: Sam würde nur existieren, um die männliche Hauptfigur zu retten. Ähm…ja, stimmt schon, weil alle Nebenfiguren im Film nur deshalb existieren, um den männlichen Protagonisten zu seinem Ziel zu verhelfen (okay, das kann man durchaus kritisieren). Ich sehe aber nichts Falsches daran, Sam als seelische Stütze zu inszenieren, ganz im Gegenteil: es ist beinahe eine kleine Revolution, dass Sam es ist, auf die Andrew angewiesen ist, um sein Glück wiederzufinden, und nicht umgekehrt. Hier ist es nicht die Maid, die in Nöten ist, sondern der holde Jüngling. Dass Braff mit Geschlechterkonstruktionen ohnehin wenig anfangen kann, zeigt auch die kleine Szene mit (treffenderweise) Jim Parsons, in der dieser in Ritterrüstung – dem Symbol der Männlichkeit schlechthin – verirrt durch die Küche irrt und nur deshalb anwesend ist, wie wir kurz darauf erfahren, um seiner älteren Geliebten als Lustknabe zur Verfügung zu stehen.

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(c) Miramax

10 Jahre später, in „Wish I was here“, bleibt Braff seiner Linie treu. Aidan Bloom ist ein erfolgloser Schauspieler, der sich vom American Dream schon lange verabschiedet hat. Die Familie ernährt seine Frau (gespielt von Kate Hudson), der starke Felsen in der Brandung sozusagen. Diese stellt zwar tatsächlich ihre eigenen Wünsche in den Hintergrund, um Aidans Traum zu unterstützen, stellt aber dann irgendwann die alles entscheidende Frage: „When became this relationship one-sided?“ Und ab diesem Moment denkt Aidan um, ihm wurde von seiner Frau die Augen geöffnet. Er entschließt sich sogar kurzerhand, seine Kinder selbst zu unterrichten, da er sich dessen Privatschule nicht mehr leisten kann. Da seine Tochter aber nicht nur in Geometrie so viel mehr weiß als er selbst, beschließt Aidan, seinen Kindern das Leben anstatt Schulfächer beizubringen – und begibt sich mit ihnen auf eine kleine Reise mit großen Auswirkungen. „Did you haven an epiphany?“, fragt ihn dann mal seine Tochter. Nein, gibt Aidan offen zu.

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(c) Focus Features

Denn anders als noch in den Zwanzigern hat Braff alias Aidan alias Andrew („Wish I was here“ könnte glatt als Fortsetzung von „Garden State“ durchgehen) nun mit Ende Dreißig begriffen, dass es mehr als das Eins-Sein mit seiner Seele bedarf, um das Leben, den Alltag zu meistern. Manchmal muss man auch aktiv anpacken, muss Dinge verändern. Weil wir hier in einem Zach Braff-Movie sind, geht dies natürlich nicht ohne traumhafte Bilder, berührenden Montagen und emotionalem Soundtrack über die Bühne. Und auch in „Wish I was here“ (wie schon in „Garden State“) stellt die Beziehung zu der eigenen Familie, vor allem zu seinem Vater, einen wesentlichen Aspekt im Film dar – was erneut für einen männlichen Autor und Regisseur nicht selbstverständlich ist. Aidan ist es, der seine ursprüngliche Familie erneut zusammenführen muss, als sein Vater an Krebs erkrankt und nur noch wenige Wochen zu leben hat. Er ist es, der trotz ständiger Kritik seitens seines Vaters (der bezeichnenderweise keine Gefühle zeigen kann!) sich bis zur letzten Sekunde um ihn kümmert, der seinen kleinen Bruder aus seiner Internet-Bubble herausholen möchte, der sich plötzlich elementaren Fragen aus der Religion (!) entgegenstehen sieht. Der  – wieder ähnlich wie in „Garden State“ – eine Veränderung durchmacht und vom Kindsmann zum Mann wird. Ein Mann, der sich nach wie vor gängigen Klischeebildern entzieht: Im Bett ist Aidan zwar ein guter, aber auch verspielter Lover. Jene Szene, die aber am besten Braffs Männlichkeits-Konzept unterstreicht und wiederspiegelt, ist jene, in der Aidan den Kollegen seiner Frau wegen sexueller Belästigung zur Rede stellen will. Hier folgt er das einzige Mal den gesellschaftlichen Codes eines männlichen Mannes, will sich mit dem Unsympathler prügeln – und verliert, bevor die Schlägerei überhaupt noch angefangen hat. Aidan wollte ein Mann sein, wie ihn sich die Gesellschaft vorstellt – und ist dabei kläglich gescheitert. Gut so, denn so kann er weiterhin er selbst ist, weit weg von etlichen gesellschaftlichen Normen und Kategorien. Bezeichnend: Dass Aidan seinem Widersacher körperlich nichts entgegenzusetzen hatte, scheint ihm in keiner Weise zu stören. Seine Männlichkeit wurde durch die verlorene Schlägerei nicht angekratzt. Weil sich seine Männlichkeit durch vollkommen andere Faktoren definiert.

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(c) Focus Features

Man darf gespannt sein, welche männlichen Figuren uns Braff in Zukunft noch präsentieren wird. Hoffen wir, dass er seiner mutigen Linie treu bleibt – was man annehmen darf, denn die männlichen Protagonisten, die Braff darstellt, scheinen ihm selbst sehr ähnlich zu sein: Im Interview, das er mir gab, schien er zum Beispiel sehr betroffen zu sein, dass ihm die Entscheidung, seinen neuesten Film via Crowdfunding zu finanzieren, derart übel genommen wurde. Er erzählte offen von seiner Fantasie, von einer starken Frau gerettet zu werden und davon, dass er oft in seine eigene Welt verschwindet, sich, ganz wie seine Figuren, ausgiebigen Tagträumen hingibt. Zach Braff gibt sich Mühe, trotz seines geschätzten 240 USD-Vermögens wie der nice guy von nebenan rüberzukommen. Man hat das Gefühl, Zach Braff will gemocht und geliebt werden. Das ist vielleicht keine Stärke, aber durchaus menschlich. Auch und vor allem für einen Mann.

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(c) Wild Bunch Germany

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(c) Focus Features

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(c) Wild Bunch Germany

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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