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Published on November 3rd, 2014 | by Manuel Simbürger

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Wenn Conchita mit Gaultier Schnitzel isst

In der aktuellen Ausgabe der arte-Sendung „Durch die Nacht mit …“ machte ESC-Diva Conchita Wurst mit Kult-Modezar Jean-Paul Gaultier Wien unsicher. Zwar nicht ohne Klischees, dafür mit viel Herz. Und Royalität.

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(c) Screenshot

Stell dir vor: An einem Tag bist du noch recht unbekannt, dein Heimatland weiß nicht so recht, was es mit dir anfangen soll und irgendwie versteht dich einfach keiner. Dann passiert in einer Nacht etwas Magisches, du lässt dir Flügeln aus loderndem Feuer wachsen und steigst wie ein Phönix aus der Asche auf. Plötzlich liebt dich die Welt, Elton John schickt dir Blumen, Jean-Paul Gaultier möchte dein Freund sein und sogar der renommierte „New Yorker“ widmet dir einen ausführlichen Leitartikel.

Willkommen in der Welt von Conchita Wurst.

Und weil in der Welt von Conchita Wurst eben alles möglich zu sein scheint, ist’s auch vollkommen normal, wenn man mal eben mit bereits erwähntem Kult-Designer Gaultier die österreichische Bundeshauptstadt unsicher macht, Käsekrainer und Wiener Schnitzel mampft und mit einer historischen Bim durch die Gegend cruised (ausgetrahlt auf arte in der Nacht vom 2. auf 3.11.)

Hagen, Nitsch und Bleibtreu haben’s auch schon getan

So geschehen in der aktuellen Ausgabe der mit dem Grimmepreis ausgezeichneten ARTE-Kultsendung „Durch die Nacht mit …“: Die Idee der Sendung besteht darin, zwei – wenn möglich recht unterschiedliche, aber dann doch wieder so ähnliche – Prominente bei ihrem nächtlichen Streifzug durch die Heimat- oder Arbeitsstadt einer der beiden zu begleiten. Da war Christoph Schlingensief ebenso bereits dabei wie Nina Hagen, Udo Kier, Moritz Bleibtreu, Hermann Nitsch, Luc Bondy oder Lena Mayer-Landruth, die eher durch nerviges Gezicke anstatt sympathischem Frohgemut auffiel. Das Konzept der Sendung geht tatsächlich auf, man blickt hinter die Fassade der von zwei Kamerateams begleiteten Promis, während einem unaufdringlich der Charakter und der Charme der jeweiligen Großstadt nähergebracht werden. Vorgegeben wird den Promis dabei nichts, sie dürfen sich die Abendgestaltung selbst zurechtlegen und reden über das, was ihnen gerade (nicht) auf der Seele brennt.

Riesenrad, Prater und Sisi-Museum

Was darf man also erwarten, wenn zwei so genauso glorreiche wie funkelnde und berüchtigte Persönlichkeiten wie Conchita Wurst und Jean-Paul Gaultier aufeinandertreffen? Die beiden hätten so viel zu besprechen, sei es über ihre persönlichen Erfahrungen als Homosexueller, über das Aufbrechen traditioneller Gender-Normen (Gaultier machte den Rock für den Mann gesellschaftsfähig, Wurst die Bart für die Frau), über homophobe Politik und was es überhaupt heißt, dieses Wörtchen „Kunst“.

Weil aber sowohl Gaultier als auch Wurst bekannt dafür sind, den Erwartungshaltungen nicht zu entsprechen (und das meine ich ganz und gar positiv), wurde viel über Kaiserin Sisi diskutiert, über Mode, über – klar – den Song Contest und über Madonna. Überraschenderweise wurden bei dem Streifzug durch Wien (der dieses Mal interessanterweise bereits am Nachmittag begann) kein Klischee ausgelassen: Wurst und Gaultier aßen Käsekrainer am Würstelstand (wo sie von einem „ganz spontan“ auftauchendem Streicherquartett unterbrochen wurden, das eine sehr eigenwillige Version von „Rise like a Phoenix“ zum Besten gab), Schnitzel im Szene-Restaurant „Motto am Fluss“, flanierten durch das Sisi-Museum, fuhren den Wiener Ring entlang, besuchten den Prater samt Riesenrad und statteten – okay, vielleicht nicht ganz dem Klischee entsprechend – der Universität für Angewandte Kunst sowie dem Schauspielhaus einen Besuch ab. Ach ja, Gaultier übernächtigt im Sacher, wo sonst. Und weil wir in Wien – nein, in Österreich – sind, verabschiedet sich der Straßenbahnfahrer bei Gaultier mit einem urigen „Wiedaschaun!“ – vielleicht der größte Schmunzel-Moment der gesamten Sendung.

Smalltak statt Gender-Diskussionen

Das mag als erstes irritieren,  all das Setzen auf Bewährtes, auf Bekanntes, gehen doch Wurst, Gaultier und Klischees so gar nicht zusammen, entfaltet aber, je länger der Stadt-Streifzug der beiden dauert, mehr und mehr seinen Charme: Locker und frei von der Leber weg quatschen beide drauf los – auch wenn, das muss man sagen, das Gespräch der beiden über weite Strecken nicht über harmlosen Small Talk hinausgeht und Einblicke ins Privatleben nur bedingt gegeben werden. Hätte man sich da mehr Tiefe erwartet? Ja, vielleicht. Weil zu erzählen hätten sich die beiden ja eben sicher einiges. Nur: Wieso sollten sich zwei so kreative Persönlichkeiten bei einem – halbwegs entspannten – Streifzug durch Wien sich gegenseitig mit Gendertheorien nerven? Auch wenn man’s nicht glauben mag, aber auch eine Conchita Wurst denkt nicht pausenlos düber nach, wie man die Grenzen zwischen Mann und Frau, zwischen homo- und heterosexuell durchbrechen könnte. Und Gaultier, das gab in der Sendung offen zu, findet’s ganz angenehm, nicht immer revolutionär sein zu müssen. Solch kopflastiger Theoriebombast hätte dann doch nur den Spaß und die Lockerheit zerstört und wäre leicht in ein pseudo-philosophisches Geschwafel bei Schnitzel und Sisi-Anbetung abgerutscht. Zudem scheinen sich beide gut miteinander zu verstehen, das gemeinsame Verständnis im Bereich der Mode oder der Kunst wird deutlich. Wäre doch schade gewesen, dieses durch Universitäts-Geplänkel zu unterdrücken.

Conchita Wurst, die neue Sisi

Spannender als der Inhalt der Gespräche der beiden (Gaultier wird nicht müde zu betonen, wie toll er Wien und Conchita findet, während auch Conchita nicht mit Lobeshymnen für den Designer spart) ist es aber ohnehin zu beobachten, wie sich beide während der Sightseeing-Tour verhalten. Während Gaultier den gütigen Patenonkel gibt und voll und ganz Conchita den Vortritt lässt, weiß diese, was sie tun, sagen und vielleicht auch denken muss, um erneut zu glänzen: Die Wurst gibt sich wie gewohnt betont bescheiden, bedankt sich artig für jedes Kompliment  und scheut auch nicht davor zurück, offen über ihre Schwächen zu sprechen. Sie posiert geduldig für Fotos und lächelt den Fans, die plötzlich an jeder Ecke Wiens zu stehen scheinen, freundlich zu. Fast wirkt Conchita wie Kaiserin Sisi selbst, wenn sie durch die Wiener Innenstadt flaniert und ihren Bewunderern (schließlich sind Kameras anwesend!) majestätisch zuwinkt. Als ihr dann auch noch ein Strauß Rosen geschenkt wird (Gaultier hat sich an dieser Stelle schon längst mit seinem Nebenrollen-Part an diesem Tag abgefunden), wird das Bild der Kaiserin Sisi-Inszenierung noch runder. Nicht, dass Conchita dies beabsichtigt hätte. Aber stören dürfte es sie wohl auch nicht.

Während Gaultier die Kameras schnell zu vergessen scheint, scheint dies Conchita nicht so ganz zu gelingen: Zu viel Medienprofi ist sie seit ihrem fulminanten ESC-Sieg dafür geworden, zu sehr öffentliche Person, zu sehr „Säulenheilige der selbstbestimmten Sexualität, (…) Antlitz eines angeblich liberalen Europas, manche sahen ihn ihr gar die Widerstandskämpferin gegen eine homophobe Putin-Politik“, wie „Die Zeit“ so schön die öffentliche Persona Wurst umschreibt. Das ist okay, manchmal aber auch irritierend – zum Beispiel an der Stelle, an der Conchita gegenüber Gaultier betont, wie „höflich und schüchtern“ die Österreicher nicht seien. All die Anfeindungen, die ihr seitens ihrer Landsleute bis heute entgegenschlagen, scheinen in diesem Moment vergessen oder verdrängt zu werden. Entweder hat der Erfolg Conchita Wurst milde gemacht, was sie ehren würde. Oder Kritik passt nicht in ihre neue Rolle als Sisi der Nation.

Wie auch immer: Knapp eine Stunde gemeinsam mit Jean-Paul Gaultier und Conchita Wurst Wien zu entdecken, hat Spaß gemacht. Oder, wie es der französische Designer so treffend am Würstelstand ausdrückte: „Danke für die Wurst, liebe Conchita!“ Klischees hat man an diesem Tag halt sehr lieb gehabt.

(orf eins strahlt „Durch die Nacht mit … Conchita Wurst und Jean-Paul Gaultier“ im Rahmen von „Die Nacht“  am 2. Dezember aus).

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About the Author

Ich bin freiberuflicher Journalist in Österreich (I’m a freelance journalist in Austria) – und wie das bei Journalisten so ist, schreibe ich über alles (naja, fast alles) lieber als über mich selbst. In meinem Fall: Kultur, Pop, Popkultur – und alles, was dazwischen liegt. Weil man Lifestyle, Musik, Film, TV, Gesellschaftskritik, Politik und Gossip nun mal nicht trennen kann. Weil Populärkultur der Spiegel der Gesellschaft ist. Und weil ich als Journalist der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten will. Man könnte auch sagen: Popkultur mit Niveau. Infotainment vom Feinsten.



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